Lesenswert aus dem Plus-Archiv: Die Tübingerin Lisa Federle ist eine der ungewöhnlichsten Notärztinnen im Land. Für ihren Kampf gegen die Pandemie hat sie einen Verdienstorden bekommen. Das Porträt einer Powerfrau, deren Leben voller Brüche steckt.
Tübingen - Selbstverständlich bekomme er eine Spendenbescheinigung. Er solle die Summe mit dem Firmenchef klären, bitte in den nächsten fünf Minuten, sie habe es eilig. Lisa Federle drückt aufs Gas. Die Notärztin sitzt im Auto auf dem Weg in ein Tübinger Seniorenheim und treibt auf den letzten Drücker noch Spenden bei Unternehmen ein.
Ihre Nacht war kurz, die steigenden Corona-Zahlen setzen ihr zu. Sie hat das Mittagessen ausfallen lassen, ein Kaffee musste reichen. Auf dem Rücksitz liegen etliche Packungen der neuen Antigen-Schnelltests. Nur an Sponsoren fehlt es noch. „Wir müssen verhindern, dass die alten Menschen wieder eingesperrt werden.“ Federle will die Alten- und Pflegeheime mit den simplen Schnelltests ausstatten, um Infizierte rechtzeitig zu entdecken. Zur Auftaktaktion hat sie die Medien eingeladen, gleich muss sie vor die Kamera.
Die Powerfrau mit vier Kindern, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und lauter Brüchen im Lebenslauf ist eine der ungewöhnlichsten Notärztinnen im Land. Das hat sich bis zum Bundespräsidenten herumgesprochen. Tübingen steht nicht nur für Boris Palmer, Tübingen steht auch für Lisa Federle. Im Kampf gegen die Pandemie geht sie ihren eigenen Weg. Sie handelt unbürokratisch, prescht gerne vor und ist dabei so hartnäckig und erfolgreich, dass Frank-Walter Steinmeier die 59-Jährige in Berlin mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt hat. Menschen wie sie würden den Kitt in unserer Gesellschaft bilden, hieß es in der Begründung.
Als Lisa Federle wenige Minuten später auf dem Parkplatz vor dem Luise-Wetzel-Stift ankommt, hat sie 48 000 Euro zusammen und ist bester Laune. Sie schlüpft in Schutzkittel und Handschuhe, zieht sich eine Haube über die kurzerhand hochgewickelten blonden Haare. „Das ist wie bei einem Schwangerschaftstest“, sagt sie lachend und steckt ein Wattestäbchen tief in die Nase einer 86-Jährigen. Die Frau will zu ihrem an Alzheimer erkrankten Mann im Heim, sie lässt sich im Freien einen Abstrich machen. In wenigen Minuten soll das Ergebnis vorliegen. „Ein Strich heißt, alles ist gut“, erklärt Federle und blickt auf das Testfeld.
Zum ersten Mal kommen in einem Heim im Landkreis Tübingen die Schnelltests zum Einsatz. Sie sollen verhindern, dass Coronaviren eingeschleppt werden. Während der ersten Welle waren in der Einrichtung im Tübinger Norden 17 Bewohner infiziert, viele von ihnen überlebten nicht.
Federle: „Wir sind schneller als Spahn“
„Wir sind schneller als Spahn“, freut sich Lisa Federle. Sie hätte darauf warten können, dass das Land die Kosten trägt und die Heime entsprechende Strategien entwickeln. Doch sie wollte keine Zeit verlieren. Zögerlichkeit könne Leben kosten, das weiß sie von ihren Diensten im Rettungswagen. Tatsächlich wird nur wenige Tage später Bundesgesundheitsminister Spahn eine neue Teststrategie für Heime und Kliniken festzurren: Zentrales Element sind die flächendeckenden Schnelltests. Nur bis heute hapert es an der Umsetzung, viele Heime sind noch ohne Tests.
Wo es Probleme gibt, nimmt Lisa Federle die Dinge selbst in die Hand: 2015 sieht sie die Nöte der Flüchtlinge im Landkreis und erfindet eine mobile Arztpraxis. Sie lässt ein Hymer-Wohnmobil umbauen, gewinnt einen Freund, den Schauspieler Til Schweiger, für die Anschubfinanzierung und fährt mit einem Ärzteteam dorthin, wo Krätze, Bronchitis und Erfrierungen behandelt werden müssen: in Turnhallen und anderen Notunterkünften.
Einmal angeschafft, bleibt die Praxis auf vier Rädern nicht ungenutzt. Erst wird sie für die Versorgung Obdachloser und Drogenabhängiger eingesetzt. Im Fall von Corona wird sie zur mobilen Teststation – damals ein Novum im Land, womöglich die erste in ganz Deutschland. Die Pandemiebeauftragte Federle startet den Betrieb auf einem abgelegenen Parkplatz, wo im Freien die Ansteckungsgefahr gering ist. Verdachtsfälle kurven zum Abstrich heran. Als der Andrang größer wird, zieht das Gefährt auf den Festplatz am Stadtrand, wird zur Drive-in-Station, die sukzessive mit Containern ausgebaut wird. Wieder gelingt das in Tübingen rascher als anderswo.
Auf eigenes finanzielles Risiko Corona-Tests bestellt
Das Ergebnis des Abstrichs vor dem Luise-Wetzel-Stift ist negativ, die Seniorin atmet erleichtert auf. „Ich könnte es nicht verkraften, wenn ich meinen Mann anstecken würde.“ Sie weiß natürlich, dass so ein Test nur eine Momentaufnahme ist. „Ich kann mich morgen bei Penny anstecken.“
Dann nimmt sie Lisa Federle auf dem Bürgersteig beiseite. „Sie können sich vermutlich nicht erinnern, aber Sie haben mir vor vielen Jahren schon einmal geholfen.“ Die Seniorin erzählt von jener Nacht, als ein Norovirus sie schachmatt gesetzt hatte und Federle als Retterin kam. Die Ärztin habe einen Taxifahrer mit Rezept losgeschickt, der dann zur Notdienst-Apotheke fuhr, um der Kranken ein Medikament zu holen. Das sei alles so gut organisiert gewesen. „Ich wäre stolz, eine Tochter wie sie zu haben“, sagt die Frau strahlend und macht sich auf den Weg zu ihrem Mann.
Brüllend plaudert sie mit einer schwerhörigen Heimbewohnerin
Im Luise-Wetzel-Stift legt Lisa Federle noch eine Besuchsrunde bei ihren Patientinnen ein. Sie begrüßt die Wohnbereichsleiterin Corona-konform mit einem Schwung aus der Hüfte – Pobacke trifft Pobacke – und wird bestaunt für ihre schwarzen Stiefel mit weißen Perlen. Brüllend plaudert sie mit einer schwerhörigen Dame, die so gar nicht mehr aus ihrem Polstersessel heraus will. „Der Blutdruck ist prima“, schreit sie die Seniorin an und schlägt vor, es mal mit Krankengymnastik und etwas Bewegung zu versuchen. „Damit sie keine dicken Beine bekommen.“
Eine Entzündung hinterm Ohr wird ein paar Zimmer weiter verarztet. Die fast blinde Heimbewohnerin erhält ein Rezept für eine antibiotische Salbe und einige aufmunternde Worte, als sie über Einsamkeit in ihrem Leben klagt. Auf dem Weg aus dem Haus fängt die Heimleiterin Federle mit einem Blumenstrauß und Glückwünschen zum Bundesverdienstkreuz ab. „Wir freuen uns so, dass Sie da sind.“
So vielen hat Lisa Federle in Tübingen schon den Blutdruck gemessen. Die Ärztin mit Privatpraxis am Fuße des Österbergs ist im Dauereinsatz, ihre Tage sind lang, auch an den Wochenenden ist immer etwas los. Ihr Handy lässt sie auch nachts an: „Man weiß ja nie, ob es vielleicht dringend ist.“ Mit Blaulicht kommt sie zu Herzinfarkten oder Verkehrsunfällen, mit strategischen Konzepten geht sie zu den Sitzungen des Rotkreuz-Kreisverbandes Tübingen, dessen Präsidentin sie ist. In ihren Jahren als Wirtin der legendären Altstadtkneipe Boulanger hat Lisa Federle Geld für ihr Medizinstudium verdient und am Tresen viele Menschen kennengelernt. Sie ist bestens verdrahtet.
Ihre Bekanntheit half Federle beim Einstieg in die Kommunalpolitik. 2009 zog sie als Stimmenkönigin in den Tübinger Gemeinderat ein und erhielt einen Sitz im Kreisrat. Zwei Jahre später setzte sie sich nach einigem parteiinternem Gerangel in der CDU als Landtagskandidatin durch. Ihre Motivation: „Ich will das soziale Profil der Volkspartei schärfen.“ Ihr damaliger Lebensgefährte Rezzo Schlauch, Ur-Grüner und Strippenzieher allerorten, gab ihr Tipps für den Wahlkampf. „Lisa – mitten im Leben“, stand auf den Plakaten. Mehr Worte brauchte die Frau, die anderen schnell das Du anbietet, nicht.
Federle, die gerne knallige Farben und enge Jeans trägt, fiel nicht nur optisch zwischen den grauen Herrenanzügen auf. In der CDU ist sie vielen zu selbstbewusst. Letztlich fehlten 21 Stimmen zum Einzug ins Landesparlament. Das Direktmandat holte sich der grüne Newcomer und Weinhändler Daniel Lede Abal. „Ich war traurig, habe es aber verschmerzen können“, sagt Lisa Federle über die knappe Niederlage. „Ich liebe meine Arbeit, so konnte ich weiterhin Ärztin sein.“
Ihr Vater ist bei einer Routine-Darmspiegelung gestorben
Ihr damaliger Lebensgefährte Rezzo Schlauch unterstützt sie
Nicht immer stand sie auf der sonnigen Seite des Lebens. Ihr Vater ist bei einer Routine-Darmspiegelung gestorben, da war sie elf Jahre alt, die einzige Tochter unter den fünf Kindern und Papas Liebling. Mit 17 Jahren brach sie aus dem pietistisch-strengen Elternhaus aus, zog in eine WG, schmiss die Schule und wurde bald schwanger. „Das Jugendamt legte mir nahe, dass ich mein Kind zur Adoption freigeben soll“, erzählt Lisa Federle. „Aber mir war immer klar, dass ich es behalten würde.“
Mit 26 Jahren meldet sie sich auf dem Reutlinger Abendgymnasium an. „Ich wollte immer Ärztin werden.“ Mit 37 Jahren macht sie an der Tübinger Uni ihren Doktor – mittlerweile mit vier Kindern und der Gewissheit, dass von ganz unten ein Weg wieder nach oben führt. „Ich habe so viel gesehen und erlebt“, sagt Federle, „das spüren die Menschen, denen ich helfe.“
Schneller sein als das Virus, das ist ihr Ansatz. Sie entscheidet, bereits zu Beginn der Pandemie Anfang April, regelmäßig Corona-Abstriche in allen Alten- und Pflegeheimen im Landkreis zu machen. Eine Zusage der Krankenkassen für die Übernahme der Kosten hat sie da nicht. „Ich habe auf eigenes Risiko für mehrere Zehntausend Euro Tests bestellt, da hatte ich einige schlaflose Nächte“, erzählt Lisa Federle. Sie bekommt damals zu hören, dass die Kostenübernahme ein Fall für das Sozialgericht werden könnte. Letztlich zahlen die Kassen doch.
Anfang Mai kündigt auch der grüne Sozialminister Manfred Lucha an, dass die Strategie, flächendeckend in baden-württembergischen Heimen zu testen, die richtige sei und sofort umgesetzt werde. Zu spät, findet Lisa Federle. „Ein Versagen, das kostete Leben.“
Ein umgebautes Wohnmobil wird zur Arztpraxis
Sie hat es eilig. In ihrer Praxis warten Patienten. Es seien Monate mit wenig Ruhe, gibt sie zu. Langsamer ginge gerade aber nicht. Dabei hätte sie allen Grund, sich auch mal wieder mehr Zeit für sich selbst und ihre drei Enkel zu nehmen. Die Diagnose Brustkrebs hat sie letztes Jahr ausgebremst, zwei Operationen folgten. Es sei alles gut überstanden. „Ich bin wieder voller Lebensfreude“, sagt Lisa Federle – und dass sie sich eigentlich mehr Ruhe gönnen wollte. Doch dann kam Corona.