Eine Straßensperre im österreichischen Lofer Foto: dapd

Wegen des starken Schneefalls sind viele von der Außenwelt abgeschnitten. Auch unsere Autorin.

Lech am Arlberg - Erster Akt, in der Dorfmitte: Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Der Pass ist zu. Nichts geht mehr. Wir sitzen fest. 15 000 Mann. Keiner kann den Ort verlassen, keiner kann rein. Die Menge der Urlauber teilt sich in zwei Lager: die Gelassenen und die Hysteriker. Die Hysteriker schaufeln alle paar Stunden ihr bereits gepacktes Auto frei, um für den Fall einer plötzlichen Abreisemöglichkeit gewappnet zu sein. Vor dem Büro von Adi, dem Servicemann des österreichischen Verkehrsclubs ÖAMTC, spielen sich tumultähnliche Szenen ab. Alle wollen Schneeketten kaufen. Im Ort geht das Gerücht, dass auch Fahrzeuge mit Allradantrieb sonst nicht vom Berg gelassen werden. Martin aus München beobachtet die schreiende Masse und beschließt angesichts eines Kaufpreises von 200 Euro, seinen BMW vorerst nicht mit Ketten auszustatten: „Ach, was soll’s. Unser Vermieter hat versprochen, uns auch im Notfall nicht vor die Tür zu setzen – falls die nachfolgenden Gäste die Anreise schaffen.“ Reiner aus Aachen bekommt für seinen Touareg keine Ketten mehr – ausverkauft. Hektisch telefoniert er mit der Tankstelle im Nachbarort Zürs: „Die haben noch welche. Aber ich komme nicht hin, weil die Verbindungsstraße gesperrt ist.“

Die Gelassenen freuen sich über die unfreiwillige Verlängerung ihres Urlaubs. Philipp aus Weil im Schönbuch spaziert eingemummt durch den Ort und wundert sich, dass er im Tannberger Hof problemlos einen Tisch bekommt: „Wenn wir länger bleiben müssen, zahlt das die Versicherung. Solange hier keine Lawinen abgehen und es Strom, Wasser und genug zu essen gibt, mache ich mir keine Sorgen.“ Er hat auf Facebook gepostet, dass er eingeschneit sei. Kollege Steffen hat „gefällt mir“ gedrückt. Alles ganz easy. Schneeketten? „Nö. Ich zahl’ doch keine 300 Euro, wenn ich nicht muss.“

Der Koch fürchtet um die Vorräte

Zweiter Akt, am selben Tag, nachmittags: Gunhild aus Stuttgart spielt mit ihren Enkelinnen Antonia und Louisa in der Hotellobby „Uno“. Die Kinder haben einen Riesenspaß. Antonia stellt sich vor, wie ihre Eltern die Lehrerin anrufen müssen: „Entschuldigung, Frau Schramm, unsere Tochter kann leider nicht zur Schule. Wir stecken fest.“

Karolina aus Waldenbuch würde sich über ein paar Tage schulfrei hingegen nicht freuen: „Ich schreibe bald Abitur. Da kann man es sich nicht leisten, etwas zu verpassen.“ Ihr Vater Michael ärgert sich, dass er seine Frau nicht besuchen kann: „Sie hat sich beim Skifahren das Bein gebrochen und liegt in Schruns im Krankenhaus.“ Julia aus Berlin erzählt, dass sie an Fasching 1999 schon mal zehn Tage in Lech eingeschneit war: „Eine Stimmung wie im Schullandheim. Nur Faxpapier war knapp und musste an die Rezeption zurückgebracht werden, damit man die Rückseite bedrucken konnte. Damals waren E-Mails noch nicht so verbreitet.“

Dritter Akt, am selben Tag, abends: Anita, Hoteliersfrau, telefoniert seit Stunden. Ein Gast, der beruflich nach London musste, kann nicht mehr zurück zu seiner Familie und braucht ein Zimmer jenseits des gesperrten Flexenpasses. Sie bringt ihn bei ihrer Schwester in St. Anton unter. Anreisenden Urlaubern, die nicht weiterkommen, organisiert sie ein Zimmer unten in Bludenz. Ansonsten versuchen sie und ihr Mann Gerald, die Gäste zu beruhigen: „Keine Sorge, morgen früh soll der Schneefall aufhören. Dann werden sofort die Hubschrauber losgeschickt und der Schnee an den gefährdeten Stellen heruntergesprengt. Danach wird geräumt und die Straße freigegeben.“ Koch David ist nicht so optimistisch: „Das hört nicht auf mit Schneien. Ohne Ketten geht da gar nix. Und die Vorräte reichen auch nur für drei Tage.“ Reiner aus Aachen geht nervös auf und ab und fragt jeden, ob er für sein Auto Ketten habe. Viele haben keine. Bürgermeister Ludwig Muxel gibt derweil Interviews, spricht von einer „außergewöhnlichen Situation“. Auf der Bergstation liegen fast fünf Meter Schnee.

Gegen 10 Uhr kommt die erlösende Nachricht: Der Pass ist frei

Vierter Akt, am nächsten Tag, morgens: Der Schneefall hat aufgehört. Einige Lifte laufen. Die Skifahrer freuen sich auf traumhafte Pisten, die Abreisenden packen ihre Koffer ins Auto. Die Frau, deren Mann noch in St. Anton festsitzt, schiebt mit einem Besen Schnee von der Dachbox. Gegen 10 Uhr kommt die erlösende Nachricht: Der Flexenpass ist geöffnet und darf für ein paar Stunden befahren werden. Eine Kettenpflicht für Allradfahrzeuge besteht nicht. „Seht ihr, wenn die Österreicher räumen, dann machen sie es richtig“, sagt Martin aus München. Die Hysteriker mit den bereits montierten Ketten stellen sich schon mal in den Stau auf der Dorfstraße. Es geht keinen Meter vor und zurück, denn die Verbindung nach Zürs ist noch immer geschlossen. Zwei Stunden später rollt der Verkehr im Schritttempo den Berg hinab. Nun aber los, die ersten Holländer, die die Nacht im Tal verbracht haben, laden vor dem Hotel bereits den Wagen aus. Unten in Stuben und in Langen stauen sich die rechts rangefahrenen Wagen. Bäuchlings werden die teuer erbeuteten Ketten wieder entfernt. Manch einer fährt feixend vorbei und schwört sich doch: Nächstes Jahr leihen wir uns auch welche beim ADAC.

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