Drachenbesuch im Klassenzimmer – Schulkinder im Glück: In der westlichen Mythologie gelten Drachen als furchterregende Ungeheuer, in China stehen sie für Glück und Güte. Foto: /Friederike Groß

Vor 15 Jahren hat ein Heidelberger das Fach Glück in die deutsche Bildungslandschaft geschmuggelt. Das Wahlfach hat bei Schülern, Eltern und Lehrern einen Nerv getroffen. Es wird heute an Hunderten von Schulen im In- und Ausland unterrichtet.

In der Rheinklangschule in Radolfzell wälzt sich ein Labrador im Stuhlkreis. Am Max-Born-Gymnasium Neckargemünd ergründen Schüler mithilfe des Spiels „Tempel der Tugenden“ ihre Charakterstärken. Realschüler in Kandel bei Landau servieren Bedürftigen in den Räumen der Wörther Tafel strahlend selbst gebackenen Kuchen aus der Schulküche. Am Löwenrot-Gymnasium in St. Leon-Rot bei Heidelberg rekeln sich Schüler auf den Tischen und stellen sich vor, in einer duftenden Blumenwiese zu chillen.

 

An diesen Schulen finden keine Projektwochen oder Aktionstage statt. Hier handelt es sich um regulären Unterricht, der sich auch auf die Abschlussnote auswirken kann. Seit 15 Schuljahren geistert ein Fach durch Deutschlands Schullandschaft, das mit dem üblichen Unterricht nichts gemein zu haben scheint. Es heißt „Glück“, und sein Lernziel lautet „Wohlbefinden“. Hier geht es mal nicht darum, sich Wissen gemäß Bildungsplan anzueignen, sondern den Blick auf die eigene Person zu richten. Kernfragen sind: „Was will eigentlich ich? Was sind meine Stärken? Was macht Spaß?“ Keine Rolle spielt, was Eltern erwarten oder der Wirtschaftsstandort Deutschland zurzeit gut gebrauchen könnte. In Zeiten, wo die Politik Schüler in Ausbildungsberufe oder Informatik-Studiengänge zu locken versucht, klingt das Konzept fast ein wenig rebellisch.

Das Konzept wurde schon ins Chinesische und Koreanische übersetzt

Mehr als 200 Schulen in Deutschland unterrichten das Wahlfach Glück. Das sind nicht viele – in Deutschland gibt es rund 32 000 allgemeinbildende Schulen. Doch auf dem niedrigen Niveau zeigt sich eine gewisse Dynamik: Innerhalb der vergangenen vier Jahre hat sich die Zahl der Schulen verdoppelt. Auch in Österreich, der Schweiz und in Italien steht das Fach auf dem Stundenplan, allein in Österreich an rund 150 Schulen. Zuletzt wurde das Buch „Glück kann man lernen“, verfasst vom Erfinder des Schulfachs, ins Chinesische und Koreanische übersetzt. Kommt da was ins Rollen?

Ernst Fritz-Schubert, ein Pädagoge und Querdenker in seiner Zunft, arbeitet im Untergrund. „Bitte gleich die Treppe runter“, ruft er, wenn Besucherinnen und Besucher die Villa am Philosophenweg in Heidelberg betreten. Der 74-Jährige trägt ein hellblaues Hemd zur beigefarbenen Cordhose und erinnert an einen sympathischen Geschichtslehrer. Gästen kredenzt er Cappuccino und Schokomuffins mit bunten Zuckerstreuseln. „Heute war schon der SWR da“, erzählt er. Sie wollten ein Interview mit ihm zum Weltglückstag. Ernst Fritz-Schubert macht bei solchen Anfragen stets bereitwillig mit. Es waren die Medien, die dazu beigetragen haben, dass sich sein exotisch anmutendes Schulfach etabliert hat.

Was verdächtig nach einer schnelllebigen Marketingidee klingt, hat tatsächlich eine lange Genese, die eng verwoben ist mit der Biografie des Schulfacherfinders. Ernst Fritz-Schubert, ein Kind aus der unteren Mittelschicht, hasste die Schule von Beginn an. Er macht den Realschulabschluss „mit Hängen und Würgen“. Anschließend beginnt er eine Ausbildung beim Grenzschutz. Sein Werdegang scheint vorgezeichnet.

Eines Tages steckt ihm ein Ausbilder ein Büchlein zu. „Irgendwas über Selbstvertrauen“, erzählt er. „Da verschob sich etwas in meiner Wahrnehmung.“ An einem Samstag im Jahr 1969 – damals wurde samstags noch unterrichtet – stellt er sich an einem Aufbaugymnasium dem Schulleiter vor. Der sieht ihn an, ignoriert die miesen Noten und gibt sein Einverständnis. Der junge Ernst wächst über sich hinaus. Zwei Jahre später hat er das Abi in der Tasche, drei Jahre später ist er Volkswirt. „Ich wollte begreifen, warum die Welt so ist, wie sie ist“, sagt er zu seiner damaligen Studienwahl.

Er geht im Kultusministerium ein und aus und testet die Grenzen des Systems

Dann passiert etwas Seltsames: Er geht zurück an die Schule, als Quereinsteiger, obwohl er auch Steuerberater oder Finanzanalyst hätte werden können. Offenbar ist er noch nicht ganz fertig mit dieser Einrichtung. Gleich am ersten Tag bestätigt sich auch warum. „Ich erhielt am 19. August 1976 ein Schreiben, dass ich mich am 18. August in der Schule hätte einfinden sollen“, erzählt er. „Meine zweite Schulzeit begann mit einer Ermahnung.“ Später in der Lehrerkonferenz findet er sich wieder in der hintersten Reihe, umgeben von wenig charismatischen Pädagogen und einem dozierenden Schulleiter. Alles beim Alten? Nein. Er ist jetzt ein anderer. „Mir war sofort klar: Entweder du haust gleich wieder ab, oder du änderst hier etwas“, sagt Fritz-Schubert.

Er bleibt – und beginnt zu experimentieren. Die Spielwiese ist groß: Die Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg ist Wirtschaftsgymnasium, Berufsfachschule für Wirtschaft, Berufsschule für kaufmännische Berufe und Berufskolleg für Abiturienten in einem. „Ich gründete mit Schülern eine Detektei, ein Bistro, wir gingen zur Bahnhofsmission, übernachteten im Kloster, gründeten systemkritische Vereine“, zählt er auf. Mit den Unmotivierten liest er Trauben im eigenen Weinberg. Für die Schlauen boxt er durch, noch während der Schule an der Fernuni studieren zu dürfen. Für Sportler will er eine längere Schulzeit durchsetzen. „Stets ging es darum, aus Erduldern Gestalter zu machen“, sagt Fritz-Schubert. Dafür testet er die Grenzen des Systems und ist mehrmals im Kultusministerium vorstellig. Mal mit Erfolg, mal ohne.

Er war daher kein Unbekannter, als er sich 2007, mittlerweile Schulleiter mit therapeutischer Ausbildung, ein Konzept zu einem neuen Wahlfach absegnen ließ. Das war zu einer Zeit, als man Berufsschulen Freiräume gab, um das eigene Profil zu schärfen. Das Fach sollte Schülern helfen, „durch die Entdeckung ihrer Potenziale und der Freude am eigenen Tun eine Beziehung zu einem gelingenden Leben aufzubauen“. Darauf gründete schon Aristoteles seinen Glücksbegriff, so Fritz-Schubert. Das Curriculum besteht aus sechs Modulen für umgerechnet 80 Unterrichtsstunden. Benotet werden, wenn überhaupt, Ideen und Reflexionen der Schüler. „Auf keinen Fall fließen Zustände oder Glücksfortschritte der Schüler in die Bewertung mit ein“, betont Fritz-Schubert. Ein Referent des Ministeriums gab grünes Licht.

Mit dem Namen des Fachs war die Behörde allerdings gar nicht glücklich. Ihr hätte „Lebenskompetenzerwerb“ besser gefallen, erzählt Schubert, „aber das hätte wieder so geklungen, als müssten die Schüler ein Defizit ausmerzen“. Auf den Namen war er in einer Kneipe gekommen. Ein befreundeter Journalist fand all seine bisherigen Vorschläge langweilig. Da sei ihm eingefallen, dass die Briten ein Schulfach namens „Wellbeing“ eingeführt hatten. „Nenn das Fach doch einfach Glück“, riet ihm der Freund. „Die rennen dir die Bude ein.“ Und so kam es dann auch.

Beistand für den einsamen Eduard und den schüchtern Nico

Noch während der Sommerferien riefen Fernsehsender und Zeitungen an, die beim ersten Glücksunterricht dabei sein wollten. Vor den Augen und Kameras von zig Journalisten gingen gleich zwei Kurse an den Start, da jeder zweite Berufsfachschüler das Fach gewählt hatte. „Wir hatten offenbar einen Nerv getroffen, nämlich die Sehnsucht von Eltern und Schülern nach einer Schule, an der Lernen Freude macht.“

Nach „Bild“, SWR und der Lokalpresse kamen die Illustrierten. Die Berichterstattung zog sich über Monate und Jahre. Immer am Weltglückstag oder wenn wieder eine Schule das Fach eingeführt hatte, konnte Fritz-Schubert von bewegenden Erfolgsgeschichten erzählen. Etwa vom einsamen Eduard, 120 Kilo schwer, der im Glücksunterricht über einen von Mitschülern gehaltenen Balken lief und spüren lernte, kein Außenseiter zu sein, sondern dazuzugehören. Oder vom schüchternen Nico, der beim Bewerbungsgespräch für einen Ausbildungsplatz gefragt wurde, warum ausgerechnet er für den Beruf geeignet sei, und der dann eine Art Visitenkarte mit seinen drei größten Stärken wortlos auf den Tisch legte. Er entdeckte diese Seiten an sich bei einem Spiel im Glücksunterricht, das laminierte Kärtchen trug er seither im Portemonnaie. Heute gehört er zur Führungsriege des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie in Heidelberg.

Besonders in der Anfangsphase schätzte Pädagoge Fritz-Schubert die begleitende Berichterstattung. Denn schon kurz nach Schulbeginn meldete sich das Kultusministerium bei ihm. Man sprach von einem „Missverständnis“ und ob er das mit dem Glück nicht besser wieder sein lassen wolle. Doch Fritz-Schubert wusste die Öffentlichkeit hinter sich. Auch hatte er die Einwilligung vom Kultusministerium schriftlich.

So ging die Behörde dazu über, in Stellungnahmen das Fach zwar „zu begrüßen“, aber darauf hinzuweisen, dass da Kompetenzen gelehrt werden, die ja schon in Fächern wie Deutsch, Religion oder Sport vermittelt werden können. Man wolle das Geschehen aufmerksam beobachten, hieß es. Und tatsächlich kamen alsbald Referenten des Regierungspräsidiums vorbei, die teilweise „ganz angetan“ waren, wie Fritz-Schubert erinnert. Später erschienen Vertreter der Religionsgemeinschaften, Schuldekane, Seminarleiter. Einigen war das Fach ein Dorn im Auge, aber die Bedenken wogen wohl nicht schwer genug, um das Fach zu verhindern. Zumal Wissenschaftler von drei Universitäten anhand von Schülerbefragungen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis kamen, dass die Persönlichkeit und Resilienz von Schülern im Vergleich zu Kontrollgruppen nach Ablauf des zweijährigen Unterrichts „signifikant“ gestärkt wurden.

Eine Chance für Pädagogen auf einen erfüllteren Berufsalltag

Umso mehr erhält das Fach Rückenwind von unten. Viermal im Jahr finden an einem von Fritz-Schubert gegründeten Institut Fortbildungen für Lehrer statt, die das Fach Glück unterrichten wollen. Sie sind ausgebucht. Auch ist das Fach inzwischen an den Universitäten für Lehramtsstudierende angekommen, etwa an den Universitäten Osnabrück, München, Kassel oder Rostock. Die Nachfrage ist groß, obwohl die Teilnehmenden Kursgebühren von 2400 Euro berappen müssen, ohne Aussicht auf staatliche Zuschüsse. Fritz-Schubert sieht dahinter eine Sehnsucht von vielen Lehrenden, selbst wieder aufzublühen in ihrem Beruf. „Freude am Lernen setzt Freude am Unterrichten voraus“, sagt er. Aber viele Pädagogen sähen sich im gegenwärtigen Bildungssystem nicht imstande, das eigentlich Faszinierende am Beruf umzusetzen, nämlich Vorbild zu sein, Werte zu vermitteln, Flügel zu verleihen.

Bis heute fremdelt das Kultusministerium mit dem Schulfach. Es sei „kritisch, wenn Schülerinnen und Schülern vermittelt wird, dass Glück erlernbar wäre“, teilt die Behörde mit. Der Philologenverband hält die Schule gar für den falschen Lernort: „Was persönliches Glück ist, fällt nicht in den Erziehungsauftrag der Schule, sondern in den Erziehungsauftrag des Elternhauses.“

Michael Mittelstädt, Vater und Vorsitzender des Landeselternbeirats Baden-Württemberg, hätte nichts dagegen, würde sich Schule stärker um das Wohlergehen seiner Kinder bemühen, in welcher Form auch immer. „Wir erleben Schule zunehmend als etwas Bedrohliches, als einen Lebensabschnitt, den unsere Kinder möglichst ohne Schaden überstehen sollen“, sagt er. „Dabei wollen Eltern doch eigentlich nur eins: glückliche Kinder.“