Als Einkaufscenter war das Gerber in Stuttgart nie angekommen. Die Konsequenzen wurden längst gezogen. Ein Hotel und Büros ersetzen Teile der Handelsfläche. Die Bauarbeiten haben begonnen.
Stuttgart - Viele Passanten in der Tübinger Straße trauen in diesen Tagen ihren Augen nicht: Dort, wo ursprünglich ein vielversprechendes Konzept an den Start gegangen ist, residiert nun ein Blumenladen. Die Rede ist vom Kreativzentrum, das die frühere Quartiersmanagerin des Gerberviertels, Silvia Korkmaz, zusammen mit Ralph Fischer gründete. Nun ist es sang- und klanglos verschwunden.
Eine Folge der Pandemie? „Keine Sorge“, sagt Ralph Fischer, „wir kommen wieder.“ Er hat die Fläche in der Tübinger Straße nur zwischenvermietet. „Wir wollen im Sommer wieder loslegen“, sagt er. In dieser Zeit ist der Blumenladen Imperia froh über die Überbrückungshilfe, denn auf die Schnelle war keine neue Ladenfläche zu finden, nachdem das Gerber den Mietvertrag gekündigt hatte. Der Grund: Im Gerber laufen die Umbauarbeiten von einer Mall zu einem Mischquartier mit einem Luxushotel.
Preis pro Nacht: ab 100 Euro
Die Münchner Ruby-Gruppe, die ins Gerber zieht, sagt von sich selbst: „Lean Luxury ist unsere Philosophie: schlanker Luxus.“ Mit dem Ruby-Hotel im Gerber kommen etwa 150 komfortable Hotelzimmer, die im Schnitt 100 Euro pro Nacht kosten sollen. Zudem entstehen auf 1700 Quadratmetern Co-Working-Büroflächen für 200 Arbeitsplätze. Die Vorbeitungen sind in vollem Gange. Seit Februar stehen bei H&M auf der Fläche Staubschutzwände. Zudem verschwand bereits eine Rolltreppe. Ziele der Maßnahmen sind die Neuverteilung der Mieter sowie die Vorbereitung der flächenübergreifenden Baumaßnahmen, die sich bis Anfang 2022 hinziehen sollen. Der Innenausbau des Hotels soll dann laut Plan ein Jahr später beginnen. Über den konkreten Zeitpunkt der Fertigstellung im Jahr 2023 werden noch keine Angaben gemacht.
Schon jetzt ist klar: Der Umbau wird nicht spurlos an den Nachbarn und Passanten vorbeigehen. Zeitweise wird die Fassade an der Sophienstraße eingerüstet. Auch Straßensperrungen sind geplant, wohingegen die Zufahrt zur Tiefgarage sowie zu den Büros und Wohnungen immer möglich sein soll. Und: Es wird laut Gerber auch zu „vereinzelten Bautätigkeiten am Samstag und Sonntag“ kommen. Grundsätzlich werde zwischen 7 und 18 Uhr gearbeitet. „Es werden jedoch auch Maßnahmen außerhalb der genannten Arbeitszeiten erfolgen“, gibt das Gerber auf seiner Internetseite bekannt. Dort heißt es auch, dass mit geringfügigen Schmutz- und Staubbelastungen gerechnet werden müsse. Staubschutzwände sollen die Belastung minimieren. Baulärm durch Säge-, Rohbau- und Abbrucharbeiten lasse sich jedoch nicht vermeiden.
40 Prozent Auslastung reichen
Freilich ist ein Hotelneubau in Zeiten der Pandemie ein Wagnis. Nicht zuletzt deshalb lässt das Gerber verlauten: „Die aktuelle Situation am Hotelmarkt in Stuttgart und deutschlandweit ist mehr als herausfordernd.“ Allerdings mache das Konzept Mut. Es verspricht bei einer Auslastung von 40 Prozent bereits ein profitables Wirtschaften. Gleichzeitig erhofft sich das Gerber, dass es von der erhöhten Gästefrequenz des Hotels profitieren wird.
Auch die neue Co-Working-Bürofläche soll dem Gerber guttun. Die Ruby Workspaces bieten Büros, die pro Tag für 30 Euro gemietet werden können, monatlich sollen die Preise für solch ein „Flexdesk“ bei 300 Euro Miete beginnen, ein abschließbares Büro startet preislich bei 1000 Euro. Inklusive sind alle Dienstleistungen und Einrichtungen sowie IT-Infrastruktur.
Mit dem Umbau reagiert der Eigentümer und Bauherr des Gerber, die Württembergische Lebensversicherung, auf die mangelnde Akzeptanz der Mall bei den Kunden. Vor allem die oberen Geschosse erreichten nie die gewünschte Passantenfrequenz. Lediglich die Lebensmittelmärkte und die Läden im Untergeschoss (Zugang Tübinger Straße) zeigten starke Frequenzen. Die Krise lässt sich auch an der Namensgebung ablesen: War das Gerber als „Einkaufscenter“ gestartet, firmierte man später als „Stadtkaufhaus“, das sich nun als „Mischquartier“ sieht. „Wir wollen ein urbanes Mischquartier, um unser Risiko zu diversifizieren“, erklärte Klaus Betz, Leiter Immobilien bei der Württembergischen Lebensversicherung, seinerzeit gegenüber unserer Zeitung die Pläne. Damit schrumpft der Anteil der Einzelhandelsfläche von 24 000 Quadratmeter auf 18 000 Quadratmeter. Der Anteil der Büroflächen wächst auf 23 Prozent an, die Wohnungen im Gebäude-Ensemble und das Hotel machen jeweils 15 Prozent an der Gesamtfläche aus.