Zentrale des Lkw-Herstellers in Leinfelden-Echterdingen Foto: dpa

Carmen Kiltzsch-Müller, Betriebsratschefin der Daimler-Truck-Zentrale, hat eine entscheidende Rolle bei den Sparprogramm-Verhandlungen gespielt.

Als Carmen Klitzsch-Müller zum ersten Mal den Begriff „Cost Down Europe“ gehörte hatte, war das für sie zunächst ein Synonym für Belegschaftsschock. Doch mittlerweile kann die Betriebsratschefin der Daimler-Truck-Zentrale in Leinfelden-Echterdingen und des gesamten Standorts Stuttgart wieder zufrieden lächeln, selbst wenn es um die von der Konzernleitung beschlossene Kostensenkung von einer Milliarde Euro bis 2030 geht. Weil sie an der Seite des Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Michael Brecht mehr für die Beschäftigten erreicht hat, als anfangs für möglich gehalten wurde.

 

Frau Klitzsch-Müller, hinter Ihnen liegt ein monatelanger Verhandlungsmarathon, an dessen Ende nun die Einigung zwischen Betriebsrat und der Unternehmensleitung von Daimler Truck steht. Hat sich der Aufwand gelohnt?

Absolut, wir haben sowohl für die Belegschaft in der Region Stuttgart als auch für die anderen Standorte ein Ergebnis erzielt, mit dem wir zufrieden sein können. Vor allem, wenn man an die düstere Ausgangslage im Januar denkt. Ich möchte an dieser Stelle aber auch sagen, dass der erzielte Kompromiss einen Preis hat. Und der vom Unternehmen geforderte Stellenabbau gehört dazu.

Carmen Kiltzsch-Müller Foto: Peter Stolterfoht

Damals kündigte das Unternehmen an, bis zum Jahr 2030 Kosten in Höhe von einer Milliarde Euro einsparen zu müssen. Die Summe sei nicht verhandelbar, hieß es damals zudem.

Richtig. Es war aber von Anfang an klar, dass sich diese Milliarde aus einem ganzen Mix aus Kosten zusammensetzt. Der größte Teil sind Kosten, die nichts mit Personal zu tun haben. Wir haben also nur über Personalkosten, Flexibilisierungsmaßnahmen und die Zukunftsbilder an den Standorten verhandelt. Dennoch war die Sorge bei den Kolleginnen und Kollegen groß. Niemand wusste wie, wo und wann. Das löst Existenzangst aus. Das von beiden Seiten unterschriebene Eckpunktepapier sorgt jetzt für viel mehr Klarheit und gibt den Beschäftigten Sicherheit zurück. Insgesamt ist das ausverhandelte Sparpaket in Summe ausgewogen und vertretbar. Auch im Vergleich, was die Wettbewerber im Automobilsektor vereinbart haben. Es spiegelt auch wider, dass Daimler Truck trotz aller wirtschaftlichen Herausforderungen kein Sanierungsfall ist. Gleichzeitig wissen wir auch, dass kein Weg daran vorbeiführt, das Unternehmen für die Zukunft effizient aufzustellen. Diese Einsichten waren die Basis, dass die Verhandlungen irgendwann konstruktiv, zielgerichtet und professionell geführt wurden.

War das nicht immer so?

Anfangs war die Gesprächsatmosphäre alles andere als gut und nichts hat darauf hingedeutet, dass wir am Ende solche Ergebnisse aushandeln würden.

Welche Punkte der Vereinbarung werten Sie als Erfolg?

Wir haben erreicht, dass die bis 2030 geltende Zukunftssicherung bis 2035 verlängert wird. Das heißt: Alle 28 000 Beschäftigten der sechs deutschen Standorte von Daimler Truck sind damit vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt. Das ist ein Bestandteil des erstmals in Kraft tretenden Haustarifs. Dieser neue Zukunftstarifvertrag hebt unsere eigenen Schutzmaßnahmen auf ein neues Level, bei gleichzeitiger Gültigkeit des IG-Metall-Tarifs. Hinzukommt die Verlängerung Standortsicherung für die Zentrale in Leinfelden-Echterdingen, die am Ende des Jahres ausgelaufen wäre, sowie ein neues Mitspracherecht für den Betriebsrat bei Themen wie Fremdvergabe von Aufträgen und Standortverlagerungen. Wir reden also jetzt mit, wo wir bisher nichts zu sagen hatten.

Einen größeren Stellenabbau wird es dennoch geben, wenn weiterhin eine Milliarde Euro gespart werden soll.

Stimmt, und zu bemängeln ist dabei, dass nur bekannt ist, dass die Zentrale betroffen sein wird, wir aber weiter im Unklaren gelassen werden, wie viele der 5500 Jobs hier in Gefahr sind. Beruhigend ist dagegen, dass die für den Stellenabbau aufgelegten Freiwilligenprogramme mit Altersteilzeit, Frühpensionierung und Abfindung fair und großzügig ausfallen. Auch wenn ich jetzt noch keine Summen nennen kann, weil die noch nicht endgültig festgeschrieben sind.

Dafür will der Arbeitgeber eine Gegenleistung sehen.

Ja, aber diese halte ich für akzeptabel. Wie auch bei anderen Firmen in der Branche wird es einen temporären und teilweisen Verzicht auf Tariferhöhungen geben. In der Praxis sieht das so aus, dass die Steigerung von 2,55 Prozent ab 2026 auf die übertariflichen Zulagen angerechnet wird. Im Gegenzug gibt es von 2030 bis 2034 jährlich eine Aufstockung von 0,4 Prozent. Außerdem wird sich die Ergebnisbeteiligung vom nächsten Jahr an nur am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens orientieren.

Gab es eigentlich einen Punkt, an dem die Verhandlungen hätten scheitern können?

Es waren sogar zwei Knackpunkte, die es von unserer Seite unter allen Umständen zu verhindern galt, was am Ende auch gelungen ist. Zum einen der Wechsel in den Dienstleistungsvertrag für viele indirekten Bereiche und zum anderen die von der Konzernleitung geplante Transformationseinheit. Hier sollten Kolleginnen und Kollegen in einem Organisationsbereich gebündelt werden, deren Stellen künftig wegfallen. Das wäre stigmatisierend, unmenschlich und nicht mit unseren Werten vereinbar gewesen.

Gibt es eine andere Lösung?

Ja, stattdessen wird es eine Orientierungsplattform geben. Eine vom Stellenabbau bedrohte Person wird dort beraten und dabei unterstützt, eine neue Stelle im Unternehmen oder außerhalb zu finden. Die bisherige Führungskraft ist aber weiter für die Person zuständig. Diese kehrt nach einem halben Jahr in ihren früheren Bereich zurück, wenn keine adäquate neue Stelle gefunden wurde. So sieht am Ende ein guter Kompromiss aus.

Damit sind Sie nun glücklich?

Nein, aber zufrieden, dass wir einen solchen Kompromiss erzielen konnten. Jetzt ist es Aufgabe des Managements, Daimler Truck erfolgreich zu machen.

Daimler Truck im Überblick

Unternehmen
Die Daimler Truck Holding AG mit über 40 Standorten weltweit und rund 100 000 Beschäftigten. Sie entstand nach ihrer Abspaltung von der Daimler AG im Dezember 2021. Zu Daimler Truck gehören Marken wie Mercedes-Benz-Lkw und Mercedes-Benz-Bus, Setra oder Freightliner. Vorstandsvorsitzende ist Karin Radström.

Standorte
Die Zentrale der Daimler Truck AG und der Mercedes-Benz Trucks Campus ( sind in Leinfelden-Echterdingen und vereinen wesentliche Verwaltungsbereiche unter einem Dach. Teile der Forschung und Entwicklung sind an den Standorten Stuttgart-Untertürkheim und Esslingen-Brühl untergebracht. Weitere Standorte in Deutschland sind Wörth, Gaggenau, Berlin, Kassel und Mannheim.