Das Einkaufscenter Gerber aus der Perspektive von der Paulinenbrücke Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nach einigen Fehlschlägen seiner Vorgänger startet das Gerber-Gechäftsführer Peter Fiegle einen Neuanfang. Als Zielgruppe hat Fiegle die Millenials entdeckt. Zudem soll der „Un-Ort“ rund um die Mall zu einem „Hot-Spot“ in der Stadt werden.

Stuttgart - Leerstand, Leerstand, Leerstand. Im Einkaufscenter Gerberstehen derzeit sieben Ladenflächen leer. Hat die Mall, die am 23. September 2014 eröffnet wurde und inzwischen einige hochkarätige Berater verschlissen hat, die Kurve doch nicht gekriegt? Bleiben die Kunden aus? Stimmt der Mietermix nicht? „Keine Sorge“, sagt Center-Manager Kemal Düzel, „bei uns ist alles in bester Ordnung.“ Der Umsatz sei im Vergleich zum Vorjahr um 1,4 Prozent, die Frequenz um 0,2 Prozent gestiegen. Und das trotz Umbaumaßnahmen im Erdgeschoss. Gerber-Geschäftsführer Peter Fiegle ergänzt: „Wir stehen im Moment in einem starken Umbruch.“

Rothaus-Brauhaus als neuer Anker

Der Umbruch wird einerseits durch das Engagement der Rothaus-Brauerei im Erdgeschoss markiert. Es entsteht dort auf 800 Quadratmetern ein Brauhaus, das laut Fiegle „eine Strahlkraft über Stuttgart hinaus als touristischer Anziehungspunkt haben soll“. Das Rothaus-Lokal soll der neue Ankermieter des Gerbers werden. Zum Zweiten will der Handelsexperte aus München „Leerstände nutzen, um Handlungsspielraum für Veränderungen zu haben“.

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Im Grunde kompensiert Fiegle nun, was schon bei der Planung des Centers schiefgelaufen und irreparabel ist: Die Lebensmittelmärkte können direkt aus der Tiefgarage angelaufen werden, ohne Kontakt mit dem Center und seinen Läden zu bekommen – aus Sicht erfahrener Centermanager ein Sündenfall. Zudem kann der Food-Bereich aus technischen Gründen nicht im Obergeschoss angesiedelt werden. So eine Maßnahme hatte den Königsbau-Passagen bessere Frequenzen auf der gesamten Fläche beschert. Schließlich räumt der Geschäftsführer ein: „Wir hatten viele Konzepte, die nicht ins Gerber gepasst haben.“ Vor allem die Essenskonzepte waren Fiegle ein Dorn im Augen: keine Qualität, kein Garant für Verweildauer. Genau das soll sich ändern: „Ich will das alles nicht mehr. Es kommt nur noch rein, was einzigartig ist und für Stuttgart Bedeutung hat.“

Fiegle schielt auf die Zielgruppe der Millenials – auf Menschen, die zwischen 1985 und 2000 geboren sind. „Diese Gruppe hat die größte Abstrahlkraft“, erläutert er, „an ihr und ihrem Konsumverhalten orientieren sich die Jüngeren und die Älteren.“ Zudem versucht sich das Gerber auf dem Stuttgarter Markt grundsätzlich neu zu positionieren. Das Kundenprofil soll jenseits des Massenpublikums der Königstraße und des Milaneos am Hauptbahnhof, aber auch entfernt vom klassischen Breuninger-Kunden liegen. „In dieser Nische wollen wir zupacken“, sagt er.

509 m² stehen leer

Um die Veränderungen umzusetzen, brauche man einen längeren Atem – und Manövriermasse. Damit sind die momentanen Leerstände gemeint, die sich Fiegle „leisten will“, um handlungsfähig für neue Konzepte sein zu können. Er weist darauf hin, dass die Zahl der leer stehenden Läden zwar hoch sei, aber im Hinblick auf die Gesamtladenfläche (25 000 Quadratmeter) mit 509 Quadratmeter eher gering ausfalle. „Um dem Gerber in Zukunft noch mehr Klarheit geben zu können, brauche ich diese Spielflächen.“

Dazu braucht der Gerber-Geschäftsführer auch das Umfeld, das er mit gestalten will. Es gehe darum, sagt er, „einen Unort zu einem Hotspot“ zu verwandeln. In Teilen ­habe die Initiative Stadtlücken am Österreichischen Platz damit bereits begonnen, doch Fiegle will noch mehr: Unter der Paulinenbrücke, wo derzeit Parkplätze sind, sollen auf 748 Quadratmetern eine Aktionsfläche und Gastronomie angesiedelt werden. Hier spielt das Gerber einen Doppelpass mit der Stadt.

„Langfristig soll hier eine coole, urbane, junge Szene mit Clubkonzepten und Livemusik ihren Platz finden, wie in Berlin-Mitte“, sagt Fiegle. „Die Paulinenbrücke ist ein schönes Symbol: Sie verbindet das Alte mit dem Neuen.“

Außerdem wird daran gedacht, die wenig frequentierte Parkhauszufahrt Tübinger Straße dichtzumachen. „Wir sind hocherfreut, dass sich da einiges entwickelt“, sagt Stuttgarts Baubürgermeister Peter Pätzold. In dem dann frei werdenden Raum könne man einen Musikclub unterbringen. Dem Stadtplaner und Architekten Pätzold schwebt ein Laden wie die legendäre Röhre beim Wagenburgtunnel vor, die dem Bahnprojekt Stuttgart 21 weichen musste.

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