Welche Schulart ist die richtige fürs Kind? Wir lassen Lehrkräfte, Eltern und Schüler zu Wort kommen – heute aus der Grund- und Werkrealschule Gablenberg, wo Jugendliche wie Djordje mit enger Begleitung ihren Weg machen.
Es sind die Wochen der Entscheidung. Da die Grundschulempfehlung verbindlicher wird, lohnt es sich, die anderen Schularten genauer in den Blick zu nehmen. Wir haben uns an der Stuttgarter Grund- und Werkrealschule Gablenberg umgehört, was diese Schulform ausmacht. Allgemein Die Werkrealschule ist eine baden-württembergische Besonderheit: Erst seit 2010 ergänzt sie die Schullandschaft. Heute sind aus fast allen Hauptschulen im Land Werkrealschulen entstanden, die bislang neben dem Abschluss in Klasse neun auch den Werkrealschulabschluss in Klasse 10 anbieten, der dem Realschulabschluss gleichgestellt ist. Allerdings hat die Landesregierung im Zuge ihrer Bildungsreform den Werkrealschulabschluss abgeschafft . Weiter bestehen soll die Schulform, die den Abschluss nach neun Schuljahren anbietet.
Die Schule Wie wichtig seine Schule für die Jugendlichen ist, weiß der Schulleiter aus Erfahrung: Als Ricardo Almeida Correia 1993 mit seiner Familie von Portugal nach Stuttgart kam, besuchte der Zehnjährige eine Vorbereitungsklasse an der GWRS Gablenberg, lernte Deutsch, kam an. Nach dem Hauptschulabschluss erarbeitete er sich über die Abendrealschule und das Wirtschaftsgymnasium sein Abitur, studierte Grund- und Hauptschullehramt. Seit diesem Schuljahr leitet er die Gablenberger Schule. Zwei Stichworte nennt Correia, um Arbeiten und Lernen an der GWRS Gablenberg, auf die Kinder unterschiedlichster kultureller Hintergründe gehen, zu beschreiben: Beziehungsarbeit und beruflicher Schwerpunkt.
Die Schulart bleibt bestehen, der Abschluss nicht
In der Werkrealschule unterrichtet ein Klassenlehrer mehrere Fächer, hat engen Kontakt zu seinen Schülern. Die Klassen sind eher klein. Außerdem ist es die vornehmliche Aufgabe dieser Schulform, Mädchen und Jungen auf eine Ausbildung vorzubereiten. Unterrichtet wird das grundlegende Niveau (G-Niveau), dazu ziehen sich durch alle Klassenstufen praktische Elemente. Vom Schnuppertag in Betrieben in Klasse 7 über Praktika in den Stufen 8 und 9. „Der Ernst des Lebens beginnt für unsere Kinder früh“, sagt Correia: „Viele sehen sich mit 15 oder 16 noch nicht bereit für das Berufsleben“, weiß der Pädagoge. Nach dem Hauptschulabschluss wartet Beratungsarbeit auf Lehrkräfte und Sozialarbeiterinnen: Soll es gleich in eine Ausbildung gehen? Oder wird die zehnte Klasse angeschlossen? „90 Prozent machen weiter und versuchen den Werkrealschulabschluss bei uns“, sagt Correia.
Für viele Schüler ist die Werkrealschule ein Zuhause
Ohnehin ist das Kollegium auch damit beschäftigt, den Jugendlichen Basiskompetenzen wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit beizubringen. Unterstützung von zu Hause bei schulischen Fragen hätten die wenigsten, sagt der Schulleiter. Sie müssten vieles, was daheim nicht passiert, ausgleichen. „Für viele Schüler sind wir eine Art Zuhause“, sagt Correia. Es sei wichtig, dass dieser familiäre Charakter erhalten, die Schülerzahl, die bei 250 liegt, überschaubar bleibe. Müsse er einen Schulverbund mit einer Realschule eingehen, wie es die Bildungsreform möglich macht, sieht er das in Gefahr.
Welche Eltern sollten die Werkrealschule für ihren Nachwuchs in Betracht ziehen? „Wenn Kinder Spätzünder sind und mehr Lernzeit in kleinen Settings brauchen, können wir die richtige Wahl sein“, sagt Correia. Von der Gemeinschaftsschule, die ebenfalls ein G-Niveau anbietet, unterscheide die Werkrealschule, dass sie weniger auf Selbstständigkeit im Lernen setze. Denn das sei für manche Jugendliche überfordernd.
Der Schüler Sein Lieblingsort? „Das Schulcafé!“, sagt Djordje Golubović schnell. In dem gemütlichen Raum im Untergeschoss der GWRS Gablenberg können seine Freunde und er quatschen, chillen oder auch mal das Kartenspiel „Uno“ spielen. Manchmal kochen sie auch etwas, zum Beispiel Pizza oder Hühnchen, dann müssen sie nicht zum Discounter, um sich fürs Mittagessen einzudecken. Überhaupt ist es die Gemeinschaft, die dem 16-Jährigen an seiner Schule gefällt. Die Schülermitverwaltung organisiere „super Sachen“ für die Schülervollversammlungen, bei denen alle zusammenkommen. Im Winter gab es ein Rap-Battle zwischen den Klassen, bei der Halloween-Aktion durften Schüler ihre Lehrer verkleiden. „Zum Beispiel mit Bandagen als Mumie“, sagt Djordje.
Vor drei Jahren erst zog Djordje von Serbien nach Deutschland, kam in einer der drei Vorbereitungsklassen an der GWRS Gablenberg für Jugendliche unter und konnte ab der achten Klasse den Regelunterricht besuchen. „Ich mag die Lehrer“, sagt Djordje. Im vergangenen Jahr machte er seinen Hauptschulabschluss, derzeit besucht er die 10. Klasse. Nach dem Werkrealschulabschluss könnte er sich ein berufliches Gymnasium vorstellen. Er hofft, dass sein Abschluss gut genug wird, damit er aufgenommen wird. Die Schülermutter Wie sehr Djordje an seiner GWRS Gablenberg hängt, merkten die Eltern, als die Familie von Bad Cannstatt nach Stuttgart-Vaihingen umzog. Djordje wollte die Schule nicht wechseln, erzählt seine Stiefmutter Olga Golubović. „Obwohl er jetzt von zu Hause fast eine Stunde dorthin braucht.“ Überhaupt ist Olga Golubović froh, dass der Sohn so gut angekommen ist. „Das erste Jahr war schwer wegen der Sprache“, erinnert sie sich. Aber dann flutschte es. Sie hat das Gefühl, dass Djordje von den Lehrkräften gut begleitet wird. Unterstützen könnten sie ihren Sohn bei schulischen Fragen nur bedingt. „Wir arbeiten beide Vollzeit“, sagt Olga Golubović. Das Konzept der Vorbereitungsklassen gefällt ihr. Als sie in den 90er Jahren von Kirgisistan nach Ostdeutschland zog, habe es das nicht gegeben.
Der Kooperationspartner Mit Altenheimbewohnern basteln, singen und kochen, gemeinsam im Park spazieren, die Wilhelma besuchen – das tun Schülerinnen und Schüler der GWRS Gablenberg schon seit 2007. So lange besteht eine Kooperation mit der Karl-Olga-Altenpflege der Bruderhausdiakonie. Eine Zusammenarbeit, die sich bewährt hat, sagt der Sozialdienstleiter Michael Renner. Einmal im Monat kämen zwölf bis 15 Schüler in sein Haus, um Senioren zu treffen. Umgekehrt besuchen er und eine Gruppe Bewohner regelmäßig das Schulfest der GWRS Gablenberg. Auch Praktika machen Schüler in seinem Haus. Für Bewerbungen um Ausbildungsplätze seien sie offen. Tatsächlich kämen solche aber selten vor.
Die Eltern können ihren Sohn wenig unterstützen
Die Lehrerin Alla Deringer, die die Kooperation von Schulseite aus begleitet, sagt, dass viele ihrer Schüler eine handwerkliche Ausbildung beginnen in Bäckereien oder bei Friseuren etwa. Einige ziehe es in den sozialen oder technischen Bereich. „Kaufmännische Ausbildungen“ seien eher selten. Deringer, die seit gut 20 Jahren an der GWRS Gablenberg arbeitet, hat die Erfahrung gemacht, dass „Arbeitgeber den Werkrealschulabschluss schätzen“. Von dessen Abschaffung hält sie daher nichts. Die meisten ihrer Schüler bräuchten die enge Betreuung, das Klassenlehrerprinzip und eine feste Lernstruktur bis zum Abschluss.
Bildungsreform – was ändert sich für die Werkrealschulen?
Aus für den Werkrealschulabschluss
Der Werkrealschulabschluss wird mit den Änderungen des Schulgesetzes zum Auslaufmodell. Die aktuellen Fünftklässler sind die letzten Haupt- und Werkrealschüler, die diesen Abschluss noch machen können. Die Jahrgänge danach legen den mittleren Abschluss ab, deckungsgleich mit Real- und Gemeinschaftsschulen.
Schulverbünde
Dazu eröffnet die Reform den Werkrealschulen die Möglichkeit, mit Real- und Gemeinschaftsschulen Verbünde einzugehen, innerhalb derer ihr Profil erhalten bleibt. So sollen auch die sinkenden Anmeldezahlen für die Werkrealschulen abgefangen werden.
Stuttgart
Stuttgart Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer hat für Stuttgart angekündigt, dass es keine reinen Werkrealschulen mehr geben soll. Wo sich welche Schulen zu Verbünden zusammen schließen, werde nun in einem längeren Prozess mit allen Beteiligten entschieden werden.
Tag der offenen Tür
Am 13. Februar lädt die Grund- und Werkrealschule Gablenberg von 14.30 bis 16.30 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. Informationen auf https://www.gws-gablenberg.de/