Fatma und Harun Ilhan haben Stammzellen gespendet. Nun haben sie sich in Stuttgart mit ihren genetischen Zwillingen getroffen. Eines hat alle Beteiligten verblüfft.
Die achtjährige Melin ist unheimlich stolz auf ihre Eltern. „Sie sind Helden, weil sie zwei tollen Menschen das Leben gerettet haben“, sagt sie. Ihr Vater Harun Ilhan spendete 2019 einem Mädchen aus den USA Knochenmark, ihre Mutter Fatma Ilhan gab 2021 Stammzellen für eine Frau aus Dortmund. Vor Kurzem trafen sich beide Spender mit ihren Empfängerinnen in Stuttgart – ein besonderer Tag im Leben aller Beteiligten. „Es war sehr herzlich und sehr emotional“, erzählt Fatma Ilhan. Vor allem der Papa der Kleinen aus den USA habe sich immer wieder bedankt. „Das waren Momente, die gut getan haben, wir sind sehr glücklich“, sagt Harun Ilhan.
Das Mädchen aus den USA war im Alter von zwei Jahren an einem seltenen und sehr aggressiven Typ von Leukämie erkrankt. Nur dank Harun Ilhans Knochenmarkspende konnte sie gerettet werden. Ihre Eltern wollen, dass sie anonym bleibt. Sie soll später einmal selbst entscheiden, ob sie ihr Schicksal öffentlich machen möchte. Harun Ilhan kann nur erahnen, was die US-amerikanische Familie durchgemacht hat. „Sie hatten keine Hoffnung mehr, haben nicht mehr daran geglaubt, dass die Kleine es schaffen kann. Es war sehr schmerzhaft für sie“, erzählt der 47-jährige Ingenieur aus Stuttgart. Sie hätten der Tochter auch gar nicht erzählt, dass sie tödliche erkrankt sei, sondern nur von einem starken Virus gesprochen. Jahre lang hätten sie zusammen gelitten, bis sich ein passender Spender gefunden habe.
Bei Petra ging alles ganz schnell. Sie ist mittlerweile 69 Jahre alt. Als Architektin hatte sie viele Jahre hart gearbeitet. Den Ruhestand wollte sie dann genießen. Doch kurz nach ihrem Rentenbeginn bekam sie die Diagnose Blutkrebs. Schnell war klar, dass sie nur noch mit einer Knochenmarkspende überleben würde. Fatma Ilhan ist ihr genetischer Zwilling und zögerte nicht eine Sekunde. Während bei Harun Ilhan 2019 ein operativer Eingriff unter Vollnarkose notwendig war, um die lebensrettenden Zellen aus dem Beckenknochen zu gewinnen, reichte bei Fatma Ilhan im April 2021 eine periphere Stammzellentnahme. Das funktioniert ähnlich wie bei einer Dialyse. Doch auch diese Prozedur sei alles andere als einfach gewesen, erinnert sich die 43-jährige Journalistin. Viel wichtiger ist für sie aber: „Es hat sich gelohnt!“
Möglich war das alles nur, weil Fatma und Harun Ilhan bei der DKMS, die früher Deutsche Knochenmarkspenderdatei hieß, registriert waren. Die international tätige gemeinnützige Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf das Thema Blutkrebs aufmerksam zu machen und an Leukämie erkrankten Menschen eine zweite Lebenschance zu geben. Oft ist dazu eine Stammzellenspende erforderlich. In der DKMS sind mehr als zwölf Millionen potenzielle Spenderinnen und Spender registriert, bis heute hat die Organisation mehr als 115 000 Stammzellspenden vermittelt. Danach gilt eine Anonymitätsfrist von mindestens zwei Jahren. In den meisten Ländern können sich Spender und Empfänger anschließend kennenlernen, wenn beide Seiten das wollen.
Die Ilhans haben mittlerweile eine besondere Verbindung zu ihren Empfängerinnen und deren Familien. An Geburtstagen, zu Ostern und zu Weihnachten schicken sie sich gegenseitig Karten und Geschenke. Mit Petra haben sie sich bereits dreimal getroffen. „Sie ist für uns wie eine Tante“, sagt Fatma Ilhan. Das kleine Mädchen aus den USA war lange Zeit noch zu schwach, um nach Deutschland zu fliegen, für sie war es das erste Mal, dass sie ihrem Spender begegnete. Nun sei sie „wie ein drittes Kind“, sagt Harun Ilhan.
Eines hat alle Seiten bei der ersten Begegnung verblüfft. Fatma Ilhan sieht Petra ähnlich, und das kleine Mädchen aus den USA ist Harun Ilhan wie aus dem Gesicht geschnitten. Die auf ungewöhnliche Weise zusammengewürfelte neue Großfamilie verbrachte den ganzen Tag zusammen. Lange saßen sie nur bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse und unterhielten sich. „Alles war so vertraut. Wie wenn wir uns schon seit Jahren gekannt hätten“, erzählt Fatma Ilhan. Die Kinder – die Ilhans haben neben ihrer achtjährigen Tochter noch einen jüngeren Sohn – hätten zusammen gespielt. Dass sie unterschiedliche Sprachen sprechen, habe keine Rolle gespielt. Vor allem die beiden Mädchen, die fast auf den Tag genauso alt seien, hätten sich prima verstanden. „Kinder sind da viel unkomplizierter als Erwachsene“, sagt die Mutter und lacht dabei. Später hätten sie gemeinsam noch einen Ausflug nach Esslingen gemacht. „Der Tag verging wie im Flug“, sagt Fatma Ilhan.
Ob es ein Wiedersehen mit dem kleinen Mädchen aus den USA gibt?
Wann und ob überhaupt es ein Wiedersehen mit der Familie aus den USA gibt, ist ungewiss. Ein Flug über den Atlantik sei aufwendig und teuer, sagt Harun Ilhan. Doch vielleicht könne er es mal mit einer Dienstreise verbinden. Der Kontakt müsse aber auf alle Fälle bestehen bleiben. Denn auch wenn die Kleine aktuell zum Glück sehr gesund und stark sei, könne die Krankheit jederzeit zurückkommen. Dann wäre das Mädchen erneut auf Harun Ilhans Hilfe angewiesen. Wenn erforderlich, sei er wieder bereit, sagt der Stuttgarter.
Julia Ducardus, eine Sprecherin der DKMS, ist beeindruckt von der engen Verbindung zwischen den drei Familien: „Harun Ilhans kleine Empfängerin aus den USA ist heute eine lebensfrohe herzliche Achtjährige, die gerne malt, tanzt und viele Sportarten betreibt“, sagt sie. Immer wieder hätten die Eltern ihre große Dankbarkeit gegenüber Harun Ilhan und auch der DKMS geäußert. Der Vater habe gesagt: „Dank eurer Arbeit hat unsere Tochter einen passenden Spender gefunden. Ohne euch könnte sie jetzt nicht hier gemeinsam mit anderen Kindern spielen und mit uns allen Zeit verbringen.“
Julia Ducardus ist überzeugt: „Die Geschichte von Harun und Fatma Ilhan ist sehr besonders. Beide konnten eine zweite Lebenschance schenken.“ Besonders freut sie, dass sie an die Öffentlichkeit gehen, um Menschen zu motivieren, sich als Stammzellspenderinnen und -spender in die DKMS aufnehmen zu lassen.
Denn genau darum geht es der Familie. Auch wenn es sie zutiefst berührt, dass ihre Tochter sie als Helden ansieht, wollen sie das eigentlich nicht sein. Vielmehr geht es ihnen darum, andere zu inspirieren und sie dazu zu bewegen, sich bei der DKMS registrieren zu lassen. „Es kann wirklich jeden treffen, und dann ist man sehr glücklich, wenn sich ein Spender findet“, sagt Harun Ilhan. „Wir können die Welt nicht retten. Aber indem wir was Gutes tun, können wir sie ein bisschen besser machen“, ergänzt seine Frau.
Alle 27 Sekunden eine niederschmetternde Diagnose
Blutkrebs
Alle zwölf Minuten erhält in Deutschland ein Mensch die Diagnose Blutkrebs, weltweit alle 27 Sekunden. Blutkrebs ist nach wie vor die häufigste Ursache für krebsbedingte Todesfälle bei Kindern. Viele Patientinnen und Patienten können ohne eine Stammzellspende nicht überleben, und mit der Suche nach geeigneten Spenderinnen und Spendern beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Je schneller ein sogenanntes Match gefunden wird, desto größer sind die Chancen.
Registrierung
Wer helfen möchte im Kampf gegen Blutkrebs, kann sich be der DKMS registrieren lassen. In Baden-Württemberg haben das bereits rund 1,16 Millionen Menschen getan, etwa 13 000 von ihnen haben gespendet. In Stuttgart gibt es rund 65 000 Registrierte, 700 haben bereits eine Chance auf Leben geschenkt, darunter Harun und Fatma Ilhan. Alle Informationen zur DKMS stehen im Internet unter www.dkms.de.