Das älteste Einkaufszentrum in Ludwigsburg tat sich vor der Übernahme durch einen Hamburger Immobilienentwickler lange Zeit schwer. Inzwischen ist wieder mehr los – und das Center hat eine neue Chefin. Was hat Meltem Boyraz mit dem Marstall vor?
Einst darbte das Marstall-Center am Ende der Ludwigsburger Einkaufsmeile schwer vor sich hin. Große Teile des Konsumtempels standen leer, Kundschaft kam kaum mehr. Das 1975 eröffnete Center war in die Jahre gekommen und stand schon kurz vor dem Aus, ehe der Hamburger Immobilienentwickler ECE 100 Millionen Euro in die Hand nahm und ihm neues Leben einhauchte. 2015 wurde es wiedereröffnet.
Seit zwei Wochen hat das Marstall eine neue Chefin. Die erst 34 Jahre alte Meltem Boyraz hat nun das Sagen. Was will sie künftig anders machen? Und wo gibt es aus ihrer Sicht Verbesserungspotenzial?
Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren hat die Leitung im Marstall dreimal gewechselt. Warum?
Nach drei Jahren übergab Dirk Keuthen, der mittlerweile das Milaneo in Stuttgart leitet, an Fabian Kowalski. Der blieb gerade einmal neun Monate. Zuletzt war Nadine Fensterer in der Verantwortung – allerdings auch nur etwas länger als ein Jahr. Nun hat Meltem Boyraz übernommen.
Sie sagt, die vielen Wechsel zuletzt hätten nichts mit der Situation im Marstall zu tun. Kowalski habe sich für einen anderen Karriereweg entscheiden, Fensterer leitete in Doppelfunktion auch das Leo-Center in Leonberg. Darauf konzentriert sie sich künftig wieder voll und ganz. „Ich habe vor, eine Weile in Ludwigsburg zu bleiben“, sagt Boyraz.
Wer ist die neue Chefin?
Boyraz ist in Viernheim in Hessen geboren und aufgewachsen. Sie kennt die Mentalität im Südwesten, der Wechsel aus dem Norden ist daher kein Kulturschock.
Bei der ECE hat sie ein Trainee-Programm für angehende Führungskräfte durchlaufen und schon in Wuppertal, Neu-Ulm und Potsdam sowie zuletzt in Hamburg gearbeitet. Im Marstall ist die 34-Jährige erstmals alleine verantwortlich für einen Betrieb.
Was ist aus Boyraz’ Sicht besonders am Marstall?
Dass das Einkaufszentrum „früher tatsächlich ein Stall war“, hat Boyraz, die in Kornwestheim wohnt, in ihrer kurzen Zeit an der neuen Arbeitsstätte schon gelernt. Ansonsten sei die Größe einer der zentralen Unterschiede zu ihrer letzten Station im Hamburger Stadtteil Billstedt. Mit 110 Geschäften hat das Center dort 40 mehr als das Marstall.
Wie ist das Marstall generell aufgestellt?
„Insgesamt ganz gut“, sagt Meltem Boyraz. In den vergangenen zwei Jahren habe es einige Zuwächse gegeben, die der Kundenfrequenz zuträglich seien. Zuvorderst nennt die Marstall-Managerin den Discounter Aldi. Außerdem hat Yeans Halle zwei Läden eröffnet – und in der vergangenen Woche der Non-Food-Discounter Action. Schon in den ersten Tagen bildeten sich dort Schlangen an den Kassen. Laut dem Unternehmen war es eine der erfolgreichsten Neueröffnungen der Firmengeschichte.
„Aber das Geschäft war insgesamt sicherlich schon mal einfacher“, sagt Boyraz. Erst Corona, jetzt der Ukraine-Krieg und die Inflation – das schürt Unsicherheit bei den Verbrauchern und wirkt sich auf das Einkaufsverhalten aus.
Wie ist es mit Leerständen?
Derzeit stehen zehn Läden leer, wobei es sich laut Boyraz „eher um kleinere Flächen“ handelt. Das offen zu kommunizieren sei für den Betreiber kein Problem. „Es gibt immer mal wieder Wechsel in Centern“, sagt die 34-Jährige, „das ist überall so und ist im Handel nichts Ungewöhnliches.“ Im Marstall sei die Fluktuation nicht größer als anderswo. „Wir arbeiten daran, dass wir noch weniger Leerstände haben“, so Boyraz. Infrage kämen sowohl lokale Unternehmen als auch Filialisten – und sogar Pop-up-Stores seien möglich, wenn das Konzept stimme.
Welche Angebote fehlen im Marstall?
„Mir persönlich fehlt eine Apotheke“, sagt Boyraz. Wobei das auch schon Dirk Keuthen auf seiner To-do-Liste hatte. Dasselbe gilt für einen Blumenladen. Beides gibt es im Marstall noch immer nicht. Auch ein Spielwarengeschäft stünde dem Center in der unteren Stadt gut zu Gesicht, findet Boyraz. Das gastronomische Angebot ist vielfältig und könnte um gesunde Alternativen wie Bowls ergänzt werden, so die neue Chefin. Zuletzt hatte der Burgerbrater Burgerista die Filiale im Marstall geschlossen.
Wie viele Menschen kommen täglich ins Marstall?
Die Besucherzahlen erholen sich nach der Pandemie allmählich. Inzwischen liegen sie im Marstall wieder bei etwa 80 Prozent des Vor-Corona-Niveaus. Pro Tag kamen damals durchschnittlich 16 100 Besucher.
Wie sieht es mit der Konkurrenz aus?
Mit dem Breuningerland im Tammerfeld und der Wilhelmgalerie nur ein paar Gehminuten entfernt hat das Marstall große Konkurrenz. Die Befürchtung, dass sich die beiden Angebote in der Ludwigsburger Innenstadt, die sich ähneln, kannibalisieren, haben sich nicht erfüllt. Was Angebote außerhalb der Stadt anbelange, profitiere das Marstall von der Atmosphäre der Barockstadt. „Wir ergänzen uns ganz gut mit dem Rest“, findet Boyraz, die auf regen Zulauf auch während des anstehenden Weihnachtsmarkts hofft.
Was das leidige Thema Parken angeht, sagt sie: „Wir sind das günstigste Parkhaus in der Ludwigsburger Innenstadt und würden auch gerne mehr als 650 Parkplätze anbieten. Allerdings gibt es das Gebäude aus baulichen Gründen nicht her.“