Was haben das Volksfest, der VfB, das Berliner Lollapalooza-Festival und die Fußball-EM gemeinsam? Die Sicherheitslage wird vorab mit einer neuartigen Software aus Stuttgart analysiert.
Ort und Zeitpunkt könnten kaum besser gewählt sein. Im Bauch der Stuttgarter MHP-Arena haben sich am Freitagnachmittag Vertreter von Polizei und Innenministerium versammelt, um über ein Projekt zu sprechen, das die Stuttgarter Polizei seit Jahren entwickelt und das jetzt die große Bühne betritt. Unter anderem an diesem Tag und an diesem Ort. Nur wenige Meter weiter spielt am Abend der VfB Stuttgart in der Bundesliga gegen Darmstadt 98. Vor knapp 55 000 Besuchern. In Sichtweite beginnt auf dem Wasen das Cannstatter Volksfest. Dort werden weitere Zehntausende Gäste erwartet. Doch was passiert, falls es in einer solchen Konstellation zu einer Katastrophe kommen sollte?
Diese Frage klingt martialisch, doch sie ist nicht unrealistisch. Das war zuletzt bei mehreren Massenpaniken weltweit zu sehen, aber auch in Deutschland bei der Loveparade in Duisburg im Juli 2010. Damals hatte es 21 Tote und 650 Verletzte gegeben, weil das Gelände für den Ansturm nicht gewappnet und es an einer Engstelle zu einem schlimmen Gedränge gekommen war.
Bei der Stuttgarter Polizei hat sich der heutige Vizepräsident Carsten Höfler in den vergangenen Jahren mit den Szenarien bei Großveranstaltungen beschäftigt. Im Projekt Escape ging es darum, vor Massenereignissen die Lokalitäten und Besucherströme zu analysieren. Auf dem Wasengelände etwa wurden daraufhin bauliche Anpassungen vorgenommen, damit die Besucher bei Unwettern, Terroranschlägen oder anderen Szenarien möglichst schnell und sicher vom Gelände kommen – und umgekehrt Retter und Polizei möglichst schnell aufs Areal. Doch als Höfler und seine Mitstreiter mehrere parallele Großereignisse untersuchen wollten – etwa Volksfest, Fußballspiel und Konzert im Neckarpark – stellten sie überrascht fest, dass es dafür keine Software gibt.
Also gingen sie selbst ans Werk, suchten Verbundpartner, trieben über eine Million Euro Fördergelder ein – zum ersten Mal wurde in Baden-Württemberg ein Polizeipräsidium federführend bei einem Forschungsprojekt, dem Nachfolgeprojekt Escape Pro. Mit im Boot: Die Münchner Accurate GmbH, die viel Fachkenntnis bei der Analyse von Personenströmen mitbringt. Gemeinsam haben beide die Simulationssoftware crowd:it weiterentwickelt. Mit ihr ist es möglich, die Entfluchtung mehrerer gleichzeitig stattfindender Großereignisse vorab zu berechnen, Engstellen zu erkennen und Vorkehrungen zu treffen.
„Ein solches Simulationstool für die Einsatzplanung haben die Polizeien in Deutschland bisher noch nicht“, sagt Höfler. Doch interessant ist die Software auch für Feuerwehr, Rettungsdienste oder Kommunen. Deshalb sind die Städte Stuttgart und Köln mit ihren jeweiligen Berufsfeuerwehren ebenfalls mit im Boot.
Jetzt geht das Projekt in die Praxisphase. Und das in ganz großem Stil. Die Polizeipräsidien in allen zehn Gastgeberstädten der Fußball-EM im nächsten Sommer in Deutschland sind eingestiegen und werden die Entfluchtungslage rund um die Spiele vorab analysieren. Doch die ersten Tests sind schon angelaufen. In Stuttgart werden mögliche Wechselwirkungen zwischen Volksfest und VfB-Spielen untersucht, in Hamburg demnächst die Veranstaltungen am Tag der Deutschen Einheit. Und Berlin hat bereits einen Probelauf hinter sich: Dort ist die Software vor kurzem beim Lollapalooza-Festival zum Einsatz gekommen. „Diese ersten Erfahrungen sollen bis zur EM schon einfließen und eventuell nötige Anpassungen liefern“, sagt Höfler.
In Stuttgart Test mit Wasen und Fußball
In Stuttgart geht’s jetzt zum Wasenstart los. „Dieses neue intelligente Einsatztool wird für die Polizei ganz neue Erkenntnisse bringen. Wir wollen mit Escape Pro bundesweit die Sicherheit bei Großveranstaltungen verbessern“, sagt Innenminister Thomas Strobl. Das Interesse daran sei sehr groß – wohl zurecht angesichts der „gigantischen Herausforderungen“ bei der Fußball-EM im nächsten Jahr.