Auch im Straßenverkehr geht es heutzutage aggressiver zu, beobachtet die Polizei. Foto: dpa

Frank Iniec vom Kornwestheimer Polizeirevier erklärt im Interview, wie die Polizei damit umgeht, dass die Menschen heute ihre Streitigkeiten seltener untereinander regeln können.

Kornwestheim – - Die Menschen rufen heute schon bei Kleinigkeiten schnell nach dem Staat, Einsicht und Rücksichtnahme sind längst nicht mehr en vogue. Was das für die Polizei bedeutet und wie die Beamten damit umgehen, erläutert im Interview mit unserer Zeitung Frank Iniec, der kommissarische Leiter des Kornwestheimer Polizeireviers, das im Kreis Ludwigsburg auch für Asperg, Möglingen, Remseck und Tamm zuständig ist.

Herr Iniec, im Kornwestheimer Gemeinderat haben Sie kürzlich den Satz fallen lassen, dass die Menschen heute ihre Streitigkeiten nicht mehr untereinander regeln. Was steckt dahinter?

Wir bemerken einerseits, dass Nachbarn langjährige Streitereien pflegen, die sie nicht beilegen. Andererseits bekommen sich die Menschen immer häufiger schon wegen Kleinigkeiten in die Haare und rufen dann auch gleich die Polizei.

Wegen Kleinigkeiten?

Ja, da steht der Mülleimer falsch in der Einfahrt, der Ast hängt über den Gartenzaun, das Auto ragt zehn Zentimeter auf den Hof des anderen, jemand parkt falsch – und schon wird die Polizei herbeigebeten, um zu klären. Wir lachen über Soaps im Fernsehen, aber das echte Leben ist oft gar nicht so weit davon entfernt.

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Woran machen sie fest, dass die Leute häufiger die Polizei rufen und der Tonfall schriller wird?

Einerseits sind das Erfahrungswerte. Wir Polizisten tauschen uns natürlich aus. Andererseits zeigen das auch schlicht die Zahlen. 2017 wurden wir zu 262 Einsätzen wegen Ruhestörungen im Stadtgebiet Kornwestheim gerufen – darunter fallen Einsätze, die generell Streitereien, Lärmbelästigungen und Ähnliches umfassen, die wir dann aber nicht als Anzeige an die Staatsanwaltschaft weitergeben und sie auch nicht beispielsweise unter Beleidigung oder Körperverletzung führen, weil so etwas dann doch nicht vorlag. Im Jahr 2018 waren es schon 338 solcher Ruhestörungen, fast 30 Prozent mehr als 2017. Wir könnten auch zehn Jahre zurückgehen, dann finden wir noch sehr viel niedrigere Zahlen vor.

Woher kommt diese Entwicklung Ihrer Meinung nach?

Wir beobachten, dass die Aggressivität zugenommen hat und das Konfliktverhalten vieler Menschen untereinander schlechter geworden ist. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die sich auch im Kleinen zeigt. Die Einsicht für das eigene Fehlverhalten ist oft nicht mehr da, man fordert Freiheiten für sich selbst, akzeptiert aber keine Einschränkung von anderer Seite. Weitere Faktoren gesellen sich dazu. Da gibt es auch Berührungsängste und Verständigungsprobleme: Die Anonymität steigt, manche trauen sich nicht, mit Nachbarn aus anderen Kulturkreisen ins Gespräch zu kommen – auch hier werden wir dann angefragt, um Streitereien zu lösen oder zu vermitteln.

Ist das denn ein vorrangig städtisches Problem?

Die Enge in Städten verschärft es. Viele Gebäude sind in Leichtbauweise errichtet, sehr hellhörig, das fördert Konflikte unter Nachbarn. Auch wird der öffentliche Raum enger, Häuser werden dicht gebaut, es gibt immer mehr und größere Autos. Pkw, Fahrräder, Fußgänger müssen sich den Straßenraum teilen, der verfügbare Parkraum nimmt ab.

Das sieht man beispielsweise in der Bahnhofstraße, wo es oft zu Streit kommt ...

… ja, das ist ein Beispiel. Bequemlichkeit kommt hinzu, man möchte möglichst direkt am Zielort parken und lässt sich das auch nicht von Parkregeln verwehren. Wir haben übrigens mit dem Gemeindevollzugsdienst vor Kurzem besprochen, dass wir in der Bahnhofstraße stärker unterstützen. An Samstagen beispielsweise sollen künftig Polizeibeamte häufiger kontrollieren. Mal sehen, was das bringt – die Stadt selbst macht ja bereits viel im Innenstadtbereich, hat hier viele Ordnungskräfte im Einsatz.

Was bedeutet die Situation aus Sicht der Polizei?

Unterm Strich haben wir natürlich mehr Einsätze, die Streifen sind länger vor Ort, wir investieren auch mehr Zeit für die Bürokratie im Nachgang. Jede Anzeige muss ja bearbeitet werden. Zumal manche Bürger es nicht einsehen wollen, wenn ihnen gesagt wird, dass sie nicht im Recht sind oder es keine Handhabe gibt. Da wird dann erst die Kommune bemüht, dann die Polizei, und wenn dann nicht das gewünschte Ergebnis da ist, heißt es: ‚Dann gehe ich eben zur Presse‘.

Fehlt ihnen und ihren Kollegen dann nicht die Zeit für wichtigere Aufgaben?

Wenn ein dringender Fall dazwischenkommt, dann priorisieren wir natürlich entsprechend. Ansonsten stellen wir uns eben darauf ein, dass wir häufiger als früher zu kleineren Streitigkeiten gerufen werden. Klar ist ja trotz allem: Das ist unser Job, wir haben auch kein Problem damit kontrolliert zu werden, und die Bürger dürfen immer auf uns zukommen. Das gehört zu den Aufgaben einer Polizei in einem Rechtsstaat und dass die Menschen uns vertrauen und sich an uns wenden, wenn sie Probleme haben, darauf können wir natürlich auch stolz sein. Nur: Manchmal wäre es wünschenswert, wenn die Leute einfach etwas gelassener miteinander umgingen.

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