Caroline Schalinski (in der Mitte im Karo-Pulli) mit ihren Jungen und Mädchen aus aller Welt Foto: Wolfgang Albers

25 Mädchen und Jungen aus 13 Nationen gehen in die Internationale Vorbereitungsklasse an der Französischen Schule Tübingen. Eine brasilianische Lehrerin bringt ihnen die deutsche Sprache näher – und eine neue Heimat.

Was geografisch falsch ist, kann emotional richtig sein. Die Erdteile hat eine Klasse zeichnen sollen. Grüne Flächen sind da auf einem Blatt in einem blauen Meer zu sehen. Europa, Asien – und ein Kontinent heißt: Schalinski. Das ist der Name der Lehrerin. Die Schülerin, die dies gezeichnet hat, hat damit eine tiefere Wahrheit ausgedrückt: Ihre Heimat, ihr Kosmos ist momentan auch die Klasse der Caroline Schalinski. Eine Klasse, die anders ist, als man es vom normalen Schulbetrieb gewöhnt ist.

 

Wenn Caroline Schalinski um acht Uhr ihren Klassenraum in der Französischen Schule betritt, einer Gemeinschaftsschule in Tübingen, weiß sie nicht, wen sie diesmal antrifft. Schüler können fehlen, das ist normal. Aber als Medimija fehlte, war das für immer: Das Mädchen wurde aus Deutschland abgeschoben.

Wenn Caroline Schalinski ins Klassenzimmer kommt, kann sie jederzeit auch auf neue Gesichter treffen. So saßen plötzlich Murad und Abdulrazzaq da. Zwei Wochen vorher waren sie noch in Syrien gewesen. Jetzt sitzen sie neben Mädchen und Jungen aus Pakistan, Serbien, Afghanistan – aus all den Ländern, aus denen Menschen nach Deutschland fliehen, vor Krieg, Unterdrückung, Armut, Perspektivlosigkeit. All diese 25 Schülerinnen und Schüler aus 13 Nationen, all diese Schicksale bündelt die Verwaltungssprache in das Kürzel IVK: Internationale Vorbereitungsklasse. „Meine Kinder“, sagt Caroline Schalinski lieber.

Die Sprache ist eine schier unüberwindliche Hürde

Kommen Minderjährige nach Deutschland, werden sie schnell, oft schon innerhalb einer Woche, ins Schulsystem gesteckt. Dort spricht man Deutsch – für fast alle Ankommenden eine unüberwindliche Hürde. Deshalb sollen die Vorbereitungsklassen die Kinder und Jugendlichen so fit in der deutschen Sprache machen, dass sie in die regulären Klassen wechseln können.

Schon dort ist die Unterschiedlichkeit der Schüler ein großes pädagogisches Thema. Aber diese sogenannte Heterogenität ist ein Klacks gegenüber der Herausforderung, die auf Caroline Schalinski wartet, der Klassenlehrerin, die noch stundenweise von drei Kollegen unterstützt wird.

Manche Kinder können kaum einen Stift halten, können weder lesen noch schreiben. Andere haben einen ganzen Stapel Zeugnisse dabei, gehörten in ihrer Heimat zu den Klassenbesten, müssen nun aber im deutschen Schulsystem wieder ganz unten anfangen, erst einmal Deutsch lernen für den nächsten Schritt, den Übergang in eine normale Hauptschulklasse. Elfjährige sitzen neben 16-Jährigen, Mädchen neben Jungen. Manche Kinder sind mit dem Flugzeug gekommen – Familienzusammenführung mit den voraus geflüchteten Eltern. Andere haben eine jahrelange Odyssee hinter sich. Die 14-jährige Sarah ist mit ihrer Familie aus Afghanistan weitergezogen in den Iran, die Türkei, Griechenland – und von da schließlich nach Deutschland. Überall war sie ein bisschen in der Schule, immer wieder mit einer anderen Unterrichtssprache. Lesen und schreiben lernte sie erst bei Caroline Schalinski.

Kleine Lernhilfe im Klassenzimmer: Welche deutsche Buchstaben entsprechen welchen Zeichen der jeweiligen Landessprache? Foto: Wolfgang Albers

Der 13-jährige Mohammed ist zu Fuß aus Syrien aufgebrochen, ohne Familie – wie fünf weitere Kinder in der Klasse. Zwei Monate hat er sich durchgeschlagen. Über die Balkanroute zu einer Tante in Kusterdingen. Joleen und ihr Bruder wurden freigekauft. Fünf Jahre alt war das Mädchen, als es in die Gefangenschaft des IS geriet, fünf Jahre blieb sie dort, als Magd in einer Familie: putzen, kochen oder was sonst so anfällt im Haushalt. Ihre Besitzer sprachen Arabisch mit ihr. Als Joleen ihre Familie wiedersah, konnte sie sich kaum mit ihnen unterhalten, dort redet man Kurdisch.

Das kennt Caroline Schalinski. Wenn neue Kinder kommen, können sie oft zwei, drei Sprachen, nur kein Wort Deutsch oder Englisch. Aber die Lehrerin hat ja Hände. „Ich kommuniziere viel mit Mimik“, sagt Caroline Schalinski. „Deshalb bekomme ich jede Woche neue Falten!“ Klar, das Handy mit Übersetzungs-Apps hilft – aber wichtiger ist Humor, ist eine Einstellung, die Schwierigkeiten nicht als Grund zur Resignation sieht.

Aber das ist Caroline Alves-Goncalves Ramos gewohnt. Unter diesem Namen ist sie in Brasilien geboren, in Rio aufgewachsen: „Ich komme aus einem Land mit vielen Unterschieden. Ich habe viele Gemeinsamkeiten mit meinen Schülern, habe auch schon Armut und Not gesehen. Und dass man komplett auf sich angewiesen ist, das ist nicht abstrakt für mich.“ Genauso wenig wie kulturelle Vielfalt: „Jeder in Brasilien ist eingewandert, Migration ist viel weniger problematisch.“

Caroline Schalinski weiß, wie das ist, zwischen den Welten zu pendeln. Die Studentin der Kommunikationswissenschaften mit dem Schwerpunkt Journalismus kam zu einem Austausch an die Universität Tübingen – und lernte dort ihren späteren Mann Horst Schalinski kennen.

Das alles war immerhin ihre freie Entscheidung. Ihre Schüler hatten die nicht: „Da hat die Familie entschieden zu gehen. Und die Kinder haben ihre Oma zurückgelassen, ihre Freunde, ihre Hobbys wie den Sport. Sie kommen oft unfreiwillig in eine völlig neue Welt“, sagt Caroline Schalinski. Deshalb ist ihr so wichtig: „Wir sind dafür zuständig, Brücken für die Kinder zu bauen. Wir sind für das Ankommen zuständig, für die Integration. Und da geht es nicht nur um die deutsche Sprache, da geht es um viel mehr.“

Caroline Schalinski Foto: Wolfgang Albers

Demokratie zum Beispiel, neben Deutsch das einzig explizit genannte Unterrichtsziel im Lehrplan. Dazu gehört auch die Gleichwertigkeit der Geschlechter. Caroline Schalinski erinnert sich noch an ihren Start in der Klasse. „Die Mädchen waren gleich begeistert. Die Jungs – hm.“ Da waren drei, die sich nur auf Arabisch unterhielten und das von der Lehrerin ausgeteilte Arbeitsblatt geflissentlich ignorierten. „Füllt das Blatt aus“, sagte sie noch mal. Die Jungs guckten kurz auf und setzten dann ihre Unterhaltung fort. „Füllt das Blatt aus“, sagte sie wieder, und man hört, wenn sie das erzählt, wie sich jedes Mal eine Spur mehr Stahl in ihre Stimme schiebt.

Sie hat als Studentin in Reutlingen noch einen Master in Betriebswirtschaft gemacht und ist dann zum Daimler ins Marketing gegangen: „Beste Entscheidung ever“, sagt sie. „Da habe ich Werte gelernt, die ich nicht gekannt hatte: Pünktlichkeit etwa. Oder Effizienz.“ Und sicher auch Beharrlichkeit. Die Jungs jedenfalls haben ihr Arbeitsblatt schließlich brav ausgefüllt.

Sie hat jetzt auch immer eine gelbe und eine rote Karte dabei: „Das hat eine unglaubliche Wirkung: Fußball ist eine Weltsprache.“ Überhaupt: auch wenn Caroline Schalinski in all ihrer Extrovertiertheit und Emotionalität zunächst einmal jedes klassische Brasilien-Klischee bedient – da ist auch ein fast preußisches Regel-Bewusstsein: „Die Kinder werden entspannter, wenn sie wissen, wie die Arbeitsabläufe sind.“

Demokratie bedeutet zudem, die neue Heimat kennenzulernen. Die Eltern trauern oft noch dem Verlust ihres bisherigen Lebens nach. „Die Kinder aber sind im Hier und Jetzt“, sagt Caroline Schalinski. Sie möchten sich hier ihr Leben einrichten. IT ist sein Berufsziel, sagt Fahd, der Syrer. Wsal, eine Jesidin aus dem Irak, möchte in einer Apotheke arbeiten. Und Ali aus dem Irak möchte später gern ein Rechtsanwalt sein.

Caroline Schalinski will sie alle bestmöglich fördern. Sie hat auch den pädagogischen Hintergrund – in der Corona-Zeit hat sie noch beim Goethe-Institut ein Fernstudium gemacht: „Deutsch Lehren Lernen“. Und sie hat jede Menge praktische Ideen. So erklärt sie ihnen bei einem Rundgang durch Tübingen, wie das Leben hier ist. Was, in Deutschland sind nicht alle Muslime?, hört sie schon mal. Sie führt ihre Kinder dann in eine Kirche. Mancher Junge sträubt sich schon mal. Sie nimmt ihn dann an die Hand und sagt: „Du kannst ja bei deinem Glauben bleiben, aber du sollst wissen, wie die Menschen hier leben.“

Warum es auch für Mädchen wichtig ist, an Ausflügen teilzunehmen

So jongliert Caroline Schalinski durch die Tage, wenn es sein muss, auch mal mit vier verschiedenen Arbeitsblättern gleichzeitig: Manche malen ungelenk lateinische Buchstaben nach, andere lesen einen Text und beantworten Fragen. Sie gibt Tipps außerhalb jedes Lehrplans („rauch nicht so viel, ist zu teuer – kauf lieber Make-up“) oder albert mit zwei Jungs rum, die sich als Cousins outen: „Ich hab auch einen, der heißt Neymar.“ Schreibt Elternbriefe: Warum es auch für Mädchen wichtig ist, an Ausflügen teilzunehmen.

Und sie nimmt ihre Kinder in den Arm, wenn die Tränen kommen. Wenn die Familie getrennt und die Sehnsucht nach der Schwester wieder allzu groß ist. Oder wenn die Angst hochkommt – wie bei Erblina, einer Albanierin, die willensstark den Hauptschulabschluss mit einer Belobigung geschafft hat, sich in ihrem Dorf der Jugendfeuerwehr angeschlossen hat, die öfter „noi“ sagt als „nein“, die einen Beruf in der Altenpflege ansteuert – und die Caroline Schalinski fragt: „Deutschland will doch keine Ausländer, da soll ein neues Gesetz kommen. Werden wir jetzt weggeschickt?“

„Fühl dich nicht angesprochen“, sagt Caroline Schalinski. Sie setzt darauf, dass ihre Kinder anerkannt werden: „Sie leisten so unglaublich viel.“ Einige haben schon den Hauptschulabschluss geschafft, manche sind auf der Berufsschule.

Entscheidend ist immer die Lehrperson, lautet das Dogma des Pädagogik-Wissenschaftlers John Hattie. Fahd drückt das so aus: „In der Vorbereitungsklasse fühle ich mich gar nicht wie in der Schule, das ist für mich wie Heimat.“