Michael Köhler hilft Ladeninhaberin Andrea Scheufler bei ihren ersten digitalen Schritten. Foto: Leif Piechowski/Leif Piechowski

Händler glauben oft, ein Web-Shop sei ihre Rettung. Dabei stellt ein Internet-Shop die Kür dar, die oft gar nicht nötig ist. Wichtiger ist die digitale Sichtbarkeit eines Ladens, wie Mode-Café-Inhaberin Andrea Scheufler nun gelernt hat.

Stuttgart - Das Gesicht von Andrea Scheufler changiert zwischen Koketterie und Schuldbewusstsein. Dann zieht die Inhaberin des Mode-Cafés Melva die Schultern zu den Ohren und meint: „Tja, ich bin halt so ne Analoge.“ Michael Köhler, Geschäftsführer des Start-ups Lieferliebling winkt nur lässig ab und meint: „Da bist du nicht allein.“ Tatsächlich ist Scheufler eher die Regel statt die Ausnahme. Sie macht mit ihrer kleinen Boutique an der Ecke Rotebühl-/Reuchlinstraße zwar konzeptionell sehr viel richtig, aber beim Stichwort Digitalisierung fehlt ihr das Knowhow. Und so sind ihre Marktchancen trotz eines Cafés im Laden und einem feinen Veranstaltungsprogramm nicht optimal. Ein gutes Konzept mit Gastronomie und Eventisierung reichen heute nicht mehr.

„Die Digitalisierung des mittelständischen Handels ist eine sehr komplexe Sache“, bestätigt Köhler, „wichtig dabei ist, dass man die richtige Reihenfolge der Maßnahmen einhält.“ Und dabei ist der Internet-Shop keineswegs der erste Schritt, sondern der letzte. Oder wie Michael Köhler sagt: „Der Web-Shop ist die Kür.“ Davor komme die Pflicht: Ein Warenwirtschaftssystem samt digitaler Kasse, eine Webseite, die mit Google korrespondiert, die Nutzung von sozialen Medien und schließlich die Sichtbarkeit des Sortiments auf den verschiedenen Marktplätzen wie Amazon, Ebay und anderen. „Wenn du als kleiner Händler aber in allen Bereichen keinen Profi hast“, sagt Köhler, „dann scheiterst du.“ Möglicherweise hätte der eine oder andere Händler zwar „gute, kleine Insellösungen“, aber wirksam werde alles erst, wenn die Digitalisierung aus einem Guss besteht.

Aus diesem Grund hat Köhler zusammen mit anderen Spezialisten das Start-up Lieferliebling gegründet, das eben jene Komplettlösung anbietet. Zusammen mit IT-Fachleuten, Marketing-Experten und Social-Media-Profis hilft er nun Händlern wie Andrea Scheufler digital laufen zu lernen. Natürlich fragte auch sie: „Kann ich mir das Ganze langfristig leisten.“ Köhler meint dazu nur lässig: „Ja.“ Denn die Anschubfinanzierung komme durch die verschiedenen staatlichen Förderprogramme, wie etwa „digital jetzt“ oder das von Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut geforderte 40-Millionen-Digital-Paket des Landes. Da es schwer sei, sich in diesem Antrags-Dschungel zu orientieren, hat sich das Start-up darauf ebenso spezialisiert wie auf die Hilfe bei der Zwischenfinanzierung durch Banken. „Wenn alles gut läuft“, sagt Köhler, „dann haben die Händler anfangs keine Kosten.“

Nach seinen Erfahrungen fehle rund 40 Prozent aller Einzelhändler die Basis für einen digitalen Auftritt. „Knapp die Hälfte hat nicht einmal ein Warenwirtschaftssystem“, so Köhler und blickt zu Andrea Scheufler, die bis zuletzt noch auf den guten alten Rechnungsblock vertraute. „Sie ist ein Paradebeispiel dafür, dass die Basis für eine digitale Sichtbarkeit fehlt.“ Nun, nachdem die Grundlagen gelegt sind, spart sie nicht nur Zeit und Geld, sie weiß auf Knopfdruck, was im Lager ist und was die Ladenhüter sind. Viel wichtiger aber ist: Wer neben seinem stationären Handel auch auf den digitalen Marktplätzen handeln will, braucht Artikel-, Produktbeschreibungen sowie ein Foto von selbigem. „Erst dann kann ich mein Sortiment auch ins Netz stellen“, erklärt Köhler, „und dann kommt der nächste Schritt. Ich muss diese Sichtbarkeit im Netz professionell erhöhen.“ Hierzu nennt er die Schlüsselworte „Social Media“ und „Google local inventory.“ Vor allem letzteres Werkzeug, das die Smartphone-Suche eines Nutzers nach einem Produkt auf dessen Verfügbarkeit in einem nahe liegenden Ladengeschäft hinweist, klingt für viele Händler immer noch wie der Name eines böhmischen Dorfes.

All das hat Andrea Scheufler nun jedoch verinnerlicht. Nun weiß sie auch, dass der oftmals als Allheilmittel gepriesene Web-Shop, viel Geld und Pflege kostet. „Will man einen professionellen Web-Shop, dann kann man dies nicht wie ein Hobby betreiben“, sagt Michael Köhler, „dazu braucht man Personal, mindestens eine Vollzeitkraft.“ All das wäre für Andrea Scheufler ein Sprung in eine andere Dimension. „Ich will eigentlich, dass mehr Kunden in meinen Laden kommen. Und dabei soll mich die Digitalisierung unterstützen und mich zukunftsfähig machen“, sagt sie und denkt dabei nicht nur an sich: „Mir geht es auch um die Sicherung einer allgemeinen Einkaufskultur. Ich will keine leeren Innenstädte.“

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