Zwischen Vierteln an unterschiedlichen Enden der Stadt zeigen sich Gemeinsamkeiten – nicht nur in Sachen Einkommen. Foto: Imago/Arnulf Hettrich/Montage: Scholz

Es gibt in Stuttgart Nachbarschaften, in denen ziemlich gut verdient wird. Vier Faktoren geben Hinweise darauf, ob ein Viertel eher arm oder eher reich ist.

Nur der Ramsbach trennt das reichste und eins der ärmsten Stadtviertel in Stuttgart. In Schönberg und Birkach-Nord leben Gut- und Geringverdiener fast nebeneinander – und doch jeder in seinem Stadtteil. Knapp zwei von drei Haushalte in Birkach-Nord haben weniger als 1500 Euro netto zur Verfügung, in Schönberg ist es einer von hundert. Dafür liegen dort 60 Prozent der Haushalte in der höchsten Einkommensklasse mit mehr als 5000 Euro im Monat. Das zeigt unsere Auswertung von infas360-Daten für das Projekt Einkommensatlas. Noch deutlicher sind die Unterschiede, wenn man das Jahresnetto vergleich: rund 86 000 Euro hat der durchschnittliche Haushalt in Schönberg zur Verfügung, gut 47 000 Euro in Birkach-Nord.

 

Nicht nur bei den Einkommen sind die beiden Stadtteile verschieden. Mit den meisten anderen Stuttgarter Gut- und Geringverdienervierteln haben sie manches gemeinsam. Wir haben mehrere Faktoren gefunden, die ganz wesentlich über die Einkommen in einem Stadtteil bestimmen. Dafür haben wir mehr als hundert Variablen und ihren Zusammenhang mit hohen und niedrigen Einkommen analysiert. Die Grundlage bilden Daten von infas360 und der „Statistikatlas“ der Stadt Stuttgart.

Diese fünf Faktoren sagen die Einkommensverteilung in Stuttgarts Stadtvierteln am besten vorher:

1. Wohnungsgröße (starker Zusammenhang)

Gutverdiener leben in größeren Wohnungen und Häusern – und in Stadtteilen, die entsprechende Wohnflächen zu bieten haben. Während ein Einwohner in Schönberg durchschnittlich 60 Quadratmeter (qm) zur Verfügung hat und die Wohnungen im Mittel 109 qm groß sind, sind es im benachbarten Birkach-Nord nur 33 qm pro Person und die Durchschnittswohnung ist 78 qm groß.

Die Unterschiede in Stuttgart decken sich mit anderen Erkenntnissen – Daten des Mikrozensus 2022 des Statistischen Bundesamtes zeigen zum Beispiel ebenfalls, dass Menschen mit höheren Einkommen in größeren Wohnungen leben.

Auch der Anteil der Wohnungen mit mehr als vier Räumen, die Eigentümerquote und der Anteil der Ein- und Zweifamilienhäuser hängen mit hohen Einkommen zusammen. In Birkach-Nord und Schönberg kann man die Unterschiede sogar aus der Luft sehen, wie groß die Unterschied zwischen Ein- und Zweifamilienhäusern und größeren Wohnhäusern sind:

Beispielansicht von Birkach-Nord (links) und Schönberg (rechts). Foto: Stadt Stuttgart

Die Wohnungsgröße fällt in unserem Modell am stärksten mit den Nettoeinkommen in einem Stadtteil zusammen – sie erklärt zwischen 5 und 20 Prozent der Unterschiede. Details zur Methodik finden Sie unten.

2. Migrationshintergrund (starker Zusammenhang)

Während auf dem Killesberg 30 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund haben, also mindestens ein Elternteil mit nicht-deutscher Nationalität, sind es im benachbarten Stadtteil am Feuerbacher Bahnhof doppelt so viele (62 Prozent). Zwischen beiden liegt ein Kaufkraftunterschied von 28 000 Euro pro Jahr beziehungsweise 2300 Euro pro Monat. Ein Extrembeispiel? Nicht unbedingt, denn der Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund hängt stark mit dem Einkommen im jeweiligen Viertel zusammen. Das sehen wir besonders in Stuttgart Nord und den benachbarten Stadtteilen. Mit einem Klick auf den Stadtteil können Sie den Zusammenhang zwischen Einkommen und Migrationshintergrund erkunden:

Der Anteil von Einwohnern mit Migrationshintergrund erklärt in unserem Modell bis zu 10 Prozent der Einkommensunterschiede. Wichtig: wir errechnen statistische Zusammenhänge, aber keine kausalen Zusammenhänge. Dass in einem Viertel viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, heißt nicht, dass genau sie auch geringere Einkommen haben. Warum die Stadtviertel, in denen ein Migrationshintergrund häufig ist, ärmer sind – das kann unser Modell nicht erklären.

In Studien zu sozialen Unterschieden in Städten finden sich Hinweise darauf, dass Armut und Ethnie oft zusammenhängen – Tendenz steigend. Der Ungleichheitsforscher Marcel Helbig zeigt in einer Studie von 2023, dass unter anderem auch in den Stuttgarter Stadtteilen ein Zusammenhang zwischen Armut und Ausländeranteil besteht und zugleich auch Ausländer häufiger arm sind. Mit dem hier gezeigten Trend lässt sich das allerdings nur eingeschränkt vergleichen – Helbig bezieht sich nicht auf das Haushaltseinkommen, sondern auf den Anteil an Bürgergeldempfängern, und auch ausländischer Pass und Migrationshintergrund sind keineswegs dasselbe.

3. (Elektro-)Autos (starker Zusammenhang)

Stuttgart ist eine Autostadt. Das gilt vor allem für die Gutverdienerviertel. Dort ist die Motorisierung merklich höher, ebenso der Anteil der Elektroautos. Im Stadtteil Lenzhalde fahren beispielsweise mehr als fünf Prozent aller Autos elektrisch. Im benachbarten Feuerbacher Tal sind es nur knapp über ein Prozent. Die durchschnittliche Kaufkraft ist dort um 20 000 Euro geringer.

Auch die Zahl der privaten Pkw pro Einwohner hängt stark mit den Einkommen zusammen. Das sieht man beispielhaft an Uhlbach und Untertürkheim: In Uhlbach kommt auf mehr als jeden zweiten Mensch ein Auto (534 private Pkw pro 1000 Einwohner), in Untertürkheim nur auf knapp jeden Dritten (340). Das Haushaltsbudget unterscheidet sich um fast 20 000 Euro pro Jahr.

Etwa drei bis sechs Prozent der Einkommensunterschiede erklären sich in unserem Modell mit dem Anteil der Elektroautos.

4. Kinder (mittelstarker Zusammenhang)

In Stadtteilen mit einem hohen Familienanteil leben häufiger als anderswo viele Haushalte mit einem Nettoeinkommen von 3500 bis 5000 Euro pro Monat. Für die höchste Einkommensstufe von mehr als 5000 Euro pro Monat ist der Zusammenhang deutlich schwächer. Zudem drücken die vielen Familien den Anteil der Einkommensgruppen unter 2500 Euro Nettoeinkommen.

Die Werte beziehen sich auf das Haushaltseinkommen unabhängig von der Zahl der Haushaltsmitglieder. Das ist insofern logisch, als in Familien vielfach zwei Erwachsene leben, die oft auch beide zum Haushaltseinkommen beitragen. Das bedeutet allerdings nicht zwingend, dass Familien in Saus und und Braus leben: berücksichtigt man die durchschnittliche Zahl der Haushaltsmitglieder und damit die zu versorgenden Kinder, dann fallen Familien-Stadtteile wie Im Raiser (Zuffenhausen) im innerstädtischen Einkommensvergleich deutlich ab. Ebenfalls auffällig: In Stadtteilen, in denen viele Alleinerziehende leben, sind die Einkommen typischerweise geringer.

5. Weitere Faktoren (mittelstarker Zusammenhang)

Die Haushaltseinkommen in den Stuttgarter Stadtteilen hängen noch mit weiteren Faktoren zusammen. Sie haben jeweils ebenfalls einen mittelstarken bis starken Einfluss, den wir in der folgenden Tabelle erklären:

Die Ergebnisse unserer Analyse sind wenig überraschend. Doch sie ermöglichen einen besseren Blick auf die Stadt und ihre Strukturen – und die Art und Weise, wie die Stuttgarterinnen und Stuttgarter die Unterschiede zwischen den Stadtteilen wahrnehmen.

Wie wir gerechnet haben

Daten
Grundlage für unsere Berechnungen sind Daten zu den in sechs Klassen eingeteilten Haushalts-Nettoeinkommen beziehungsweise dem jährlichen Haushaltsnetto in den 152 Stuttgarter Stadtteilen. Die Daten stammen vom Informationsdienstleister infas360. Die Daten beruhen auf Schätzungen, in die verschiedene Faktoren einfließen, unter anderem die Kaufpreise für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser, Gebäudetyp, Altersklassen sowie die Zahl der Kinder in einem Haushalt. Infas 360 glich die Daten dann mit hauseigenen und adressgenauen Befragungen ab. Die übrigen Faktoren stammen aus dem Statistikatlas der Stadt Stuttgart sowie teilweise ebenfalls von infas360.

Methodik
Um die relevanten Einflussfaktoren zu identifizieren und weniger relevante auszuschließen, haben wir sogenannte Lasso-Regressionen angewandt. Unser Modell erklärt knapp 70 Prozent der Einkommensunterschiede in den infas360-Daten für Stuttgart. Zudem haben wir für alle Variablen den sogenannten Korrelationskoeffizient errechnet. Er drückt aus, ob es einen linearen Zusammenhang zwischen den Einflussfaktoren und dem Einkommen gibt und, wichtiger noch, ob er positiv oder negativ ist – ob also beispielsweise ein höherer Kinderanteil in einem Stadtteil mit höheren oder niedrigeren Einkommen zusammenhängt.