Henriette Müller wollte ursprünglich nur wissen, woher das, was sie isst, eigentlich kommt. Jetzt wird sie Landwirtin. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Als Kind aus der Stadt Kühe melken und Weizen säen – geht das? Eine junge Frau aus Ostfildern hat diesen Schritt gewagt und wird Landwirtin.

Eine Kuh frisst viel, sehr viel. Etwa 50 Kilogramm Futter brauchen die Nutztiere täglich. An diese überraschende Erkenntnis zu Beginn ihrer Ausbildung erinnert sich Henriette Müller noch genau. Wissen konnte sie das nicht. Die 20-Jährige ist in Ostfildern, südöstlich von Stuttgart, aufgewachsen, in einem Einfamilienhaus in eher städtischer Lage, nur drei Hühner brachten etwas ländlichen Flair. Ihre Berufswahl überrascht daher: Sie wird Landwirtin. Nicht, weil sie einen elterlichen Hof übernehmen möchte – ihr Vater ist Journalist, ihre Mutter Museumspädagogin –, sondern aus Interesse für Umwelt, Natur und Lebensmittelversorgung. Nach dem Abitur arbeitete sie auf dem Markt und beschäftigte sich mit der Frage, woher das, was sie isst, eigentlich kommt: „Ich musste feststellen, dass ich keine Ahnung hatte“, erinnert sich Müller.

 

Mehr Frauen werden Landwirtin

Müller macht eine staatlich anerkannte, dreijährige Ausbildung zur Landwirtin. Immer weniger junge Menschen gehen den gleichen Weg, die Zahl aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Baden-Württemberg sinkt kontinuierlich, 2021 starteten 6,6 Prozent weniger Schulabgänger in die Ausbildung zum Landwirt als noch 2008. Das verwundert nicht, denn wie die berufliche Zukunft im Klima- und Strukturwandel aussehen wird, ist ungewiss.

Ob das Müller manchmal an ihrer Berufswahl zweifeln lässt? „Nein, ich sehe, dass sich viele Köpfe über die Zukunft der Landwirtschaft Gedanken machen. Das ist gut, nur so können Lösungen gefunden werden“, sagt Müller. Das erste Lehrjahr hat sie hauptsächlich in der Berufsschule verbracht, Grundlagen im Pflanzenbau gelernt und sich mit Maschinen und den Haltungsformen von Nutztieren vertraut gemacht. Die Mehrzahl ihrer Mitschüler ist männlich, nur gut ein Viertel sind Frauen. Im Zeitverlauf betrachtet wird die Branche in Baden-Württemberg jedoch weiblicher: 2008 lag der Frauenanteil bei einem Achtel.

Digitalisierung verändert den Berufsalltag

Als Müller in die Ausbildung startete, wusste sie im Gegensatz zu anderen Auszubildenden wenig über den landwirtschaftlichen Alltag. Etwa die Hälfte der Azubis ist auf Betrieben groß geworden oder hat durch Nachbarn auf dem Land Bezug zum Bauerndasein – das zumindest beobachtet Stefan Georgi, der an der Mathilde-Planck-Berufsschule in Ludwigsburg agrarwissenschaftliche Fächer unterrichtet. Solche Auszubildenden kennen den landwirtschaftlichen Alltag, wissen, wie man ein Kalb auf die Welt holt oder wie man einen Traktor fährt. Als Müller bei ihrer ersten Traktorfahrt fragte, wie man die Lenkradhöhe verstellt, erntete sie nur verwunderte Blicke.

Wer heute Landwirt wird, sollte jedoch nicht nur landwirtschaftliche Maschinen lenken können. Digitalisierung und Technisierung verändern den Berufsalltag, sagt Ramona Reinke, Bildungsreferentin für landwirtschaftliche Berufe am Regierungspräsidium Stuttgart. Melkroboter und Softwares im Düngemitteleinsatz erleichtern die Arbeit, müssen jedoch auch bedient werden können. Ebenso seien betriebswirtschaftliche Kenntnisse gefordert, um einen Betrieb auch finanziell erfolgreich leiten zu können. „Ein Landwirt ist heute eher Manager als Handwerker“, findet Reinke. Nicht umsonst haben fast 30 Prozent der Landwirte in Baden-Württemberg einen Meistertitel, etwas mehr als acht Prozent haben die Technikerschule besucht.

Henriette Müller hat die vergangenen sechs Monate ihrer Ausbildung auf der Ziegelhütte bei Bissingen an der Teck, einem Hof, der nach Demeter-Richtlinien wirtschaftet, verbracht. Für die ökologische Landwirtschaft interessiert sie sich besonders. Die sogenannte biodynamische Ausbildung, die zur Arbeit auf Biobetrieben qualifiziert, wäre für Müller daher ebenfalls interessant gewesen. Der Grund, der dagegensprach: „Sowohl die konventionelle als auch die Biolandwirtschaft können etwas voneinander lernen, ich will mir verschiedene Betriebe anschauen und mir ein eigenes Bild machen“, erklärt sie.

Klima und Ökolandbau interessiert Studierende

Müller hat Abitur, auch für ein Studium der Agrarwissenschaften hätte sie sich bewerben können. Hier lernt man aber nicht, wie man den Acker pflügt, sondern wie man beispielsweise ein Experiment zur optimalen Form des Pfluges anlegt, erklärt Michael Kruse, Dekan der agrarwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Hohenheim. Trotz vielfältiger Berufsmöglichkeiten wie der Pflanzenzüchtungsforschung oder der Futtermittelindustrie sind Bewerbungszahlen in Hohenheim für den Bachelorstudiengang Agrarwissenschaften seit 2010 um fast 30 Prozent zurückgegangen. Wer sich für das Studium entscheide, sei besonders an zukunftsfähiger Landwirtschaft interessiert, beobachtet Kruse. Module zu Wetter und Klimawandel oder zum Ökolandbau werden verstärkt nachgefragt. Ein Praktikum oder eine Ausbildung vor dem Studium ist nicht verpflichtend, Kruse rät jedoch dazu: „Es ist gut, wenn man weiß, wie Weizen riecht, bevor man ihn im Labor untersucht.“

Auf der Ziegelhütte hat Henriette Müller vielleicht eine Antwort auf die Frage nach ihrer eigenen Zukunft gefunden. Hier hat sie Schulklassen den Alltag auf dem Hof gezeigt. „Viele konnten mir nicht sagen, wie Kartoffeln angebaut werden. Das möchte ich ändern“, sagt Müller. Wissen über die Komplexität der Lebensmittelproduktion sei jedoch eine Voraussetzung dafür, dass Bürger einen gewissen Preis für hochwertige Lebensmittel bereitwillig zahlen. Noch ein Jahr dauert ihre Ausbildung. Eine richtige Landwirtin zu werden und alle Werkzeuge zu erlernen, mit denen man erfolgreich einen Betrieb führen kann, ist für sie jedoch eine Lebensaufgabe.

Alternativen zum Landwirt

Grüne Berufe
Landwirtschaftliche Betriebe spezialisieren sich, somit diversifizieren sich auch Berufsbilder im Agrarsektor. 14 staatlich anerkannte Berufe werden hier derzeit angeboten. Drei Beispiele:

Milchtechnologe
Er stellt Joghurt, Quark, Butter und Käse her, kontrolliert Abläufe in der Milchverarbeitung und kümmert sich um die Verpackung der Produkte.

Pflanzentechnologe
Er arbeitet im Gewächshaus und im Freiland und führt Feldversuche durch. Im Labor untersucht er Pflanzen und arbeitet an der Entwicklung neuer Sorten mit.

Fachkraft Agrarservice
Sie pflanzt, sät, düngt und erntet, meist mit modernster Technik, und arbeitet meist in größeren Pflanzenbaubetrieben