Die Kunden bleiben nach Auskunft von Centermanagerin Andrea Poul sogar etwas länger als vor Ausbruch der Corona-Pandemie im Milaneo Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Einkaufszentren in der Region fürchten eine Insolvenzwelle bei ihren Ladenmietern. Nur Andrea Poul, Centermanagerin des Milaneo in Stuttgart, klagt nicht. Im Gegenteil.

Stuttgart - Die Lage klingt bedrohlich. Ein Drittel der Händler, die keine Lebensmittel anbieten, sind nach Angaben des Handelsverbands von einer Insolvenz bedroht. Es handle sich um eine historisch schlechte Situation. Die Pandemie setzt einer Branche, die ohnehin in einem Strukturwandel steckt, seit dem Lockdown gewaltig zu. Viele Unternehmen sind daher in akuter Existenznot.

Bekannte Textil-Marken wie S.Oliver entlassen massenhaft. Andere meldeten schon Insolvenz an: Esprit, Hallhuber, Tom Tailor oder Gerry Weber, um nur die prominentesten zu nennen. Die Entwicklung macht freilich auch vor den Shoppingcentern nicht halt. Laut der Aussage eines Teilnehmers am Runden Tisch Handel/Sicherheit im Stuttgarter Rathaus mit OB Fritz Kuhn meinte der Vertreter eines großen Handelshauses mit zwei Centern in der Region: „Ich bin froh, wenn bis zum Jahresende nicht ein Viertel unserer Mieter Insolvenz angemeldet haben.“ Fast überall begegne man dem gleichen Problem: schwache Passantenfrequenzen, Kaufzurückhaltung.

Textilhändler klagen

Auch ECE-Eigentümer Alexander Otto, zu dessen weltweitem Imperium das Einkaufscenter Milaneo gehört, berichtete jüngst, dass Mieter mit insgesamt 400 Läden (bei rund 20 000 vermieteten Läden in den Centern der ECE insgesamt) bereits Insolvenz angemeldet hätten. Zudem verursachte der der Lockdown für die ECE einen Mietausausfall bei den Centereigentümern, in deren Auftrag die ECE die Center betreibt und vermietet, in Höhe von 70 Millionen Euro. Ein Ende der Entwicklung ist laut Otto nicht in Sicht. Nicht zuletzt haben auch die Schließungen von etwa 50 Galeria-Karstadt-Kaufhof-Filialen die ECE getroffen. Denn in einigen Immobilien war die ECE Vermieter.

Wer sich im ECE-Center Milaneo bei Mietern umhört, bekommt unterschiedliche Aussagen. Manche sind nicht unzufrieden, manche klagen. „Die Geschäfte gehen schlecht, vielleicht liege es am System der Mall“, sagt eine Textilverkäuferin. Es sei halt ein geschlossener Raum – und da gelte eben im ganzen Center Maskenpflicht. Manche, denen das Wasser bis zum Hals steht, versuchen daher eine Mietminderung oder gar ein Mietzahlungsstopp auszuhandeln. Angeblich hat sich bei der ECE eine Halbierung bei akut gefährdeten Händlern durchgesetzt. Es soll aber auch Partner geben, die derzeit die Miete gestundet bekommen.

Für solche Verhandlungen hat Milaneo-Centermanagerin Andrea Poul eigens eine Mitarbeiterin abgestellt. Denn bei manchen Mietern laufe es derzeit gut, bei manchen weniger gut, sagt Poul. Aber man schaue genau hin, ob der Händler schon vor der Krise keinen guten Stand gehabt habe: „All diese Faktoren fließen dann in die Gespräche ein.“ Ebenso wie eine Prognose bis zum Jahresende. Um im Augenblick ein verlässliches Bild zeichnen zu können, so Poul, sei es zu früh: „Wir müssen die Umsätze und die Entwicklung bis zum Jahresende abwarten. Derzeit liegen wir bei 70 bis 80 Prozent des Vorjahresumsatzes.“ Das sind Zahlen, die weit über dem Durchschnitt im Handel liegen. Auch wenn es in der Mall den einen oder anderen Leerstand gibt. Der Herrentextil-Händler Digel aus Nagold und andere wie der VfB-Fan-Shop haben schon längere Zeit ihre Rollläden runtergelassen. Poul erklärt dies damit, dass mit jenen Mietern die Fünf-Jahres-Verträge ausgelaufen sind und nicht verlängert wurden.

Positive Momentaufnahme

Alles in allem: Die Momentaufnahme im Milaneo stimmt Andrea Poul zufrieden. Salopp gesagt: Die Bude ist am Freitag und Samstag voll. Nur der Montag sei schwach, berichtet ein Dienstleister im Center. Das Einkaufscenter profitiere wohl auch von den Sommerferien.

Allerdings muss der erste Eindruck nicht mit den Zahlen in der Kasse korrelieren. Frequenz ist das eine, Umsatz das andere. Das weiß auch Andrea Poul. Aber grundsätzlich ist sie froh, dass sich ihr Center vom (Bundes-)Trend abhebt: „Die Leute verweilen hier länger als anderswo.“ Und damit meint sie nicht die vielen Jugendlichen, die wegen des kostenlosen Internetzugangs das Milaneo zu ihrem neuen Jugendhaus Mitte erkoren haben. Sie nimmt die Zahlen des Parkhauses als unbestechliche Referenz: „In Deutschland liegt die Verweildauer in einem Center im Schnitt bei 90 Minuten. Bei uns sind die Kunden durchschnittlich zwei Stunden und 40 Minuten.“ Das sind sogar zehn Minuten mehr, als vor der Pandemie.

Andrea Poul zieht aus der derzeitigen Situation mehrere Schlüsse. „Das Milaneo wird von den Kunden angenommen. Und wir haben eine andere Kunden- und Zielgruppe als der Handel in der City, obwohl es auch einen Austausch gibt.“ Eine Vergleichsgröße bietet Primark – auch ohne offizielle Zahlen. Wie Mitarbeiter des Billig-Textil-Riesen berichten, bleibt die Filiale in der oberen Königstraße unter den Erwartungen zurück. Die Filiale im Milaneo macht hingegen angeblich weiterhin gute Umsätze.

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