Die 18-jährige Leonie Böllinger koordiniert die Helfer am Krötenzaun. Foto: Tom Bloch

Von wegen Einsamkeit vor den Toren Stuttgarts: Direkt am beschaulichen Schloss Solitude muss beim Liebesgeplänkel der Kröten erheblich nachgeholfen werden.

Stuttgart-West - Im Frühjahr, wenn die ersten Sonnenstrahlen über Wald und Wiesen streichen, dann wachen sie auf. Und ruckzuck werden sie erregt und setzen sich in Marsch. Also, erst wird’s schlüpfrig, dann schlüpft der Nachwuchs, bei Herr und Frau Erdkröte, wissenschaftlich bekannt als Bufo bufo.

 

Doch so richtig flutschen tut’s bei Amphibien halt nur im Wasser. Und zwar im angestammten Laichgewässer. Genau dorthin treibt es die paarungswilligen Froschlurche. Sobald die Nachttemperaturen die fünf Grad Celsius nicht mehr unterschreiten, beginnen die wundersam synchronen Wanderungen, also genau jetzt im März. Mit dem für Flora und Fauna üblichen Handicap: dem Menschen und seiner doch egoistischen Lebensweise. Denn zwischen dem angestammten Lebensraum und dem idyllischen Laichgewässer ziehen zumeist todbringende Hindernisse. Befahrene Straßen, die den Weg zur Fortpflanzung für Erdkröten gleichzeitig auch den Weg ins Nirwana bedeuten können. Damit die geschützte Arten sowohl den Hin- als auch den Rückweg unbeschadet überstehen, wandern zur Paarungszeit nicht nur die Kröten, sondern auch Menschen – Freiwillige, die von Eimer zu Eimer ziehen, den zuvor gespannten Krötenzaun entlang.

Mit Warnweste, Eimer und Gartenschaufel

Neben Zaun-Komplexen in der Falkenstraße in Sonnenberg und am Frauenkopf kümmert sich der Naturschutzbund (Nabu) Stuttgart auch um die Zaunanlagen rund um das Schloss Solitude. Jeden Morgen, sieben Tage die Woche, immer von Mitte Februar bis Mitte Mai. „Wenn es so ein schönes Wetter ist, ist das doch ein Vergnügen“, sagt Leonie Böllinger, die nach ihrem Abitur im vergangenen mit dem Freiwilligen Ökologischen Jahr beim Nabu Stuttgart angefangen hat. Jetzt hat die 18-Jährige das Krötenzaun-Projekt unter sich, koordiniert die zahlreichen freiwilligen Helfer, macht die Auswertung und geht mindestens einmal die Woche selbst auf Tour, mit Warnweste, Eimer und Gartenschaufel, um den liebestoll gewordenen Kröten den Fortpflanzungsakt zu ermöglichen. Der Hinwanderungszaun hat rund 65 Eimer, immer mit Laub gefüllt und einem darin lehnenden längeren Stöckchen. „Damit zufällig reinfallende Mäuse und andere Tiere auch gleich wieder rausklettern können“, sagt Böllinger, während sie, mit dem Ast stochernd, ganz behutsam das Laub im Eimer durchsucht. Kröten schaffen diese akrobatische Leistung nicht, einfach am Stöckchen hochzuklettern. Offenbar auch nicht die dicke Feldmaus, die die Nacht in Eimer 56 verbracht hat, und an diesem Morgen den ersten tierischen Fund darstellt. Vorsichtig nimmt Leonie Böllinger das putzige Tierchen mit der Gartenschaufel auf und setzt es mit ein wenig Abstand in die Pampa. „Ich will ja nicht, dass sie gleich wieder in einen Eimer fällt.“

Alles wird akribisch ins Smartphone eingetippt und später im Büro in die Listen übertragen. Weiterer Beifang können Molche sein, oder auch Laufkäfer, so wie das schwarze, am Hinterleib grünmetallisch glänzende Kerlchen, das im Eimer 27 übernachtete. „Wir notieren auch die Anzahl der Laufkäfer während des Krötenzaun-Monitorings und melden sie über unseren entomologischen Experten an ein Citizen-Science-Projekt.“ Das freut die Insektenforscher, wenn gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden.

Die Zahl der Kröten nimmt kontinuierlich ab

Aber im Mittelpunkt stehen die Kröten und natürlich werden auch diese gezählt. Insgesamt 200 der neun (Männchen) bis 12 Zentimeter (Weibchen) langen Amphibien waren es im vergangenen Jahr, denen der Nabu Stuttgart über die Straße half. „Die Zahl nimmt kontinuierlich ab“, sagt die Umweltschützerin. Bis zu 1600 waren es früher im Bereich der Solitude, wie sie den Unterlagen des Nabu Stuttgart entnehmen konnte. Schuld am Rückgang sind zum einen natürliche Fressfeinde und lang anhaltende Trockenheit, aber in erster Linie die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume durch den Straßenbau.

An diesem Morgen gehen drei Erdkröten erst in die Statistik ein, und werden dann am Ufer ihres Laichgewässer östlich vom Schloss wieder freigelassen. Sie haben es geschafft, und können sich dort nun munter fortpflanzen und damit zur Arterhaltung beitragen. Wenn es wärmer wird, wenn es vor allem feuchter wird, dann kriechen noch mehr Artgenossen los. Und später, nach der Eiablage (rund 3000 bis 6000 Stück pro Weibchen) auch wieder zurück.

Gerade haben Mitarbeiter der Garten-, Friedhofs- und Forstamtes der Stadt Stuttgart den Rückwanderungszaun aufgebaut, der aufgrund von Bestimmungen nur temporär errichtet werden darf, um das optische Gesamtbild im Schlossbereich nicht längerfristig zu verschandeln, führt Leonie Böllinger aus. Der Hinwanderungszaun unterhalb des Schlosses bleibt allerdings das ganze Jahr über stehen. Hier werden nach der Krötenwanderung nur die Eimer mit Rindenmulch befüllt und mit Deckeln verschlossen, damit sie keine potenziellen Fallen darstellen.

Auch die dreieckigen Warnschilder bleiben montiert. Sie können für die Krötenwanderungszeit einfach ausgeklappt werden.