In einer Shisha-Bar, die sich in Besitz der Culums befindet, traf sich die Familie regelmäßig. Foto: imago/Pond5 Images

Eine junge Frau erzählt erstmals von ihren erschreckenden Erlebnissen im Umfeld von Boki. Über soziale Medien in eine gefährliche Welt gelockt, entkommt sie der Loverboy-Falle und gewährt exklusive Einblicke in die kriminellen Machenschaften des Culum-Clans.

Wir nennen die junge Frau Claudia S. Der wahre Name und weitere Details, die die Informantin identifizierbar machen könnten, werden nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Zu groß ist die Gefahr, dass Claudia S. Rache durch die United Tribuns erfährt.

 

Die kriminelle Gruppe verfügt trotz ihres Verbots in Deutschland und auch unabhängig von der Verhaftung der Führungsfiguren in Bosnien-Herzegowina international über ein weit verzweigtes Netz an Mitgliedern, die sich der Loyalität gegenüber der Bruderschaft verpflichtet haben. Verräter werden aufgespürt, bedroht, malträtiert.

In diese völlig andere Welt – in der die Culums vorgeben, was Recht und Unrecht ist – tauchte Claudia S. kurzzeitig ein, wie sie dem Schwarzwälder Boten in mehreren Gesprächen schildert. Ihre Angaben über Personen und Konstrukte konnten größtenteils anhand von Ermittlungs- und Gerichtsunterlagen sowie Aussagen in Prozessen auf Plausibilität geprüft werden. Sie lassen den Schluss zu: Die Erzählungen wirken authentisch und scheinen der Wahrheit zu entsprechen.

Sie wurde zur Culum-Villa nach Sanski Most gelockt

Doch wie erhielt die junge Frau, die im europäischen Ausland wohnt, überhaupt Einblick in den Dunstkreis des Culum-Clans? „Einer von denen hat mich über Instagram angeschrieben“, erzählt Claudia S. Dies ist wohl eine übliche Vorgehensweise, um mit wildfremden Frauen Kontakt aufzunehmen. Die lockeren Gespräche hätten schnell darauf abgezielt, dass die junge Frau nach Sanski Most kommen soll, um sich näher kennenzulernen. Bis dahin wusste sie nicht, an wen sie geraten war.

Bereits da deutete sich an, dass die Reisefreiheit des Lockvogels wohl stark eingeschränkt war. Erst später war klar, dass das mit Fahndungsmaßnahmen behördlicher Seiten zusammenhängen muss. Die Reise nach Bosnien-Herzegowina führt dann schließlich, wie Claudia S. erzählt, in die Villa von Boki, VS-Rotlichtkönig und Weltpräsident der United Tribuns.

Die Frauen der Anführer stammten aus Deutschland

Ein großer Fuhrpark, unter anderem mit zwei Bentleys („die sind aber nicht so beliebt, weil sie sich nicht gut fahren lassen“) und ein riesiges Anwesen mit fünf oder sechs Schlafzimmern („jedes davon mit eigenem Bade- und Ankleidezimmer“) erwartete sie dort. Von den Culums, darunter auch Anführer Boki, sei sie freundlich begrüßt worden, „es waren alle nett“. Und an der Seite der Bandenmitglieder: jeweils eine Frau, die mutmaßlich ausschließlich aus Deutschland stammten und deren Körper und Gesichter größtenteils mithilfe von Schönheitsoperationen geformt schienen.

Bei ihren Besuchen in der Culum-Villa habe sich schnell herauskristallisiert, dass es eine klare Rangordnung mit Boki an der Spitze gibt („er agiert wie ein Diktator und man musste Besuche bei ihm absegnen“), jedoch habe es dabei auch immer wieder Streitereien gegeben. Das damals noch über die sozialen Medien transportierte Bild einer verschworenen Bruderschaft im Einklang habe sich nicht immer bewahrheitet.

Von Botox und Bräunungsspritzen

Auffällig sei aber gewesen, wie sich die Culums und ihre Anhänger nach außen präsentiert haben. In der Regel ernst, immer autoritär und mit der klaren Meinung, dass die United Tribuns das Sagen haben. Dass auf veröffentlichten Bildern fast nie gelächelt wird, sei kein Zufall. Wie wichtig die Außendarstellung für die Gruppe sein muss, zeigt sich auch in weiteren Punkten, wie die Frau erklärt: „Sie spritzen sich Botox und nutzen Bräunungsspritzen.“

In Sanski Most hätten die Culums an vielen Stellen ihren Einfluss geltend gemacht und führten sich dabei auf wie die Könige. Auch gegenüber der Polizei zeigten sie ihren Angaben zufolge keinerlei Respekt. Als wichtiger Treffpunkt außerhalb der Villa galt dabei eine Shisha-Bar, die sich in Besitz der Culums befindet. Das Personal dort sei ausgewählt gewesen – ob dort alle freiwillig für die Gruppe gearbeitet haben, dürfe man jedoch bezweifeln, erklärte Claudia S.

Sie schmuggelten Handys ins Gefängnis

Auch dass das geschäftliche Gebaren im kriminellen Milieu stattfinde, sei schnell klar geworden. Bei ihren Besuchen lernte sie Mitglieder kennen, die brutalste Gewalt anwenden würden, um Forderungen durchzusetzen, Einnahmen aus den Drogengeschäften seien zudem dazu genutzt worden, um die Familien von Inhaftierten – auch aus dem Raum Villingen-Schwenningen – finanziell zu unterstützen. Dabei wurde außerdem deutlich, dass die Gefängnismauern kein Hindernis für das Fortführen der Geschäfte bedeuteten. „Sie haben Handys ins Gefängnis geschmuggelt“, so Claudia S. Immer wieder wurde deutlich: Der Rubel muss rollen. Zu jeder Zeit.

Loverboy-Methode als klassisches Lockmittel

Den Kontakt zu dem „Lockvogel“ habe sie schließlich irgendwann abgebrochen. Insbesondere deshalb, als man sie dazu gedrängt habe, ihr altes Leben und ihren Job hinter sich zu lassen, um sich in Bosnien-Herzegowina ein neues Leben in Luxus aufzubauen. Ein klassisches Lockmittel der Loverboy-Methode, um Frauen aus ihren sozialen Gefügen zu reißen und der Zwangsprostitution zuzuführen. Aber Claudia S. ließ sich nicht locken. Ihr Misstrauen schützte sie vor den Culums.