Im Januar und Februar herrschte am Flughafen das zuletzt schon gewohnte Bild: immer mehr Fluggäste. Im März und April dürften es deutlich weniger sein. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Voraussichtlich bis Mitte Juni dürfte es am Flughafen zehn bis 19 Prozent Flüge weniger geben als gewohnt. Auch das Virus bremst das Geschäft. Die Grünen möchten den Betrieb langfristig begrenzen – wegen des Klimas.

Stuttgart - Trendumkehr am Flughafen Stuttgart: Mit der Zahl der Flüge geht es im März im Zeichen des Coronavirus und der wirtschaftlichen Entwicklung steil nach unten, mit der Passagierzahl möglicherweise ebenfalls. Man spüre nun deutliche Auswirkungen des Coronavirus und rechne im Moment im laufenden Monat mit einem Minus von über zehn Prozent bei der Zahl der Starts und Landungen, sagte Flughafensprecher Johannes Schumm unserer Zeitung. Das dürfte im April so weitergehen, denn die Airlines melden momentan einen Rückgang der Nachfrage nach Flügen quer durch den Flugplan, nicht nur, was die Risikogebiete für Coronavirus-Erkrankungen angeht. Im weltweiten Luftverkehr will die Lufthansa-Gruppe die Nachfrage genau beobachten und ihre Kapazität in den nächsten Wochen um bis zu 50 Prozent reduzieren. Flüge der Muttergesellschaft Lufthansa spielen in Stuttgart zwar keine große Rolle, das Tochterunternehmen Eurowings jedoch hat in Stuttgart den höchsten Anteil am Passagieraufkommen.

In Stuttgart schließt sich im April eine Phase an, in der ohnehin reduzierter Flugbetrieb geplant war, weil von 23. April bis 17. Juni Teile der Piste saniert werden. Damit verbunden sei ein Rückgang der Flugzahl in dieser Phase um 19 Prozent – „wie sich diese beiden Ursachen dann überlagern, wissen wir nicht“, sagte Schumm.

Wie stark wird der Rückgang der Passagierzahl?

Üblicherweise geht mit der Entwicklung der Flugzahl eine ähnliche Entwicklung der Passagierzahlen einher, denn in jedem Flugzeug, das in Stuttgart startet oder landet, sitzen ja durchschnittlich 109 Fluggäste. Zumindest bisher. Wie viele in nächster Zeit ins Flugzeug steigen, weiß man aber nicht. Der prozentuale Rückgang der Fluggastzahl könnte auch stärker sein als jener der Flugzahl. Allerdings sollen momentan auch manche Maschinen halb leer oder leer unterwegs sein, die von den Airlines vor allem aus einem Grund bewegt werden: damit sie die ihnen zustehenden Zeitfenster für Starts, Slots genannt, nicht verlieren. Deshalb laufen auf überörtlicher Ebene gerade Bemühungen der Luftfahrtbranche, diese quotierte Bedienungspflicht auszusetzen.

Am Flughafen Stuttgart gibt es ebenfalls Bemühungen aus aktuellem Anlass: Die Betreiberfirma bildete eine Taskforce, also eine Spezialeinsatzgruppe mit Mitgliedern aus verschiedenen Abteilungen. Sie soll notwendige Maßnahmen einleiten und steuern. Folgendes hat die Gruppe angepeilt: In den Terminals soll in kürzeren Intervallen gereinigt werden und man will Geräte mit Desinfektionsmitteln aufstellen. Über Hygienefragen wird stärker informiert. Fluggäste aus Risikogebieten sollen Aussteigerkarten ausfüllen, die an die Behörden gehen, damit etwaige Infektionsketten nachzuvollziehen sind. Und im Personalbereich: Dienstreisen, auch in der Stadt, finden nur statt, wenn sie sein müssen. Ausgewiesene Risikogebiete in der Welt sind tabu. Veranstaltungen stehen infrage. Und Entlassungen oder Kurzarbeit? Wegen der baldigen Sanierung der Piste würden die Mitarbeiter „verstärkt gebraucht“, heißt es.

Dämpfer in Stuttgart kommt später als in Berlin

Der Abschwung kam für die Flughafen-GmbH jäh. Noch im Februar scheint die Passagierzahl um 3,5 Prozent auf 706 474 Personen zugenommen zu haben, die Zahl der Flüge um 0,5 Prozent auf 7586 im Vergleich mit dem Februar 2019. Im Januar hatte das Wachstum sogar 6,5 Prozent bei den Fluggästen und 4,4 Prozent bei den Flugbewegungen betragen – während sich in Berlin ein starker Einbruch vollzog, im Februar wohl auch wegen des Coronavirus.

Der Dämpfer für den Flughafen Stuttgart kommt just zu dem Zeitpunkt, an dem heftig diskutiert wird, ob sich der Airport bei seinen Fluggastgebäuden auf bis zu 18 Millionen Passagiere pro Jahr vorbereiten darf, wenn dies mit einer einzigen Piste möglich sein sollte. Bei der Grünen-Basis und in der Grünen-Rathausfraktion gibt es heftigen Widerstand – und mit Verkehrsminister Winfried Hermann als Aufsichtsratsvorsitzendem des Flughafens und Fraktionschefin Gabriele Nuber-Schöllhammer als Aufsichtsrätin stehen zwei Parteifreunde sozusagen für den Ausbau der Terminalkapazitäten, den die GmbH verfolgt. Fast könnte man sagen, die Stuttgarter Grünen-Partei bebt deswegen.

Seit Tagen ringt die Fraktion, in der die Hälfte der zwölf Mitglieder kritisch eingestellt ist, um einen Kompromiss – mit sich, mit der Basis und mit dem Minister. Am Dienstagabend wurde aus dem Rathaus eine weitgehende Einigung gemeldet, am Mittwoch stand sie plötzlich wieder infrage. Eine geplante Pressemitteilung fiel aus. Da die Grünen wegen des Coronavirus die Kreismitgliederversammlung an diesem Donnerstag absagten, in der man den Kompromiss spruchreif machen wollte, kann nun noch weiter gerungen werden – ehe am 27. März ein Votum gefragt ist, ob die Stadt als Gesellschafterin des Flughafens für den Terminalausbau eintritt oder nicht.

Positionspapier der Grünen noch nicht fertig

Kernstück des Kompromisses sollte sein: Der Flughafen wird klimaneutral auch unter Einberechnung der startenden und landenden Flüge bis 1000 Meter Höhe, weswegen er unvermeidbaren CO2-Ausstoß mit Emissionszertifikaten kompensieren soll. Parkhausbauten, denen der Aufsichtsrat schon zugestimmt hat, sollen zurückgestellt werden, die Flächen für ein P+R-Konzept vorgesehen werden. Die Terminals 1 bis 4 sollen energetisch saniert und umweltfreundlich werden, aber die Kapazität, also die Menge der aufzunehmenden Passagiere pro Jahr, solle nicht wachsen dürfen.

Genau wegen der Terminalkapazität habe die Fraktionsspitze am Mittwoch das „gemeinsame Positionspapier zum Flughafen“ wieder zurückgezogen, sagen Eingeweihte. Dabei könnte der Minister eine gewichtige Rolle gespielt haben, hieß es. Nuber-Schöllhammer sagte unserer Zeitung, natürlich sei sie im Gespräch mit Winfried Hermann. In vielen Bereichen hätten die Beteiligten eine Übereinstimmung erzielt, den Rest diskutiere man an diesem Donnerstag in der Fraktion. Es gebe „keinen großen Dissens mehr“.

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