Einkaufen in Waldenbuch Zäher Kampf gegen das Ladensterben

Von Claudia Barner 

Irene Köcheler (rechts) und Brigitte Schultz  haben mit dem Geschenklädle eine Nische gefunden, die auch Kundschaft aus den Nachbargemeinden anzieht Foto: Claudia Barner
Irene Köcheler (rechts) und Brigitte Schultz haben mit dem Geschenklädle eine Nische gefunden, die auch Kundschaft aus den Nachbargemeinden anzieht Foto: Claudia Barner

Internet-Handel und Einkaufszentren verändern das Gesicht einer Gemeinde. Waldenbuch steuert mit großem Einsatz und kleinen Erfolgen dagegen. Wir haben es uns erklären lassen.

Waldenbuch - Der neue Blumenladen in der Gartenstraße hat schon wieder dichtgemacht. Die Post-Filiale gibt‘s künftig nur noch ohne Bankdienstleistung. Die Besitzerin des Reisebüros an der Grabenstraße hat die Segel gestrichen. Auch in Waldenbuch steht der Einzelhandel unter Druck. Viele der kleinen inhabergeführten Geschäfte haben im ungleichen Konkurrenzkampf gegen den Internethandel und die große Einkaufsmalls im Umland verloren. Dagegenzuhalten wird für kleine Läden immer schwieriger.

Die Stadt sowie der Gewerbe- und Handelsverein (GHV) steuern mit einem ganzen Bündel an Marketingaktionen dagegen. Frühlingserwachen, Kürbisnacht, Rad-Schnitzeljagd, ein Adventskalender mit Gutscheinen, der Auftritt auf der CMT und allein 36 Stadtführungen im laufenden Jahr sollen dabei helfen, Kunden zu binden oder zu gewinnen. Doch die grundlegenden Veränderungen im Branchenmix können auch sie nicht stoppen. „Wenn ein alteingesessenes Geschäft schließt, siedeln sich oft Dienstleister an. Dienstleister ersparen uns Leerstände, bringen aber keine Fre-quenz ins Städtle“, stellt die GHV-Vorsitzende Heiderose Waidelich fest.

An der Grabenstraße lässt sich der Wandel besonders gut beobachten. Bestatter, IT-Dienstleister, Bücherei, Sportbar sowie Beauty- und Wellnessangebote haben den Bäcker, die Drogerie, den Schreibwarenladen und den Lebensmittelhändler ersetzt. Irene Köcheler und Brigitte Schultz, die 1994 mit ihrem Geschenklädle vom Marktplatz an den Stadteingang gezogen sind, beobachten die strukturellen Veränderungen vor der eigenen Haustür. „Wir sehen und spüren, dass sich hier im Großen etwas verändert“, sagen sie.

Drogerie und Modekette als Frequenzbringer

Daran hat auch die Ansiedlung des neuen Fachmarktzentrums am Weilerberg- Kreisel nur wenig geändert. Ein Frequenzbringer seien der Drogeriemarkt und die Modekette schon. Auch ihr Geschenklädle, das nur wenige Meter entfernt liegt, profitiere davon. Doch die Auswirkungen auf die kleinen Geschäfte in der Innenstadt seien begrenzt, erklären die Einzelhändlerinnen. „Es bummeln immer weniger Menschen durch den Ortskern. Die meisten kaufen im Internet oder steuern mit dem Auto gezielt bestimmte Anbieter an“, lautet die Diagnose von Brigitte Schultz.

Nicht einmal die Busse, die die Ausflügler auf der anderen Straßenseite vor dem Gasthof Rössle für ein Mittagessen ausspucken, kurbeln den Umsatz an. „Das ist vom Veranstalter meist so eng getaktet, dass die Zeit nicht einmal reicht, um bei uns eine Postkarte zu kaufen“, erzählt Irene Köcheler. Dass es ihr Geschäft noch gibt, liegt vor allem an den Stammkunden, denen die fachliche Beratung und die Atmosphäre wichtig sind und die dafür auch aus den Nachbargemeinden nach Waldenbuch kommen.

Nischen besetzen

Die Waldenbucher Stadtmarketingbeauftragte Nicole Jassmann setzt auf den Service und die charakteristischen Besonderheiten der kleinen Läden: „Den Einkaufswahn im Internet können wir mit unseren Aktionen nicht stoppen. Wir müssen etwas Persönliches bieten und Nischen besetzen“, bekräftigt sie. Wie das funktioniert, lässt sich zum Beispiel im Secondhand-Damengeschäft Schicki-Miki in der Marktstraße beobachten. Hier findet man ruhige Gelassenheit und gute Laune statt Hektik und genervte Zeitgenossen.

Zwei junge Damen probieren Businessmode an. „Wir sind aus Brüssel zu Besuch“, verraten sie. Die Inhaberin Elisabeth Veit reicht die passenden Teile in die Kabine und erzählt: „Ich bin mit der Kundenfrequenz zufrieden.“ Es komme immer wieder vor, dass sich Besucher auf dem Weg in die historische Altstadt für ihr Angebot interessieren. „Die Leute freuen sich, dass wir hier noch eine ganze Reihe schöner Einzelhandelsgeschäfte haben“, sagt sie.

„Wenn man sich Mühe gibt, geht immer was“

Diese liegen allerdings nicht wie früher zentral in der Stadtmitte, sondern verteilen sich auf mehrere kleine Einkaufsspots. Dazu gehören das Krone-Areal, das Einkaufszentrum auf dem Kalkofen und das neue Fachmarktzentrum am Stadteingang. Als Kundenmagnet hat sich dort der Drogeriemarkt entwickelt. Beim Mode-Anbieter AWG profitiert man vom überörtlichen Interesse. „Wir bilden gemeinsam mit unseren Märkten in Bernhausen und Holzgerlingen ein Dreieck, in dem sich die Kunden aus den dazwischen liegenden Ortschaften bewegen“, berichtet die Filialleiterin Sylke Günther. Auch der Modemarkt in Waldenbuch werde deshalb gezielt von Stammkunden angesteuert, die das Konzept aus Markenshops und Eigenmarken zu schätzen wüssten. Die direkte Anbindung an die Ortsdurchfahrt sei für jene ideal, die mit dem Auto kommen. Wer schwer bepackt mit Jeans, Hemden, T-Shirts oder Mantel direkt wieder in den Wagen steigt, ist für die kleinen Einzelhändler im Ort als Kunde verloren. Trotzdem ist die GHV-Vorsitzende nicht unzufrieden: „Insgesamt stehen wir noch gut da. Es gibt Städte und Dörfer, die haben nicht einmal mehr einen Bäcker.“ Sie ist überzeugt: „Wenn man sich Mühe gibt, geht immer was.“

Auch Nicole Jassmann sieht das so und will am Ball bleiben. Ihr Motto lautet: „Die Mischung macht‘s.“ Deshalb hat sich die Stadt breit aufgestellt. „Das Gesamtpaket muss stimmen. Die gemeinsamen Werbeaktionen sind gut. Aber auch Angebote wie zum Beispiel der neue Premiumwanderweg bringen Menschen in die Stadt“, berichtet die Stadtmarketingbeauftragte. Aus Ausflüglern und Gästen sollen Kunden werden. Wie Gastronomie und Handel davon profitieren können, hat die Tourismus GmbH Stuttgart Marketing berechnet: Wenn das Angebot stimmt, gibt jeder Tagestourist im Schnitt immerhin 36 Euro in Waldenbuch aus.

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