Mirjam Isau aus Sachsenheim wächst mit den Zeugen Jehovas auf, eine strenge Auslegung der Bibel bestimmt ihr Leben. Als sie sich in einen Nicht-Zeugen verliebt, steht sie vor einer scheinbar unmöglichen Entscheidung: Liebe oder Familie?
Mirjam Isau steht an einem grauen Junitag vor einem weißen, quaderförmigen Gebäude in Sersheim. Für die allermeisten Menschen ist das wahrscheinlich nur eine kleine Ansammlung nichtssagender Mauern aus Beton und Ziegel. Für Mirjam Isau erzählt dieser fahle Zweckbau aber eine Geschichte. Eine vom Druck, „richtig“ zu glauben und der Angst, nicht im Paradies zu landen. Es ist eine Geschichte von Dazugehören und Ausgeschlossenwerden, eine Geschichte scheinbar unmöglicher Entscheidungen zwischen der Familie und der Liebe. „Ich merke, dass ein leichtes Zittern beginnt“, sagt die 44-Jährige aus Sachsenheim. Sie hält die Hand nach oben, wie um zu überprüfen, ob ihr Körper tatsächlich noch so intensiv auf diesen Königreichsaal der Zeugen Jehovas reagiert.
Seit etwa eineinhalb Jahren hat Mirjam Isau offiziell abgeschlossen mit der bibeltreuen Gruppe. Aber sie kann diese Zeit nicht einfach ausblenden. Den Großteil ihres Lebens war sie dabei. Und mehr als 20 Jahre kämpft sie mit sich, führt Kriege im Kopf, ehe sie es schafft, einen Brief zu schreiben und endgültig auszutreten. Warum ist es so schwer, die Zeugen Jehovas hinter sich zu lassen?
Bis zu 15 Stunden pro Woche mit Bibel und Wachturm
Mirjam Isau wächst, wie schon ihre Eltern, mit den Zeugen Jehovas auf. Das heißt: Drei Mal pro Woche in vorgegebene Zusammenkünfte gehen, beim sogenannten Predigtdienst an den Haustüren dabei sein, den Wachturm lesen – so etwas wie das Zentralorgan der Zeugen Jehovas, das einem das „richtige“ Leben nach der Bibel erklärt. Bis zu 15 Stunden pro Woche gehen dabei drauf.
Ein Leben mit den Zeugen Jehovas, das bedeutet: Keine Geburtstagsfeiern, kein Weihnachten, kein Ausgehen. Die anderen haben Poster mit Marky Mark in Calvin-Klein-Unterhosen an der Wand hängen, Mirjam Isau hat Delfine – man darf weder Abbilder Gottes noch sonst irgendwen verehren. Und es bedeutet ein Leben mit einem ständig drohenden „Harmagedon“, dem Ende der Welt, das schon mehrmals vorhergesagt wurde. Das führt zu einer starken Abgrenzung zwischen „drinnen“ und „draußen“. Nur die drinnen, sagt Isau, würden „in der Wahrheit“ leben, nur wer Zeuge ist und sich an deren Auslegung der Bibel hält, kann nach dem Harmagedon ins Paradies kommen. Alle anderen würden vernichtet.
Die Zeugen Jehovas meinen, nur sie lebten den Glauben richtig
Offiziell sind die Zeugen Jehovas seit 2017 in allen Bundesländern eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, eine anerkannte Religionsgemeinschaft. Es sei aber vor allem ein Versuch gewesen, eine bessere öffentliche Wahrnehmung zu erlangen, sagt der Psychologe und Religionsexperte Michael Utsch. Die Endzeitvorstellung und nur ein einziger Weg damit umzugehen, der starke Dualismus zwischen drinnen und draußen, das seien Merkmale, die eine „konfliktträchtige Organisation“ ausmachten, sagt Utsch.
Für Mirjam Isau bedeutet es in jungen Jahren vor allem einen unglaublichen Druck, den Glauben nach Vorstellung der Zeugen „richtig“ zu leben. Ihr Vater ist dazu ein sogenannter Ältester, also so etwas wie die religiöse und moralische Instanz der Gemeinde, ein Ehrenamt, denn bei den Zeugen gibt es keine bezahlten Prediger. Für Mirjam Isau heißt das: Auf sie wird besonders genau geschaut. Einmal bringt es ihr Ärger ein, weil sie einem anderen Jungen der Gemeinde Musikkassetten mit Take That und Genesis, also harmloser Popmusik, gibt. Sie spürt schon in Teenagerjahren, dass sie nicht richtig reinpasst, hat Zweifel. Aber wer zweifelt, muss an seinem Glauben arbeiten, so die Sicht der Zeugen. Kritische Fragen seien dagegen unerwünscht, sagt Isau. Sie macht das alles weiter mit.
Mit 20 ist Mirjam Isau auf ihrer ersten Party
Als sie eine Ausbildung beginnt, lernt sie erstmals so richtig Menschen von außerhalb der Religionsgemeinschaft kennen. So kommt sie auf ihre erste Party, da ist sie etwa 20 Jahre alt. Musik spielt, es gibt Alkohol, für die anderen eine ganz normale Feier, aber sie weiß nicht, wie man sich in einer solchen Situation verhält. Irgendwann wird sie nach den Zeugen Jehovas gefragt. „Mir war das alles unglaublich peinlich“, sagt sie. Sie findet trotzdem Gefallen an dieser Seite des Lebens. Sie schleicht sich etwa zu Tanz-Festivals und zieht sich im Auto um, denn ihr Zeugen-Outfit – lange züchtige Röcke oder Kleider – wären ihr dort unangenehm. Irgendwann fliegt sie auf. Aber so richtig Ärger gibt es erst wegen der Liebe.
An ihrem Arbeitsplatz lernt Mirjam Isau einen Mann kennen, nett und attraktiv ist er. Es funkt gleich. Aber er ist kein Zeuge Jehovas. Das wäre ein Problem, Mirjam Isau will sich das gleich aus dem Kopf schlagen. Aber der Mann gibt nicht auf, zeigt ein Jahr lang, dass er es ernst meint, dann sind sie zusammen. Sie versucht, die Beziehung zu verheimlichen.
Weil sie bei ihrem Freund wohnt, muss sie vor ein internes Gericht
Mirjam Isau mietet eine Wohnung, obwohl sie die meiste Zeit bei ihrem Freund bleibt. Ins Bad stellt sie ein ganzes Bündel Zahnbürsten. Damit nicht auffällt, dass da auch eine Zahnbürste von ihm steht. Zwei Jahre lang besucht sie niemand, also beschließt sie, die Wohnung aufzugeben und zu ihrem Freund zu ziehen. Aber am Tag ihres Auszugs kommen sie zwei Gemeindemitglieder besuchen. Diese rufen bei Mirjam Isaus Eltern an. „Ich wusste, es wird richtig Stress geben“, sagt sie.
Ihre Eltern setzen Mirjam Isau eine Frist: Sie geben ihr acht Tage, um diese „Sünde“ bei den Ältesten, also den Vorsitzenden ihrer Versammlung anzuzeigen. „Ich war auf dem Trip: Das geht niemanden etwas an“, sagt sie. Sie lässt die Frist verstreichen und wird zu einem Rechtskomiteegespräch eingeladen. „Das ist so etwas wie ein internes Gericht“, sagt Isau. Ein solches Komitee muss eingesetzt werden, wenn zwei unverheiratete Menschen „unter unpassenden Umständen“ – also in romantischer oder sexueller Absicht – beieinander übernachtet haben. Auch dazu findet sich eine Anleitung im Wachturm.
Sie wird wegen der Liebe ausgeschlossen
Das Komitee besteht aus zwei Männern. Sie hätten nach intimen Details gefragt: „Was ist passiert, wer hatte seine Hände wo, hat es Spaß gemacht?“, gibt sie die Situation wieder. „Das ist wie ein Verhör, man kriegt immer dieselben Fragen“, schildert sie. Danach sei sie für 20 Minuten rausgeschickt worden. Nach der Bedenkzeit hätte man ihr mitgeteilt, dass sie kein Mitglied der Gemeinde mehr sein kann. 24 Stunden später sei in einer Versammlung ihr Ausschluss verkündet worden.
An diesem Punkt hätte das Hadern mit den Zeugen Jehovas eigentlich vorbei sein können. Sie hätte den Ausschluss akzeptieren und mit ihrem Partner zusammenleben können. Der Glaube ist ohnehin nicht mehr so richtig tief in ihr verankert. Aber sie will den Kontakt zu ihren Eltern nicht verlieren. Und da ist immer wieder der Gedanke: Was, wenn die Zeugen Jehovas doch Recht haben? Wenn Harmagedon tatsächlich kommt und sie als Nicht-Zeugin vernichtet würde? Mirjam Isau entscheidet sich für einen Wiederaufnahmeprozess.
Eineinhalb Jahre lang redet niemand mit ihr
Sie muss sich bei jeder Versammlung im Königreichsaal in die hinterste Reihe setzen, sie kommt als letztes und geht als erstes. Mirjam Isau, mittlerweile hat sie ihre Tochter dabei, wird von niemanden gegrüßt, keiner spricht mit ihr. Für sie ist das eine Form der Ächtung. „An manchen Tagen habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich noch leben möchte“, sagt sie.
Eineinhalb Jahre vergehen. Dann, im Jahr 2005, wird in der Versammlung verkündet, dass sie wieder aufgenommen ist. Mirjam Isau ist damals 25. Alle hätten sich in dem Moment zu ihr umgedreht, sie sei mit warmen Worten und Zuneigung überschüttet worden, erzählt sie. „In dem Moment war ich wütend. Ich habe gemerkt, das ist alles nicht echt“, sagt Mirjam Isau. Sie ist gerade wieder aufgenommen, innerlich distanziert sie sich jetzt aber erst recht. Sie geht immer seltener zu den Zusammenkünften, und irgendwann gar nicht mehr. Sie bleibt auf dem Papier Mitglied, alles andere rund um die Zeugen blendet sie völlig aus. Bis in der Coronapandemie ab 2020 vieles wieder an die Oberfläche schwappt.
Ihr Vater schreibt Mirjam Isau damals einen Brief: Er sehe die Pandemie als Zeichen der Zeit, dass Harmagedon, also das Weltende, vor der Tür stehe. Für sie ist das ein Trigger, es schürt Ängste und Albträume. Und da ist wieder der Gedanke: Haben die Zeugen nicht vielleicht doch Recht?
Bei vielen Ex-Zeugen löst der Ausstieg eine Lebenskrise aus, fand man in einer Studie der Uni Zürich heraus. Verringerte Lebensqualität, erhöhter Stress, ein Drittel hat Suizidgedanken. Auch Mirjam Isau merkt zu diesem Zeitpunkt, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss. Dass der Druck, den sie jahrelang gespürt hatte, Spuren hinterlassen hat. Sie holt sich psychologische Hilfe, vernetzt sich mit Aussteigern, liest Berichte von ehemaligen Mitgliedern. Später wird sie selbst beim Verein JZ Help aktiv, der Menschen beim Ausstieg hilft.
Mit den Eltern spricht sie nur noch ein Mal
Zum Ausstiegsprozess gehört auch, dass sich Mirjam Isau wieder eine Bibel besorgt, die Neue-Welt-Übersetzung, so eine wie früher – sie will sich mit ihrer aktiven Zeit auseinandersetzen. Dann schreibt Mirjam Isau den Ausstiegsbrief auf dem Computer. Dort schlummert er eine Weile vor sich hin. Etwas später druckt sie ihn aus, aber ihn abzuschicken schafft sie noch nicht. Irgendwann sagt sie sich: „Du gehst den Schritt jetzt.“ Am 9. Januar 2023 wirft sie den Brief ein, eine unsichtbare Nabelschnur ist jetzt durchtrennt, ihr Austritt besiegelt, sie fühlt sich frei. Als sie ihren Eltern davon erzählt, sagen sie: „Wir müssen mit den Ältesten besprechen, wie wir künftig mit dir umgehen.“ Es ist das letzte Mal, dass sie von Ihnen hört. Aber der Mann, für den sie bei den Zeugen Probleme bekam, ist immer noch an ihrer Seite.
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/
Wer sind die Zeugen Jehovas?
Status
Die Zeugen Jehovas erlangten zwischen 2006 und 2017 in allen Bundesländern den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Sie sind damit eine anerkannte Religionsgemeinschaft, der Status gibt ihnen gewisse Rechte. Es sei aber vor allem ein Versuch gewesen, eine bessere öffentliche Wahrnehmung zu erlangen, sagt der Psychologe und Religionsexperte Michael Utsch. „Denn die Rechte, die mit dem Status einhergehen – dass sie etwa Religionsunterricht anbieten oder Steuern einnehmen könnten – das machen sie ja gar nicht“, sagt Utsch. Er hat unter anderem ein frei zugängliches Buch über die Zeugen Jehovas als kritische Religionsgemeinschaft veröffentlicht.
Vergangenheit
Im Vorjahr wurden bei einem Amoklauf in Hamburg mehrere Zeugen getötet. In der Nazi-Zeit wurden sie außerdem verfolgt, auch in der DDR wurden sie verboten und viele Mitglieder eingesperrt. Aber auch viele Aussteigerinnen und Aussteiger empfinden die Zeugen Jehovas selbst als eine repressive Organisation. Viele von ihnen kritisieren deshalb den Status als anerkannte Religionsgemeinschaft.
Kritik
Die Zeugen Jehovas berufen sich häufig auf die Religionsfreiheit, wenn ihre religiösen Praktiken kritisiert werden. Ist die Kritik an ihnen also gerechtfertigt? „Es ist ein enormes Gut, dass in Deutschland jeder glauben kann, was er will. Aber wenn Einzelnen gedroht wird, dass Gott einen bestraft, wenn man nicht ganz spezifische Regeln, eine spezifische Lesart der Bibel befolgt, wenn geistliche Gewalt ausgeübt, wenn Freiheitsrechte und die Rolle der Frau eingeschränkt werden, dann ist das eine andere Kategorie“, sagt Michael Utsch. Deswegen sei die Kritik gerechtfertigt.