700 000 Migranten im Jahr werden in den USA eingebürgert – hier bei einer früheren Feier in Atlanta. Foto: AP

Seit Trump an der Macht ist, ist die Zahl der Einbürgerungen rasant angestiegen. Viele Migranten leben seit Jahren in dem Land, beschweren sich jedoch, dass sich einiges in den vergangenen Jahren sehr verändert habe.

Mount Vernon - Auf diesen Moment hat Jay Varkey lange gewartet. Als Student der Betriebswirtschaft war der Inder 2002 in die USA gekommen. Er lernte seine Frau kennen, ihre Tochter wurde geboren. Elf Jahre wartete er auf seine Greencard. Inzwischen arbeitet er als Abteilungsleiter bei der Citibank. Und heute soll er endlich amerikanischer Staatsbürger werden.   „Ich bin froh und stolz“, sagt der 45-Jährige.  Für die Einbürgerungsfeier hat er einen blauen Nadelstreifenanzug mit Krawatte angezogen, obwohl es schwüle 35 Grad ist. Und draußen in der prallen Sonne muss die Zeremonie stattfinden. Es ist nämlich nicht irgendein Ort, sondern der Garten von Mount Vernon, dem Landsitz des ersten US-Präsidenten George Washington, wo die 100 Männer und Frauen aus 50 Ländern in wenigen Minuten ihren Eid auf die Verfassung ablegen werden.  

Rund 700 000 Migranten werden in den USA Jahr für Jahr eingebürgert. Doch diese Feier am amerikanischen Unabhängigkeitstag mitten in dem historischen Gebäudeensemble am Potomac-Fluss dürfte die symbolträchtigste sein. In der 30 Kilometer entfernten Hauptstadt Washington wettert der 45. Präsident über Zuwanderer aus „Drecksloch-Staaten“ und verteidigt weiße Rassisten. In Mount Vernon lässt der von einem Laiendarsteller verkörperte Gründervater George Washington mit Dreispitz, Zopf, Gehrock und Säbel einen Trupp von Soldaten die Gewehre gegen die britischen Besatzer präsentieren und preist die Ideale der Demokratie.   Die eigentliche Einbürgerungsfeier beginnt etwas nüchterner.

Ohne Pass nicht das Land verlassen

Eindrucksvoll ist vor allem die bunte Mischung der Neubürger auf den weißen Klappstühlchen vor Washingtons stattlichem Wohnhaus. Sie kommen aus Afghanistan, Bangladesch, Honduras, Mexiko, Syrien oder auch Deutschland und tragen schicke Anzüge, luftige Sommerkleider, Uniformen oder kurze Hosen und Sneaker. Selten wird die Buntheit der amerikanischen Gesellschaft so plastisch vorgeführt. Doch nun gelten erst einmal strenge Regeln.   „Hat jemand seine Greencard noch nicht abgegeben?“, fragt eine Dame von der Einwanderungsbehörde. „Haben Sie sich alle registriert?“ In die Wählerliste eintragen sollte man sich auch. Ein glanzloserer Vortrag zum Auftakt des großen Tages ist kaum denkbar. „Vergessen Sie nicht, sich bei der Sozialbehörde innerhalb von 14 Tagen umzumelden“, mahnt die Beamtin. Und noch etwas: „Ich weiß, dass Sie alle reisen möchten. Sie bekommen einen Antrag für einen Pass. Verlassen Sie das Land nicht ohne Pass“, warnt sie: „Das ist keine gute Idee.“ 

Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser Hinweis wirklich nötig ist. Die Gefahr, das Bleiberecht in den USA zu verlieren, ist den Neubürgern sehr bewusst. Für nicht wenige unter ihnen dürfte genau das der Grund sein, weshalb sie die Einbürgerung beantragt haben. Die Zahl der Antragsteller ist im vergangenen Jahr nach Angaben der Migranten-Organisation National Partnership for New Americans kräftig auf 925 000 gestiegen.   Der 21-seitige Antrag, die Gebühr von 730 Dollar und die Fingerabdrücke sind die geringsten Hürden auf dem Weg zu einem US-Pass. Mindestens fünf Jahre muss man im Land gelebt haben – in der Praxis sind es bei Zuwanderern aus Mexiko inzwischen zwei Jahrzehnte – stets einen legalen Aufenthaltsstatus besessen haben, einen Sprachtest ablegen und eine eingehende Sicherheitsüberprüfung bestehen.

Das Land hat sich verändert

Trotzdem werden die Schlangen immer länger: Rund 730 000 Einwanderer warten laut National Partnership inzwischen auf einen Termin für das behördliche Interview nach der Antragstellung.   Kurioserweise heißt der Grund für den Andrang ausgerechnet Donald Trump. Der US-Pass garantiert vor allem den Zuwanderern aus Lateinamerika einen Schutz vor der sonst permanent drohenden Ausweisung.

„Die Regeln haben sich geändert“, sagt der demokratische Kongressabgeordnete Luis Gutierrez: „Ein legaler Aufenthaltsstatus verhindert unter Donald Trump Abschiebungen nicht mehr. Die Menschen wollen am demokratischen Prozess teilnehmen, aber sie wollen sich auch selbst schützen“, sagt der Politiker.   „Wo sind eure Fähnchen?“, fragt nun die Dame von der Einwanderungsbehörde: „Ich will eure Fähnchen sehen!“ Also wedeln die Neubürger in Mount Vernon mit ihren Winkelementen. Ernst halten sie ihre rechte Hand bei der Nationalhymne auf die Brust. Doch das patriotische Pathos der Redner wirkt seltsam hohl.

„Dank unserer Verfassung haben Fanatismus und Heuchelei in den USA keinen Platz“, sagt ein Offizieller. „Als US-Bürger können Sie alle ihre Träume umsetzen“, verspricht ein anderer.   Jay Varkey ist von naiver Euphorie weit entfernt. „Ich habe den amerikanischen Traum“, berichtet er, „aber als ich kam, war das Land ein bisschen anders“. Die Kultur und die Wahrnehmung des Fremden hätten sich verändert, deutet er vorsichtig an: „Ich dachte, die USA wären ein bisschen offener.“ Seine Zukunft sieht er trotzdem in Virginia: Hier hat er einen guten Job, hier wurde seine Tochter geboren. Nächste Woche hat seine Frau Bindu ihren Einbürgerungstermin.

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