Amtstierärzte sollen überwachen, dass der Tierschutz in Deutschland eingehalten wird. Doch wie steht es um das Tierwohl auf dem Land? Ein Tag mit dem Veterinär auf der Schwäbischen Alb.
Dicht an dicht stehen die Rinder im Stall auf der Schwäbischen Alb. Um ihre Hälse Anbindeketten, die gerade lang genug sind, um essen oder sich hinlegen zu können. Für das Rind mit der Endziffer 85, das hier seit fast eineinhalb Jahren angebunden auf etwas Stroh steht, ist die Kette jedoch deutlich zu eng, die Metallringe drücken fest in die Haut. Dem Amtstierarzt Thomas Buckenmaier fällt das bei seinem Gang durch den Stall auf, genauso wie die teils stark verschmutzten Unterkörper. „Das Tier braucht mehr Freiraum. Und Sie müssen mehr Stroh einstreuen, damit Ihre Tiere trockene Liegeflächen haben“, ermahnt er den Landwirt, der im Blaumann hinter ihm hertrottet und die Kette sofort weiterstellt. Buckenmaier kündigt an, einen Bericht über die zu beseitigenden Mängel auszustellen und für eine weitere Kontrolle wiederzukommen.
60 Prozent der Schweinebetriebe wurden nicht kontrolliert
Buckenmaier ist Leiter des Veterinäramts im Kreis Reutlingen und als einer von sechs Amtstierärzten dafür zuständig, dass das, was Paragraf eins des Tierschutzgesetzes vorschreibt, auch eingehalten wird: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Einst hatte Buckenmaier als Tierarzt in einer Praxis auf dem Land gearbeitet, 60-Stunden-Wochen und Wochenenden mit Rufbereitschaft ließen ihn den Amtsdienst wählen. Geht er in einen Stall, schärft er alle Sinne: Wie viel Licht haben die Tiere? Ist das Fell der Tiere sauber? Funktionieren die Wassertränken, und hat jedes Tier ausreichend Platz?
Kriterien, die die Tiergesundheit in 360 Rinder-, 160 Schweine-, 1400 Geflügel- und 560 Schaf- und Ziegenbetrieben im Kreis sicherstellen sollen. Trotz der 20 000 Kilometer, die er jährlich durch sein Zuständigkeitsgebiet fährt, ist die Liste mit Betrieben, die in den vergangenen zehn Jahren nicht kontrolliert wurden, lang: Die tagesaktuelle Abfrage im September aus der elektronischen Datenbank zeigt, dass knapp 30 Prozent der Rinderhalter, 55 Prozent der Ziegen- und Schafbetriebe und 60 Prozent der Schweinebetriebe im Kreis abseits behördlicher Aufmerksamkeit Jungtiere aufziehen, heranmästen und an den Schlachter verkaufen – und längere Zeit nie kontrolliert wurden.
Kontrollen in Baden-Württemberg: seltener als im Bundesdurchschnitt
Tierschützer, Umweltverbände und Tierschutzpolitiker kritisieren seit Jahren das System, mit dem in Deutschland Betriebe, die Nutztiere für die Fleisch- und Milchindustrie halten, überwacht werden. Nur etwa alle 19 Jahre muss ein Betrieb in Baden-Württemberg mit einem Besuch vom Veterinäramt rechnen, das zeigen Zahlen der Bundesregierung. Damit liegt Baden-Württemberg hinter dem Bundesdurchschnitt von 17 Jahren, jedoch deutlich vor Bayern, hier werden Betriebe alle 48 Jahre kontrolliert.
Dass der Kontrollturnus nicht regelmäßiger stattfindet, hat zumindest in Reutlingen nichts mit fehlender Bereitschaft zu tun. Die insgesamt sechs angestellten Veterinäre sollen nicht nur den Tierschutz und die Tiergesundheit überwachen, sondern sind zugleich für Lebensmittelkontrollen in der Gastronomie, für den Seuchenschutz oder für Futtermittel- und Schlachthofkontrollen zuständig.
Bei welchen Betrieben nach dem Rechten gesehen wird, entscheiden zum großen Teil Buckenmaier und seine Kollegen selbst. Bei der Auswahl der Betriebe gehen sie mangels Zeit risikoorientiert vor. Höfe, die in der Vergangenheit vermehrt aufgefallen sind oder Milchviehbetriebe mit Kälberaufzucht werden öfters angesteuert. Auch Hinweisen von Spaziergängern gehen sie nach.
Wann fühlt ein Rind Schmerzen?
Wann ein Betrieb für seine Tierhaltung gerügt wird, liegt jedoch zu großen Teilen im Ermessen der Veterinäre. Bei ihren Kontrollen orientieren sie sich zwar am Tierschutzgesetz, das nicht nur Schmerzen und Leid verhindern, sondern minimale Standards wie artgemäße Bewegung, eine an die Gemeinschaftsbedürfnisse angepasste Haltung und angemessene Lichtverhältnisse garantiert soll. Was artgemäß jedoch für ein Rind, ein Schwein oder eine Pute bedeutet und ab wann ihnen Schmerzen oder Leid widerfahren, ist aus Gesetzen nicht abzuleiten, hier sind nur äußert allgemeine Haltungsvorgaben festgelegt. Ob Buckenmaier also Sanktionen einleitet, einen Mängelbericht ausstellt oder ein Strafverfahren wegen Missachtung des Tierschutzes einleitet, liegt in seinen Händen.
Zoe Mayer, Bundestagsabgeordnete der Grünen aus Karlsruhe, setzt sich in Berlin für Verschärfungen des Tierschutzgesetzes ein, diese sind im Koalitionsvertrag der Ampel festgelegt. Vorgesehen sind unter anderem spezifischere Verordnungen für Nutztiere, an denen sich Amtstierärzte bei ihren Kontrollen orientieren können. Auch die Anbindehaltung soll innerhalb der nächsten zehn Jahre abgeschafft werden. Eine Neuorganisation von Tierschutzkontrollen fehlt jedoch. Hier seien laut Mayer vor allem die Länder in der Pflicht, tragfähige Konzepte zu entwickeln, die den Tierschutz in der Landwirtschaft stärken können. Neben einer allgemeinen Personalaufstockung befürwortet sie eine zentrale Stelle, die systematisch Tierschutzkontrollen plant und koordiniert. Mildere Kontrollen und seltenere Meldungen, die Kritiker Amtsärzten wegen persönlicher Nähe in ländlichen Gebieten vorwerfen, könnten vermieden werden, wenn Amtstierärzte künftig in wechselnden Landkreisen Kontrollen durchführen.
Buckenmaier weiß, wo der Tierschutz gefährdet sein könnte
Buckenmaier kennt die Vorwürfe, die gegen seine Berufsgruppe erhoben werden. Mehr Personal würde auch er nicht ablehnen, ebenso wie Thomas Pfisterer, Vizepräsident der Landestierärztekammer Baden-Württemberg. 100 bis 150 neue Amtstierarztstellen sollte das Land seiner Ansicht nach schaffen, um den Tierschutz engmaschiger kontrollieren zu können. 44 Stellen hat das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz für den Staatshaushaltsplan 2023/24 beim Finanzministerium bereits angemeldet. Dem Vorschlag, eine zentrale Stelle für Kontrollen zu schaffen und künftig als Tierarzt durch Landkreise rotieren zu müssen, steht Buckenmaier jedoch kritisch gegenüber. Er kenne seine „Pappenheimer“ und käme bei diesen Betrieben so lange wieder, bis Tiere geschnittene Klauen, trockenes Stroh und sauberes Fell haben. Ob maßgeschneiderte Haltungsvorgaben für jede Tierart automatisch zu mehr Tierschutz führen, stellt er infrage und verweist auf den Strukturwandel, den die deutsche Landwirtschaft vollziehen müsse. Dass Betriebe mit zwanzig Rindern in Anbindehaltung diesen dann nicht überleben werden, sei der in Kauf zu nehmende Preis. Bis Förderprogramme für Tierwohl und Klimaschutz von Landwirten angenommen werden und Wirkung zeigen, nutzt Buckenmaier den Spielraum, den das Tierschutzgesetz ihm aktuell lässt.
Statt stets einen Strafzettel an die Stalltür zu hängen, versucht er zunächst in Gesprächen, Landwirte über Mängel und Pflichten aufzuklären. Hofinhabern dabei auf Augenhöhe zu begegnen und auch Verständnis für die Betriebssituation zu zeigen, sei wichtig, um Landwirte zu motivieren, sich mit Fördermaßnahmen für den Bau von tiergerechteren Ställen zu beschäftigen. Ist trotz mündlicher Verwarnung keine Besserung in Sicht und helfen angeordnete Strafzahlungen auch nicht weiter, löst er die Tierhaltung auch auf. Passiert ist das in seiner Amtszeit bisher zehnmal: „Manchmal dreht man sich im Kreis, ewig kann man dann auch nicht rummachen“, sagt er.
Kontrolle in einem „dunklen Loch“
Dass auf mahnende Worte jedoch nicht immer Taten folgen, zeigt ein weiterer Hofbesuch an diesem Tag. Diesmal führt die Kontrolle zu einem Betrieb im Lautertal. Unerwartet biegt Buckenmaier in eine Hofeinfahrt ab. Vor zwei Jahren war er regelmäßig hier, Fußgänger, die außen in den Stall blicken können, hatten dem Veterinär von „einem dunklen Loch“ und „ schlecht gehaltenen Rindern“ berichtet. Eine Zeit lang kam Buckenmaier immer wieder vorbei, bis er zufrieden war. Gebracht hat das scheinbar wenig: Die Situation ähnelt der von vor zwei Jahren. Die Landwirtin argumentiert, sie hätte nach dem Mittag misten und Stroh einstreuen wollen. Buckenmaier nimmt ihr das nicht ab und kündigt an, einen Mängelbericht auszustellen. Er wird, wenn es seine Zeit zulässt, wiederkommen müssen.