Keine Schulden mehr und am Ende doch noch ein neues Zuhause gefunden: Familie Schreiber, die anonym bleiben möchte, kann jetzt eine Zukunft ohne Schulden planen. Foto: /Horst Haas

Mindestens 8700 Baden-Württemberger beantragten 2021 Privatinsolvenz. Wer sind diese Menschen und ist dieses Verfahren der beste Weg aus der Überschuldung? Ein betroffenes Paar erzählt.

Esslingen/Tübingen - Eineinhalb Umzugskartons voll ungeöffneter Briefe waren es am Ende. Vielleicht auch mehr, manche Stapel waren ihr bei Umzügen einfach verloren gegangen. Ihr Mann Dennis wunderte sich zwar, warum Franziska Schreiber die Post nicht öffnete. Aber er hielt sich lang an ihre Ausflüchte. Bis ihm ein Schreiben der Deutschen Bahn in die Hände fiel. Die drohte seiner Frau mit Haft, weil sie die Gebühren fürs Fahren ohne Ticket nicht gezahlt hatte. Da setzten sich die Schreibers, die in Wirklichkeit anders heißen, endlich hin und redeten.

 

Am Ende war klar: In den Briefen lagen die Schulden der heute 35-jährigen Rettungssanitäterin verborgen. Mahnung, Inkassounternehmen, Pfändung, Haftandrohungen. Solche Worte standen darin. 25 000 Euro Schulden hatte Franziska Schreiber angehäuft, über Handyverträge, Konsumkredite, unbezahlte PCs oder Küchenmöbel, teils von ihrem Ex-Mann auf ihren Namen bestellt. Aber auch Dennis Schreiber trug unbezahlte Rechnungen mit sich herum, über die er nicht sprach. 12 000 Euro, aufgenommen für ein Auto, teils von seinem verstorbenen Vater übernommen, weil die Mutter das Erbe nicht ausgeschlagen hatte. Beide machten diese Schulden, die nicht weniger wurden, „kaputt im Kopf“.

Lehrkräfte, Handwerker, Verkäuferinnen

Mit Menschen wie den Schreibers hat der Esslinger Anwalt Gerhard Seil täglich zu tun. Er berät sie, aber er wird von den Amtsgerichten auch als Verwalter bei Verbraucherinsolvenzen bestellt. Rund 200 Fälle bearbeitet er gleichzeitig. Wenn es heißt, dass aktuell rund 670 000 Menschen über 18 Jahre in Baden-Württemberg überschuldet sind, dann kann Seil erzählen, wer das ist.

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Aktenordner um Aktenordner zieht er aus seinem Schrank. Da ist die alleinerziehende Mutter, die sich mit Babyartikeln, Zahnarztrechnungen, einem Kredit für zehn Prozent Zinsen und einer Berufsunfähigkeitsversicherung verschuldet hat. 280 000 Euro wären abzustottern. Nicht mehr zu schaffen in diesem Leben für eine Arbeitslose, sagt Seil.

Der typische Fall hat 30 000 Euro Schulden

Da ist der ehemalige Testfahrer eines großen Autobauers, der mit sieben Bankkrediten über insgesamt 100 000 Euro gut lebte. Als er seinen Job verlor und sich sein Gehalt fast halbierte, konnte er die Raten nicht mehr bezahlen. Da sind Handwerkerinnen, Rentner, Dönerbudenbesitzer, Kosmetikerinnen, Zeitsoldaten, Arbeitslose und Lehrkräfte in Seils Kartei. Die wenigsten hätten sich bewusst verschuldet, sagt der Insolvenzverwalter. Oft gehen Alltagsnotwendigkeiten mit den Versprechungen der Konsumgesellschaft und allzu leicht zugängliche Konsumkredite eine ungute Allianz ein. Seils typische Fälle haben rund 30 000 Euro Schulden und etwa 2000 Euro Nettomonatsverdienst.

Manche hätten auch einfach nie gelernt, mit Geld umzugehen. Die gab es früher schon, aber da wurden ihnen eben keine Kredite und Karten hinterher geworfen. Vor Seil sitzen Menschen, die nicht mehr schlafen können, deren Partner und Kinder mitleiden, weil sich alles um das Geld dreht, das nicht da ist. In seinen Wartebereich hat der Insolvenzverwalter ein Aquarium gestellt. Fische beruhigen, sagt er.

Er aß Küchenpapier mit Schokopulver

Auch die Schreibers saßen hier und hatten Angst. Dennis Schreiber, (33), gelernter Maler und Lackierer, wuchs in armen Verhältnissen auf. Manchmal weichte er als Kind Küchenpapier in Wasser und Kakaopulver ein und aß es, so wenig hatten sie. Geld – das war für ihn eine Unbekannte. Seine Frau lebte zeitweise im Heim. Sie heiratete früh den falschen Mann. Entschuldigen wollen sie damit nichts, aber vielleicht erklären.

Sie hatten lange Schuldgefühle. Den Gläubigern gegenüber, denen sie nichts zurückzahlen konnten, obwohl sie gern wollten. Dem Ehepartner gegenüber, dem sie es verschwiegen. Aber dann vor allem ihrem ersten gemeinsamen Sohn gegenüber, der vor acht Jahren auf die Welt kam, und der nicht mit ihren Problemen aufwachsen sollte. „Ich wollte meiner Familie etwas bieten können“, sagt Dennis Schreiber. Seine Wünsche sind klein: Platz zum Leben für die mittlerweile drei Kinder. Ein Auto. Genug für Essen, Kleidung, Spielsachen.

Privatinsolvenz als Ausweg?

Aber wer überschuldet ist, kann sich das kaum leisten. Weil das Konto gepfändet ist und der Gerichtsvollzieher schon vor der Tür stand. Weil man mit den Schufa-Einträgen keinen Stromanbieter oder Vermieter findet. Die Schreibers stritten in dieser Zeit viel wegen dem, was fehlte.

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Für Gerhard Seil ist klar, was der richtige Weg heraus ist: die Privatinsolvenz. Der Großteil der Verschuldeten könne sonst nie mehr „am Konsumkreislauf teilhaben“. Ab dem Zeitpunkt des Antrags wird der Schuldenbetrag eingefroren. Die Ausstände der Gläubiger, die sich dem Verfahren anschließen, werden gebündelt. Vermögenswerte des Schuldners fließen in die Abbezahlung der Verfahrensgebühren und der Schulden. Außerdem ein monatlicher Betrag des Einkommens, der sich unter anderem nach der Kinderzahl bemisst. Der Rest bleibt zum Leben. Dennis Schreiber bezahlte fünf Jahre lang 87 Euro ab. Vom Rest der Schulden wurde er befreit. Früher dauerte das Verfahren sechs, mittlerweile nur noch drei Jahre.

10 000 Verfahren jährlich

Schulden machen und nach drei Jahren alles wieder los sein? Das hört sich allzu einfach an. Dennoch wurden in den letzten zehn Jahren in Baden-Württemberg nur maximal 10 000 solcher Verfahren pro Jahr eröffnet. Was machen die anderen? Es gebe eine große Scham, sagt Gerhard Seil, in die Insolvenz zu gehen, alles offenzulegen, die eigenen Versäumnisse. Außerdem sei das Verfahren immer noch zu wenig bekannt.

Martin Ahrens, der dazu an der Juristischen Fakultät Göttingen forscht, sagt, dass das Verfahren viele Betroffene überfordere. Ohne Rechtsanwalt, der einige hundert Euro kostet, oder einen kostenlosen Schuldnerberater könne keiner den Antrag stellen. Die Schuldnerberatungen haben für umfangreiche Beratungen teils lange Wartezeiten. In der Region Stuttgart liegen sie derzeit zwischen drei Monaten und einem Jahr. „Viele richten sich in ihrem Leben mit den Schulden ein und können sich mit den Freibeträgen, die nicht pfändbar sind, irgendwie über Wasser halten“, sagt Martin Ahrens, der auch zum Vorstand des Vereins Deutscher Privatinsolvenztag gehört. Nur: Währenddessen wächst der Schuldenberg weiter.

Manchmal ist außergerichtlich besser

Reiner Saleth, Leiter der Zentralen Schuldnerberatung Stuttgart, macht aber auch klar, dass das Verfahren nicht für alle die richtige Entscheidung ist: „Es kann auch sinnvoll sein, sich außergerichtlich mit den Gläubigern zu einigen“, sagt Saleth. Etwa jeder Dritte, den sie in Stuttgart 2021 beraten haben, wählte diesen Weg. Außerdem müsse der Wille zum Neustart da sein. In der Beratung gehe es darum, das Leben und die Finanzen so zu organisieren, dass es nicht wieder zu einer Verschuldung kommt.

Die Schreibers haben die sechsjährige Laufzeit des Verfahrens, die in ihrer Zeit noch galt, genutzt, den Neustart zu organisieren. Dennis Schreiber hat bei einer Hausmeisterservice-Firma angefangen und die Aussicht, diese zu übernehmen. Die Familie blickt jetzt sorgenfreier in die Zukunft, Franziska Schreiber ist wieder schwanger.

Der lange Schatten der Schufa

Probleme macht ihnen aber noch immer die Schufa. Die speichert die Daten drei Jahre über den Abschluss der Insolvenz hinaus. An jeder Anfrage verdient die Wirtschaftsauskunftei. Für die Schreibers hieß das unter anderem, dass sie nur schwer eine neue Wohnung fanden. Auf 400 Anzeigen mussten sie sich melden, bevor ein Vermieter sie trotz Schufa-Eintrag nahm. Der Schatten der Schulden, er ist lang.

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