Die Bezirksvorsteher mit Stuttgarts OB (v. li.): Raiko Grieb (Kaltental/Süd), Frank Nopper, Kevin Latzel (Obertürkheim), Mina Smakaj (Botnang) und Kai Freier (Hedelfingen) Foto: /M.Kuhn

Botnang, Hedelfingen, Kaltental und Obertürkheim sind vor 100 Jahren eingemeindet worden. Eine Gewinn für die vier Stadtteile und Stuttgart hieß es am Jubiläumsfest.

Wenngleich manche Botnanger, Hedelfinger, Kaltentaler und Obertürkheimer es vor 100 Jahren vielleicht anders gesehen haben, der Festakt zum Eingemeindungsjubiläum der vier Stadtteile war keineswegs eine „Trauerfeier, sondern ein Grund, um zu feiern“, wie Oberbürgermeister Frank Nopper zu Beginn seiner Rede betonte. Teilweise waren langwierige Verhandlungen notwendig, ehe die vier bis dahin eigenständigen Kommunen am 1. April 1922 zur heutigen Landeshauptstadt übergingen.

 

Jubiläumslied von Schülern

Selbst die Viertklässler der Kaltentaler Grundschule kannten den Beweggrund von Stuttgarts damaligem OB Karl Lautenschlager. „Stuttgart wollte größer werden“, sangen sie in ihrem Eröffnungslied über den „neuen Stadtteil mit zwei Bergen“. Die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts seien Jahre der Experimente gewesen, meinte Nopper in seinem Rückblick. Daimler und Benz fusionierten, die Pläne für die Neckarkanalisation wurden vorangetrieben, die zur Bauausstellung entstandene Weißenhofsiedlung errang Weltruf. „Stuttgart war eine Hochburg des Aufbruchs.“ Deswegen schielten die weitblickenden Stuttgarter auf die wertvollen Flächen links und rechts des Neckars in Hedelfingen und Obertürkheim, wie Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer in ihrem Bildervortrag „Vom Dorf zum Stadtbezirk – 100 Jahre Eingemeindung Hedelfingens“ darstellten. Die Kommune wies namhafte Industrieunternehmen, landwirtschaftliche Flächen am Neckar und Weinbaubetriebe auf. Auch Obertürkheim konnte eine gute Mitgift in die Ehe mit der Nachbarstadt einbringen, wie Uwe Reiff, der Vorsitzende des Obertürkheimer Bürgervereins, berichtete. Zudem buhlte die Nachbarstadt Esslingen um die gut situierte Braut. Die Eisenbahnlinie und die Grundstücke am Neckar, die für den geplanten Hafen gebraucht wurden, beschleunigten das Werben  um  Obertürkheim. Am 8. Juni 1920 entschieden sich die Obertürkheimer für die Heirat mit den Herren vom Nesenbach. Die Eingemeindung verzögerte sich aber. Das Innenministerium musste Stuttgart erst überzeugen, zusätzlich zu Hedelfingen und Obertürkheim auch die weniger betuchten Orte Kaltental und Botnang aufzunehmen. Harry Vogel, der erste Vorsitzende des Botnanger Bürgervereins, berichtete in seinen launigen Streiflichtern aus dem als Klein-Moskau bekannten „roten Botnang“ von den armen Verhältnissen im Dorf der Wäscher und Bleicher – dem wichtigsten Broterwerb der Botnanger. Aus dem armen Stadtbezirk ist – das zeigte ein Film – längst ein beliebter Wohnort mit attraktiven Villen für Besserverdienende geworden. „Die Stadtbezirke haben sich das örtliche Selbstbewusstsein und die Eigenständigkeit bewahrt. Wir bilden mit allen Stadtbezirken eine Einheit. Wir sind längst Stuttgarter und haben gemeinsam eine goldene Zukunft“, sagte Nopper. „Wir sind auch gerne Stuttgarter“, bestätigte Vogel und lud alle zum kommenden Festwochenende nach Botnang.

Botnang feiert

Am Samstag, 23. Juli, wird auf dem Marktplatz an der Griegstraße von 13 Uhr an gefeiert. Die Griegstraße wird für Kinder zur Spielstraße. Im Innenhof des Bürgerhauses gibt es Kinderschminken und eine Hüpfburg. Und bevor die Veranstaltung um 22 Uhr endet, wird es noch eine Premiere geben: Die Botnanger Hymne wird präsentiert. Die älteren Bürger können von 21.30 Uhr an den Ortsbus nutzen, um nach Hause zu gelangen.

An diesem Tag wird noch ein weiterer runder Geburtstag gefeiert: 40 Jahre Kuckucksweg. Entlang des etwa elf Kilometer langen Rundwegs wird auf Schautafeln über die Ortsgeschichte und weitere Besonderheiten Botnangs informiert. Nun bekommen diese Schautafeln Zuwachs. Am Samstag wird um 11 Uhr der Literaturweg eingeweiht, der sich auf einem Teilstück des Kuckuckswegs befindet. Der Verein Kultur 70195 möchte auf 6,8 Kilometer Spaziergänger an 15 Stationen über Botnanger Gedichte und Texte informieren, die mehrmals im Jahr ausgetauscht werden. Treffpunkt am 23. Juli ist das Karl-Wacker-Heim, Vaihinger Landstraße 123.