Friedlinde Möllring im Stuttgarter Seniorenzentrum Martha-Maria Foto: Andreas Reiner

Friedlinde Möllring war 60 Jahre mit ihrem Ehemann verheiratet, am Ende lebten sie gemeinsam in einem Pflegeheim. Wie bewältigt sie die Einsamkeit ohne ihn?

Friedlinde Möllring holt eine Kastanie aus ihrer Handtasche. Der helle Fleck in der Mitte ist schon ganz dunkel geworden, so oft ging sie durch ihre und die Hand ihre Mannes. Im Herbst fallen die Kastanien haufenweise von den Bäumen, doch diese hat eine ganz besondere Bedeutung für die 86-Jährige: Ihre Tochter hatte sie damals ihrem Vater als kleines Geschenk von einem Spaziergang durch den Stuttgarter Schlossgarten mitgebracht. Stundenlang hielt er sie in der Hand, bis er im vergangenen Jahr starb. Wenn Friedlinde Möllring, die, seit sie denken kann, nur Li genannt wird, von ihrem Ehemann spricht, werden ihre Gesichtszüge weich. Knapp 60 Jahre hat sie mit Friedrich Möllring verbracht.

 

Ihre Kindheit ist geprägt vom Bombenhagel auf Heilbronn. Mit sechs Jahren sitzt sie häufiger in einem Luftschutzkeller als auf der Schulbank. Als ihre Mutter bei einem Bombenangriff getötet wird und ihr Vater in französische Kriegsgefangenschaft kommt, zieht sie zu ihrer Tante und ihrem Onkel nach Ludwigsburg. „Die Stadt war für mich wie New York“, erzählt sie. Ihr Blick ist aufmerksam, ihre Stimme meistens ernst.

Der erste Urlaub, das erste Treffen

Die Umgebung ist ihr fremd, ihr Onkel ist ihr fremd. Ihre drei Schwestern und ihr Zwillingsbruder werden auf andere Verwandte verteilt. Drei Kinder haben ihre Pflegeeltern verloren. Ob sie deshalb bei Friedlinde so übervorsichtig sind? Fahrrad fahren darf sie nicht, schwimmen lernt sie erst mit 18 Jahren. Das Mädchen streunt meistens mit dem Schnauzer der Pflegeeltern über die Wiesen. Die verbrannten Häuser werden zu ihrem Spielplatz, zur Kulisse kindlicher Fantasie.

1959, Friedlinde ist jetzt 22, fährt sie das erste Mal in den Urlaub. Mit ihrer Schwester mietet sie auf Sylt ein Zimmer in einer Pension und verbringt die Tage am Strand, wo die jungen Frauen von Verehrern umgarnt werden. Auf dem Rückweg begegnet sie in der Bahn einem jungen Mann, der mit einem Zelt nach Stuttgart reist, um in den Tagen seiner Zulassungsprüfung zum Architekturstudium eine günstige Bleibe zu haben. Wie von selbst ergibt sich ein schönes Gespräch. „Damals gab es noch Zugbekanntschaften“, sagt Friedlinde Möllring lächelnd.

Es ist eine dieser Begegnungen, die das ganze Leben verändert.

Hochzeit im kleinen Kreis

Friedrich Möllring, von allen nur Fred genannt, ist ein „großer, schlanker, schöner Mann“, der Eindruck auf Friedlinde macht. Nach einem ersten Treffen entsteht ein Briefwechsel, doch nicht jeder Brief kommt an. Dass ihr Onkel immer wieder Briefe abfängt, bestärkt die junge Frau darin, sich in Braunschweig ein Zimmer zu suchen, wo Friedrich Möllring mittlerweile studiert. Sie bricht mit ihrem Onkel, der ihr nach dem Auszug Hausverbot erteilt. Ihre Tante trifft sie heimlich.

Bald ist Friedlinde schwanger, damals eine Schande für eine unverheiratete Frau. Mit einem locker sitzenden Marimekko-Kleid aus grobem Stoff lässt sich der größer werdende Bauch einigermaßen verstecken. Mit 25, noch vor der Geburt ihrer Tochter, gibt Friedlinde ihrem Friedrich das Jawort. Um kirchlich heiraten zu können, konvertiert sie zur evangelischen Kirche. Die Hochzeit findet im kleinen Kreis statt, nach der kirchlichen Trauung feiert die Gesellschaft in einem Lokal in Braunschweig. Eine Flitterwoche verbringt das Paar bei der Schwester von Friedlinde Möllrings Pflegevater, die in der Nähe von Vaihingen an der Enz lebt.

Reisen ohne viel Luxus

Architekten finden in den 60ern nur schwer eine Stelle. Friedrich Möllring hat Glück. Die beiden ziehen nach Stuttgart. Friedlinde Möllring arbeitet erst im Büro eines Verlags, dann in der Universität. Am Ende des Monats bleibt nun immer mehr Geld übrig, das Paar lebt sparsam und kauft sich schließlich eine eigene Wohnung im Stuttgarter Westen.

Gemeinsam unternimmt das Paar viele Reisen. Sie fliegen nach New York, fahren mit dem Fahrrad von Norddeutschland bis Budapest und quer durch Frankreich. Viel Luxus gönnen sie sich dabei kaum. Meistens schlafen sie in Jugendherbergen. Ihr Mann habe in Japan mal eine Nacht auf einer Bank verbracht, das war ihr dann aber doch zu viel, erzählt sie.

Friedlinde Möllring darf nur von draußen winken

Ein Solitär sei ihr Mann gewesen, immer freundlich, bei allen beliebt. Aber wenn er jemanden nicht mochte, habe man ihm das gleich angemerkt. „Er war mehr als ehrlich“, sagt Friedlinde Möllring und streicht sich lachend die Haare am Hinterkopf glatt. Getanzt haben sie immer gern. Walzer, Tango und Letkiss, erzählt sie und klopft mit den Füßen den Takt. Wenn Friedlinde Möllring auf ihr Eheleben zurückblickt, schwingt Wehmut in ihrer Stimme. 60 Jahre Ehe – langweilig sei es nie gewesen.

2018 erleidet Friedrich Möllring einen Schlaganfall. Danach ist er dauerhaft halbseitig gelähmt und sein Sprachvermögen stark beeinträchtigt. Ein Jahr lang pflegt sie ihn zu Hause mit der Unterstützung ihrer Geschwister. Als sie 2020 an Lungenkrebs erkrankt und in ein Krankenhaus muss, zieht ihr Mann ins Stuttgarter Martha-Maria-Pflegeheim. Und dann kommt Corona. Friedlinde Möllring darf nur von draußen winken, später wenigstens durch eine Glasscheibe mit ihrem Mann sprechen. „Es war eine furchtbare Zeit“, sagt sie. Zu Hause fällt sie immer wieder in Ohnmacht und verletzt sich dabei. Der Grund dafür bleibt medizinisch ungeklärt.

Ein Stück Leben aufgeben

Im Gespräch mit ihrer Tochter wird ihr allmählich klar: Allein in der Wohnung weiterleben, das funktioniert so nicht mehr. Friedlinde Möllring sieht das ein, auch wenn es schwerfällt. Der Tag, als sie ihre Möbel hergibt, aus ihrer Wohnung und in das gleiche Heim wie ihr Mann zieht, bleibt ihr schmerzlich in Erinnerung. Da ist eine große Traurigkeit und Wut. Für sie bedeutet das, einen Teil ihres eigenen Lebens aufzugeben.

Viel passt nicht in ihr Zimmer im Pflegeheim, aber ein paar Dinge kann sie behalten. Ihre Kommunionskerze, auch wenn die mittlerweile „hässlich gelb“ ist. Ein Taschenspiegel aus Teakholz, den sie 1960 von ihrem Mann zu Weihnachten bekommen hat. Eine Collage aus fein säuberlich ausgeschnittenen Foto-Negativen und die Silberkette, die ihr Friedrich zum zehnten Hochzeitstag schenkte und die sie irgendwann an ihre Enkelin weitergeben möchte. Auch ein paar seiner Briefe aus den Anfangszeiten hat sie aufgehoben.

Rund-um-die-Uhr-Betreuung

An der Längsseite des Zimmers hängen einige Bilderrahmen, gefüllt mit Schnappschüssen, die ihr Leben illustrieren – Friedlinde Möllring hat sich in ihrem Pflegeheimzimmer ein kleines Museum geschaffen. Auf ihrem Nachttisch liegt der vierte Band einer Krimireihe und ihre „Bibel“, wie sie sagt: eine abgegriffene Ausgabe von Goethes „Faust“ in einem hellblauen Stoffeinband.

Friedlinde Möllring ist Tag für Tag fast rund um die Uhr bei ihrem Mann. Spricht mit ihm, singt mit ihm. Dass er ihr nicht richtig antworten kann, stellt beide vor Herausforderungen. Manchmal, wenn seine Frau ihn dann doch nicht versteht und er sich eingestehen muss, seine Gedanken nicht mehr in Wörter formen zu können, wird er ungeduldig.

„Ohne ihn fühle ich mich einsam“

2022 stirbt Friedrich Möllring. Als er friedlich einschläft, ist sie bei ihm. Bis heute könne sie nicht wirklich weinen, sagt sie. Auf dem Tisch steht ein kleiner Strauß aus Butterblumen, den ihre Tochter bei ihrem letzten Besuch mitgebracht hat. Auch wenn sie Schwestern hat und eine Tochter, eine Enkelin und Freundinnen, die regelmäßig bei ihr vorbeischauen: Ihr Mann fehlt ihr. „Es können noch so viele Menschen um mich herum sein. Ohne ihn fühle ich mich einsam.“

Manchmal ertappt sie sich dabei, wie sie über den Gang zu seinem Zimmer gehen möchte, um nach ihm zu sehen. Doch da lebt mittlerweile ein neuer Bewohner. „Was will der da?“, fragt sie nicht ganz ernsthaft. Friedlinde Möllring führte eine glückliche Ehe. Immer zärtlich seien sie zueinander gewesen, immer ehrlich. Auch wenn ihr Schlafrhythmus unterschiedlich war: Sie seien stets beieinandergelegen. An seine fehlende Nähe wird sie sich wohl nie gewöhnen.

Der Lauf des Lebens ist nirgendwo so eindrücklich

Im gleichen Jahr sterben auch ein guter Freund und ihr Zwillingsbruder, mit dem sie die letzten Jahre engen Kontakt hatte. Beim Essen sitzt jetzt wieder eine neue Bewohnerin an ihrem Tisch. Der Lauf des Lebens ist an kaum einem anderen Ort so eindrücklich wie in einem Pflegeheim und hier im Seniorenzentrum Martha-Maria. Friedlinde Möllring wirkt des Lebens nicht überdrüssig, aber wie eine Frau, die genug erlebt, genug gesehen – und ihren Mann überlebt hat. Das war ihr immer wichtig: dass er nicht ohne sie im Pflegeheim leben muss und vereinsamt.

Auf dem Flur schiebt eine Mitarbeiterin einen Putzwagen vor das nächste Zimmer. „Schöne Frau“, ruft Friedlinde Möllring ihr entgegen. Man kennt sich. „Sie hat ein gutes Herz“, sagt die Mitarbeiterin. Auf dem Weg in den Hof stützt Friedlinde Möllring sich auf ihren Rollstuhl. Ihre Handtasche hängt über dem Griff, darin die Kastanie. Die soll irgendwann mit in ihr Grab, genauso wie die gelb angelaufene Kommunionskerze.