Kurz vor dem Ziel: Birgit Zimmermann am Malin Head im Norden Irlands. Mehr als 2000 Kilometer ist sie da bereits geradelt. Foto: privat

Birgit Zimmermann aus Kirchheim/Teck hat als eine von nur vier Frauen den Wild-Atlantic-Way-Audax geschafft. In 175 Stunden ist sie 2100 Kilometer an Irlands wilder Westküste entlanggeradelt.

Kirchheim/Teck - Sonne, Wind oder Dauerregen – Birgit Zimmermann können diese Naturgewalten nicht viel anhaben. Solange kein Sturm sie vom Rennrad wirft und Kopf und Beine mitmachen, kann die Frau aus Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) radeln, radeln, radeln. Unter Beweis gestellt hat sie das erst vergangene Woche wieder, als sie 2100 Kilometer in 175 Stunden zurücklegte. Beim Wild-Atlantic-Way-Audax (Wawa) entlang der irischen Westküste, einem der härtesten Radrennen Europas, erreichte sie das Ziel in der vorgegebenen Zeit.

Der Wild Atlantic Way ist Irlands spektakulärste Küstenstraße. Sie erstreckt sich über 2600 Kilometer entlang des Westens. Birgit Zimmermann, die Irland-Fan ist, hat das Land oft bereist. „Eine meiner Töchter lebt in Dublin“, sagt sie. Als sie erfuhr, dass es in diesem Jahr erstmals ein Rennen auf dem Wild Atlantic Way geben sollte, war für sie klar, dass sie dabei sein würde. Wobei Rennen die Sache nicht ganz trifft. Bei einem Audax, wie die Langstreckenfahrten im Radsport heißen, gilt es nicht als Erster ins Ziel zu kommen, sondern die Strecke in einer vorgegebenen Zeit zu schaffen.

Manche Männer bleiben auf der Strecke

Gelungen ist das nicht allen der 55 Teilnehmer, die am 17. Juni im südlichen Kinsale gestartet sind. Eine Woche später hatten nur 35 Fahrer in der vorgegebenen Zeit Derry erreicht. „Die vier Frauen, die dabei waren, haben es alle geschafft“, betont die 55-Jährige. So mancher Mann hatte sich aber überschätzt und bereits nach wenigen Tagen das Handtuch geworfen. Zimmermann, die gern an ihre Grenzen geht, war sich aber im Vorfeld sicher, dass sie 300 Kilometer am Tag meistern kann.

„Ich wusste, wenn ich jeden Tag zwischen 4 und 6 Uhr losfahre, kann ich mittags auch mal sagen: Hier bleibe ich eine Stunde“, sagt sie. Mehr als vier Stunden hat sie nie geschlafen. Im Durchschnitt saß sie am Tag 16 Stunden auf dem Fahrrad. Am Ende, als es mit der Zeit doch noch eng wurde, fuhr sie einmal 26 Stunden am Stück. Eine extreme Erfahrung.

Zimmermann ist bekennende Frühaufsteherin. Wenn andere es noch nicht in den Tiefschlaf geschafft haben, steht sie bereits auf. Manchmal schon um zwei Uhr. Bevor die Briefträgerin zur Arbeit geht, trägt sie Zeitungen aus, auf dem Fahrrad, versteht sich. Das macht die leidenschaftliche Radlerin nicht einfach nur zum Spaß, es ist auch ihr Training für die Langstreckenfahrten, an denen sie seit vier Jahren einmal im Jahr teilnimmt.

Ihre Tochter in Berlin besucht sie mit dem Fahrrad. Auch für Nachtfahrten trainiert sie nicht speziell. Als sie kürzlich zu einem Lehrgang ins 170 Kilometer entfernte Bensheim musste, verband sie das Notwendige mit dem Nützlichen. „Ich bin abends um halb elf losgefahren und war morgens um 9 Uhr da“, sagt sie und strahlt, als sei das nichts Besonderes.

Fasziniert vor allem von den langen Strecken

Mit dem Radsport begonnen hat sie erst vor acht Jahren. Seitdem ist sie Mitglied auch im Radrennteam der Deutschen Post. Bei den Radrennen über Distanzen zwischen 70 und 150 Kilometer hat sie eines schnell gemerkt: „Auf den langen Strecken punktete ich besser.“ Irgendwann stellte sie sich die Frage: „Wie lang ist wirklich lang?“ So kam sie zu den Audax-Langstreckenfahrten.

Zwar haben Rennen auch ihren Reiz, doch haben es ihr die Langstreckenfahrten angetan, weil man nicht gegeneinander, sondern miteinander fahre. „Man hilft sich, fährt im Windschatten der anderen“, sagt sie. Einmal im Jahr fährt sie einen Audax. 2013 meisterte sie ihren ersten, den London– Edinburgh–London. In 100 Stunden galt es 1400 Kilometer zu schaffen. Es folgte der Míle Fáilte durch Irland über 1200 Kilometer und im vergangenen Jahr der Super-Brevet Hamburg–Berlin–Köln über rund 1500 Kilometer. Mit dem Absolvieren des Wawa ist ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen. „Ich wusste nicht, dass ich mich damit für den Paris-Brest-Paris-Audax qualifiziere“, sagt sie. Dieser findet 2019 statt – und Birgit Zimmermann wird dabei sein.

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