In einem Lehrvideo der Uniklinik Tübingen wird die realistische Behandlung eines schwer kranken Covid-19-Patienten simuliert. Dargestellt wird dieser von einem jungen Arzt. Er erzählt, wie Patienten versuchen, diesen Überlebenskampf zu meistern.
Tübingen - Dem Patienten geht es schlecht. Die Infektion mit dem Coronavirus hat dazu geführt, dass sich die Lunge entzündet hat. Schwellungen und Flüssigkeitsansammlungen versperren der Atemluft den Weg. Die Lungenfunktion ist so stark eingeschränkt, dass der Mann Anfang 30 nicht mehr genug Luft bekommt. Seine Atemzüge sind schnell und flach. Es droht akutes Lungenversagen. Ein Team von einem halben Dutzend Ärzten und Pflegekräften beginnt nun unter Hochdruck, das Leben des Patienten zu retten.
Der Film stellt den Behandlungsablauf exakt dar
Es sind Bilder, die jederzeit im Internet angesehen werden können. Denn es handelt sich bei dem Szenario um ein nachgespieltes Fallbeispiel von der Corona-Intensivstation der Uniklinik Tübingen. „Der Ablauf ist exakt so, wie er derzeit in vielen Intensivstationen Alltag ist“, sagt Lasse Wiesinger, Assistenzarzt in der Anästhesiologie und Intensivmedizin der Uniklinik.
Der 31-Jährige hatte die Rolle des Schwerkranken übernommen. Das war vor einem Jahr. Das Lehrvideo sollte einen Einblick geben, wie Covid-19-Patienten mit sehr schweren Verläufen therapiert werden. Das Drehbuch haben Medizinstudierende gemeinsam mit Intensivmedizinern verfasst. Regie und Technik übernahmen ebenfalls die Studierenden in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern des Tübinger Instituts für klinische Anatomie und Zellanalytik.
Der 90-minütige Film ist öffentlich zugänglich und erregt mit erheblicher Verzögerung hohe Aufmerksamkeit. Das ZDF-„heute journal“ berichtete jüngst, auch in sozialen Netzwerken wird das Video geteilt.
Jeder zweite intensivmedizinisch behandelte Covid-19-Patient wird beatmet
Schritt für Schritt werden die einzelnen Behandlungsschritte durchexerziert: In Nahaufnahmen wird gezeigt, wie der Patient intubiert wird, um ihn künstlich zu beatmen, damit die Lunge entlastet wird. Das ist nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei fast jedem zweiten Covid-19-Patienten, der intensivmedizinisch versorgt wird, der Fall.
Nacheinander werden etwa 30 bis 40 Zentimeter lange Katheter in Hals und Leiste eingeschoben. Mit ihnen werden sämtliche Organe und ihre Funktionen überwacht. Über Sonden wird der Körper ernährt, seine Ausscheidungen werden abgeführt. Gleichzeitig erhält der Patient eine Flut von Medikamenten: Sie führen zum einen dazu, dass der Patient weiter in künstlich herbeigeführtem Schlaf bleibt und keine Schmerzen leidet. „Zwei bis drei Wirkstoffgruppen braucht es in etwa pro Patient“, sagt Wiesinger.
Andere stabilisieren den Kreislauf, verhindern Thrombosen und unterstützen die Organfunktionen. Es gibt Medikamente, die mögliche Bakterienherde oder andere Keime bekämpfen, um sogenannte Superinfektionen in dem geschwächten Körper zu verhindern.
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Im Schnitt bleiben die Patienten bis zu sechs Wochen auf der Intensivstation
Der Film mischt nachgestellte Szenen mit wirklichen Behandlungsaufnahmen. „Immer da, wo Blut fließt, wird die Realität gezeigt“, sagt Wiesinger. Für ihn selbst war der Dreh sehr lehrreich: „Ich war zu dem Zeitpunkt erst wenige Tage auf der Covid-19-Intensivstation.“ Inzwischen ist die Therapie von schwerstkranken Covid-19-Patienten zu Wiesingers Alltag geworden.
Was im Film 90 Minuten dauert, ist ein Kampf, der sich hinziehen kann. „Im Schnitt bleiben Patienten bis zu sechs Wochen bei uns.“ Es gibt auch Patienten, die 60 Tage intensivmedizinisch versorgt werden mussten. Die Patienten sind niemals allein: Eine Pflegekraft ist stets für einen Covid-19-Fall zuständig. Muss der Patient umgelagert werden, braucht es ein Team aus fünf bis sechs Fachkräften: Kein Katheter, keine Sonde darf verrutschen oder abknicken.
Auch bei der Physiotherapie braucht es zwei Therapeuten. Diese dehnen die Muskulatur der Arme und Beine, massieren und kneten das Gewebe insbesondere im Bereich des Rückens und Brustkorbs. Die Patienten werden so zu tiefem und intensivem Atmen angeregt.
Die Physiotherapie beginnt schon am Intensivbett
Den Überlebenskampf kann der Film nicht vermitteln. Die Patienten bekommen durchaus mit, wenn sie an der künstlichen Lunge, der Ecmo, angeschlossen sind. „Viele sind schockiert, wenn sie realisieren, dass diese dicken Schläuche ihr Blut ab- und wieder einführen und dass diese Maschine sie am Leben hält“, sagt Wiesinger.
Umgekehrt gibt es auch einen nicht geringen Anteil an Patienten, die sich davor fürchten, irgendwann wieder ohne diese Maschine zu atmen. „Sie haben durch die wochenlange Behandlung das Vertrauen in ihren Körper verloren.“
Im Film gewinnt der Patient den Lebenskampf. Bundesweite Krankenhausuntersuchungen haben ergeben, dass etwa zwei von drei Patienten einen schweren Verlauf mithilfe intensivmedizinischer Therapie überleben. Gesund sind sie noch nicht.
Vor wenigen Tagen hat Wiesinger Post von einer Patientin erhalten, die zum Zeitpunkt des Drehs auf der Intensivstation behandelt wurde. Derzeit beginne sie mit der Wiedereingliederung. Sie sei unendlich dankbar für die neu gewonnene Lebenszeit. „Es macht froh, wenn man hört, dass Patienten die Krankheit überlebt haben“, sagt Wiesinger. „Aber es ist doch erschreckend, wie lange man braucht, um sich davon zu erholen.“