Weihnachten ist auch ein Fest der Begegnung, wie hier auf dem Weihnachtsmarkt in Renningen. Foto: Simon Granville

Der mediale Rummel im Internet lähmt die eigene Gedankenwelt. Das hat Auswirkungen auch auf unseren Alltag vor der eigenen Haustür.

Stellen Sie sich einmal vor, die Tage vor und an Weihnachten würden so ablaufen, wie sie eigentlich sein sollten: geruhsam, entschleunigend, besinnlich, freundlich zu Mensch und Tier. Das Gegenteil ist zumeist der Fall. Der Endspurt vor dem großen Fest ist geprägt von Hektik, oft von Streit aus Stress heraus, von der Angst vor Enttäuschungen, die man erleben könnte, wenn die Lichter in den Geschäften und Betrieben aus- und in den Kirchen und heimischen Wohnzimmern angehen. Nicht immer ist Weihnachten das Fest der Liebe als das es gemeinhin gilt oder besser gesagt galt.

 

Was ist da los? Wir leben in einer aufgeregten Welt, in der eine Schreckensmeldung von der nächsten eingeholt wird. Die Ticker unserer Smartphones brummen beinahe pausenlos, der ständige Blick auf den kleinen Bildschirm gerät zusehends zu einer Art Naturgesetz. Gewiss: Bei zerstörenden Ereignissen wie der Bluttat auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt sind schnelle und präzise Informationen essenziell. Doch gerade bei einem solch schrecklichen Ereignis wird die Gefahr des ungehemmten Dauerempfangs deutlich. Er kann der Nährboden absurder Verschwörungsfantasien bis hin zu gezielten wie politisch motivierten Falschmeldungen sein. Wer sich nicht auf überprüfte Informationen verlässt, die der professionelle Journalismus bietet, kann schnell in eine gefährliche Scheinwelt abdriften. Gerade in der hochemotionalen Weihnachtszeit.

Doch selbst ohne Schreckensmeldungen, wie jene vom Magdeburger Weihnachtsmarkt, birgt ein entfesselter Netzkonsum große Gefahren. Der Grundton in den sogenannten sozialen Medien variiert vor allem bei „Shitstorms“ zusehends zwischen Aggression, Besserwisserei und Beleidigtsein. Zuhören ist keine Tugend mehr.

Der Circus Maximus des World Wide Web beschränkt sich dabei nicht nur auf das überregionale Empörungspotenzial. Begebenheiten vor der eigenen Haustür werden genauso auseinander genommen. Jeder hält sein individuelles Problem für das größte und drängendste. Selbst ehrenamtliche Akteure werden mit Hasstiraden überzogen – unabhängig davon, ob sie für den Grund der Aufregung etwas können oder nicht.

Schaden für die Bereitschaft zum Ehrenamt

Dass sich immer weniger Menschen bereitfinden, für ein kommunales Amt oder einen Gemeinderat zu kandidieren, ist eine fast zwangsläufige Konsequenz. Für den auf den ersten Blick attraktiven Chefsessel im Renninger Rathaus etwa gab es gerade einmal zwei Bewerbungen. Auch Vereine klagen über massive Nachwuchsprobleme. In Zeiten, in denen selbst Leute von der Feuerwehr oder den Rettungsdienst tätlich angegangen werden, darf das nicht verwundern.

Das Schlimme dabei ist: Durch die Dauer-Empörung dringen echte Probleme gar nicht mehr durch. Die desolate Situation in der Kinderbetreuung, an etlichen Schulen, die lähmenden Konsequenzen einer absurden Bürokratie: All das und sehr viel mehr bedürfen einer sachlichen Bestandsaufnahme, die in konkreten Lösungen mündet. Stattdessen werden die Themen lautstark zerredet.

Wie wohltuend es sein kann, über längere Phasen einfach das Smartphone zu ignorieren, wissen jene zu berichten, die es praktiziert haben. Sie hatten auf einmal viel mehr Zeit, zum Beispiel für Gespräche mit echten Menschen. Vielleicht probieren Sie es mal.

Weihnachten ist eine wunderbare Gelegenheit, um zu erfahren, dass die Gedanken anderer Menschen den eigenen Geist anregen: etwa um über die Friedensbotschaft von Weihnachten nachzudenken. Und um festzustellen, dass es neben dem allgegenwärtigen Verdruss andere Möglichkeiten gibt, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen. In diesem Sinne Ihnen allen ein friedvolles und fröhliches Weihnachtsfest!