Ein kleiner Sprengel der Bad Cannstatter Altstadt steht beim Einkommensmix fast perfekt für die Gesamtstadt. Was dieses Quartier ausmacht – und wieso dort die Stadt von morgen gelebt wird.
Bad Cannstatt ist nicht nur der älteste und mit rund 70 000 Einwohnern bevölkerungsreichste Stadtbezirk Stuttgarts, sondern mit Blick aufs Einkommen auch einer der vielfältigsten. Die Karte in unserem Projekt „Einkommensatlas“ ist in Bad Cannstatt ziemlich bunt. Besonders interessant ist ein Sprengel in der Altstadt zwischen Marktstraße, Brählesgasse und Neckar. Dieser Block gleicht bei der Einkommensverteilung stark der Gesamtstadt. Von ganz niedrigen bis zu den hohen Einkommen beträgt die Abweichung höchstens vier Prozentpunkte: ein Abbild Stuttgarts auf engstem Raum.
In diesem Teil der Altstadt leben deutlich mehr Gutverdiener als im Rest Bad Cannstatts – und weniger Haushalte mit Einkommen unter 1500 Euro netto. Warum leben sie in der historischen Altstadt? Welche Qualitäten bietet ein kleines Quartier, in dem 100 Quadratmeter große Wohnungen so rar sind wie Parkplätze vor der Haustür? Und was kann Stuttgart aus dieser recht repräsentativen Nachbarschaft lernen?
Bezahlbare Miete
„Wir haben hier eine sehr hohe Lebensqualität, vor allem außerhalb der eigenen vier Wände“, sagt Deborah Köngeter. Sie zog nach ihrem Studium 2010 vom Stöckach im Stuttgarter Osten über den Neckar in diesen Teil von Bad Cannstatt. „Nicht gezielt, sondern eher zufällig“, sagt die 38-Jährige. „Ich war damals auf Wohnungssuche und in der Cannstatter Altstadt war etwas frei.“ Die Miete war für die 72-Quadratmeter-Altbauwohnung in einer Seitengasse zur Marktstraße okay, die Rahmenbedingungen hervorragend. Dazu zählt für Köngeter, die heute verheiratet und Mutter dreier Kinder im Alter von vier, sieben und neun Jahren ist, vor allem der sehr gute ÖPNV-Anschluss am nahen Wilhelmsplatz.
Diese Anbindung ans Stadtbahnnetz ist der Stadträtin (Stadtisten) wichtiger als der eigene Wagen vor der Haustür. „Kita, Schule und vieles mehr sind in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen – das sind für mich Faktoren, die über Wohnqualität entscheiden“, sagt Köngeter.
Viel los im Block
Zwei Hinterhöfe gehören den Autos, einer den Kindern – dank einer kleinen Spielfläche. Abseits der viel befahrenen Badstraße hat das Quartier wenig Autoverkehr. Der Neckar ist so nah wie die Stadtbahn und die Grünfläche am Seilerwasen. Die Nachbarschaft ist also auch jenseits der Einkommen irgendwie ganz Stuttgart auf sehr kleinem Raum. Wobei der tägliche Einkauf nicht überall so leicht fällt wie in der Bad Cannstatter Altstadt. In anderen Stadtteilen, etwa Birkenäcker, Espan oder Winterhalde, wird er leicht zur logistischen Herausforderung, die ohne Auto kaum zu bewältigen ist.
Wohnqualität vor der Haustür
Nach wie vor ist die Fußgängerzone ordentlich bestückt. „Dreimal pro Woche habe ich einen großen Markt auf dem Marktplatz vor der Haustür“, berichtet Deborah Köngeter. Seit 2019 setzt sie sich als Stadträtin auch für Themen wie mehr bezahlbaren Wohnraum oder eine Verbesserung des Wohnumfelds ein.
Sie kann sich noch gut erinnern, wie sie vor 14 Jahren in die Altstadt zog. Damals stritten Politik, Verwaltung und Einzelhandel noch über einen autofreien Marktplatz. 50 Stellplätze weniger: die lokale Geschäftswelt prognostizierte damals eine düstere Zukunft und leere Kassen. 14 Jahre später kräht kein Hahn mehr danach. „Ein gutes Beispiel für Stadtentwicklung in meinem Sinn, denn für eine lebenswerte Stadt gehört für mich ein öffentlicher Raum, der zum Aufenthalt und zur Kommunikation einlädt“, sagt Köngeter. Als Beispiele nennt sie den Abendmarkt oder das Wasserspiel für Kinder.
Bei all der Begeisterung für ihr Leben im Altstadtambiente ist die Architektin und Stadtplanerin, die sich zusammen mit ihrem Mann selbstständig gemacht hat, Realistin genug geblieben: „Wir haben zwar unsere Wohnung gut organisiert und gelernt, mit wenig Platz effizient umzugehen. Trotzdem werden die Kinder älter.“
Durchschnittswohnung reicht nicht mehr
Köngeters 72 Quadratmeter entsprechen zwar ziemlich genau der durchschnittlichen Wohngröße in der Bad Cannstatter Altstadt. Sie liegen aber auch unter dem Stuttgartschnitt von 78 Quadratmetern, und die fünfköpfige Familie wird mittelfristig nicht um den Umzug in eine größere Wohnung herumkommen. „Allerdings wollen wir unbedingt in der Cannstatter Altstadt bleiben“, sagt Deborah Köngeter. Zumal sich das Geschäftsbüro ebenfalls „um die Ecke“ im benachbarten Wohnblock befindet.
Ungern würde die 38-Jährige auch das Wohnumfeld mit „bekannten Gesichtern und netten Nachbarn“ hergeben. Und schon gar nicht auf eine schöne, sommerliche Familientradition verzichten: bei schönem Wetter packt Familie Köngeter den Picknickkorb und spaziert in den Kurpark: „Es lebt sich halt gut in einer Fünf-Minuten-Stadt“.
Serie
Mit unserer Serie „Einkommensatlas“ zeigen wir in den kommenden Wochen für alle Stuttgarter Stadtbezirke, wo Gut- und Geringverdiener wohnen – und wie man in der Stadt damit umgeht. Wir zeigen die Daten auf Karten und ordnen sie ein. Auf unserer Themenseite finden Abonnentinnen und Abonnenten die interaktive Karte sowie erste Analysen.
Daten
Die Einkommensschätzung stammt vom Daten- und Marktforschungsunternehmen infas360. Das Rechenverfahren trifft in den meisten Fällen die richtige Einkommensklasse, kann aber auch von der Realität abweichen. Es sagt weniger über einzelne Haushalte aus, sondern vor allem über die Verteilung von Einkommen von Nachbarschaft zu Nachbarschaft. Mehr zur Methodik erfahren Sie hier.