Sie ist seit rund acht Jahren Chefin einer Baufirma: Ricarda Stäbler. Foto: Simon Granville

Schlechte Erfahrungen wegen ihres Geschlechts hat Ricarda Stäbler, Chefin einer Baufirma aus Weil der Stadt, noch nicht gemacht. Wer auf der Baustelle arbeiten will, müsse auch kein Mann sein – aber den richtigen Charakter mitbringen.

In keiner anderen Branche in Deutschland ist der Frauenanteil so niedrig wie im Baugewerbe: 13 Prozent machen sie laut Hauptverband der Deutschen Bauindustrie aus, im Bauhauptgewerbe sind es nur elf Prozent. Das liegt vor allem am niedrigeren Anteil von Frauen in den gewerblichen Berufen. Während die Geschlechterverhältnisse etwa in der Architektur oder bei der Stadtplanung einigermaßen ausgewogen sind, gibt es wenige Frauen, die beispielsweise in der Klempnerei, im Trockenbau oder der Dachdeckerei arbeiten.

 

Auch an den Unternehmensspitzen der Branche sind Frauen selten. Aber es gibt Ausnahmen: Das Weil der Städter Familienunternehmen Gottlob Stäbler wird seit 2017 von Ricarda Stäbler geführt, sie leitet das Unternehmen in vierter Generation. Bevor sie in die Geschäftsführung einstieg, absolvierte sie ein duales Studium bei einer Baufirma in Süßen, inklusive Einsatz auf der Baustelle, später arbeitete sie beim Baukonzern Züblin.

Berührungsängste sind nicht nötig

Reibereien zwischen ihr als junger Person mit konkreten Veränderungsvorstellungen und den „alten Hasen“ habe es durchaus gegeben, berichtet sie. Dass sie eine Frau ist, sei aber nie das Problem gewesen. „Von der Baustelle bis in die Führungsebene habe ich nicht ein einziges Mal schlechte Erfahrungen gemacht.“ Berührungsängste bräuchten Frauen also nicht zu haben.

Geht es um die Baubranche, stecken gleichwohl noch Vorurteile in den Köpfen. „Das Klischee von den Bauarbeitern, die auf dem Gerüst sitzen und Frauen hinterherpfeifen, das gibt es so nicht“, stellt die Chefin klar. Doch wer auf dem Bau arbeiten wolle, der müsse ein spezieller Typ sein, einen gewissen Charakter mitbringen. „Es geht schon ruppiger zu“, sagt Stäbler, „man wird nicht mit Samthandschuhen angefasst.“

Außerdem sei die Arbeit in vielen baulichen Gewerben körperlich anstrengend und die sanitäre Situation vielleicht für viele Frauen nicht sonderlich ansprechend. Dass zeigt sich zumindest in der Bewerberlage bei der Weiler Baufirma: Auf der Baustelle beschäftigt das Familienunternehmen keine Frau, beworben habe sich auch noch nie eine. „Baustelle, das ist Männerdomäne“, sagt Ricarda Stäbler. In der Architektur oder im Büro sehe die Lage aber anders aus.

Nachwuchs dringend gesucht

Um männerdominierte Branchen – wie das Baugewerbe – für mehr Mädchen zu öffnen, gibt es seit gut 20 Jahren den bundesweiten Girls’ Day, der diese Woche stattfindet. Dass junge Menschen in potenzielle Berufe hineinschnuppern können, hält Ricarda Stäbler für gut. Sie wünscht sich überdies, dass sich grundsätzlich mehr Nachwuchs für Berufe in der Baubranche bewirbt – ob weiblich oder männlich. Denn der Fachkräftemangel macht sich auch hier bemerkbar. Das Handwerk erlebe zwar ein kleines Revival. Trotzdem würde sich auch das Vorurteil halten, dass solche Berufe wenig wert seien. „Die Kinder werden dazu gedrängt, zu studieren“, vermutet Stäbler. „Dabei sind Lehrberufe sehr gut bezahlt.“