Kolumnist KNITZ über eine kuriose Zeitungsmeldung, die Stoff für einen Kinofilm oder einen Roman böte.
Ausgerechet am Wahlsonntagabend ist bei KNITZ der Fernseher ausgefallen. Ist im Grunde kein Problem, er hätte auch auf seinem Rechner die Wahlberichterstattung verfolgen können.
In der Ferne zog ein Gewitter auf. Was soll’s, dachte sich KNITZ, womöglich ist das ein Wink höherer Mächte – dann verbringt er den Abend eben mit Lektüre. Macht er eh viel zu wenig, weil er nach einem Tag in der Redaktion oft des Lesens müde ist. Auf Lieblingsautoren angesprochen, fällt ihm meist nicht Besseres ein als: „Des bissle, was i les, des schreib i selbr.“
Spricht alles für einen kunstsinnigen Dieb
Also hat er den Abend lesend verbracht, etwa mit den amüsanten Erinnerungen der ADAC-Pannenhelferin Susa Bobke („Männer sind anders. Autos auch“). Eine nette Kollegin hatte ihm das Buch auf seinen Schreibtisch gelegt, nachdem KNITZ in einer Kolumne erwähnt hatte, dass er zwar schon oft liegen geblieben sei, ihm aber noch nie eine Frau zu Hilfe kam. Vielleicht sollte KNITZ mal schreiben, dass er noch nie eine Million im Lotto gewonnen hat. Mal schauen, was dann passiert. Als KNITZ jedenfalls gegen elf ins Bett ging, hatte er nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben.
Bevor ihm die Augen zufielen, musste er an einen Einbrecher in Rom denken, von dem er in einer Kurzmeldung im Vermischten gelesen hatte. Der 38 Jahre alte Italiener war in eine Wohnung eingedrungen, hatte einige Designerklamotten in einen Sack gestopft – doch statt das Weite zu suchen, machte er es sich auf dem Bett gemütlich und begann zu lesen. Wohl war er so sehr in seine Lektüre vertieft, dass er die heraneilende Polizei gar nicht bemerkte.
Es muss sich um einen kunstsinnigen Dieb gehandelt haben. Als die Beamten ins Schlafzimmer kamen, hielt er eine im vergangenen Jahr erschienene Abhandlung zur griechischen Mythologie „Gli dei alle sei. L’Iliade all’ora dell’aperitivo“ („Die Götter um sechs. Die Ilias zur Cocktailstunde“) des italienischen Schriftstellers Giovanni Nucci in Händen.
KNITZ findet, die Szene ist zu gut, um nur in einer Kurzmeldung verbraten zu werden. Sie hätte es verdient, in einen Roman eingearbeitet zu werden, oder könnte der Einstieg zu einer Kinokomödie sein – über einen Gauner, dem seine Buchleidenschaft immer wieder zum Verhängnis wird.
Auch Giovanni Nucci, der 54-jährige Buchautor, scheint das Potenzial der Story erkannt zu haben. Der Zeitung „Il Messagero“ sagte er: „Das ist ja eine völlig surreale Geschichte – aber auch voller Menschlichkeit.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ leuchtet den Vorfall tiefenpsychologisch aus: „Hermes ist der Gott der Diebe, aber auch der Lügner und der Literatur. Kein Wunder also, dass sich der römische Einbrecher von Nuccis Buch ablenken ließ.“
Inzwischen ist das Buch in Italien ein Bestseller. Noch ist es nicht ins Deutsche übersetzt, aber sollte das geschehen, müsste die Einbrecheranekdote im Klappentext erwähnt werden, findet KNITZ.
Denn natürlich zeichnet es ein Buch aus, wenn der Leser alles um sich herum vergisst. Womöglich ließe sich der Dieb sogar zu einem werbewirksamen Zitat hinreißen: „Ein durch und durch fesselnder Band, was mir nicht erst klar wurde, als die Handschellen klickten.“