Im Moment leben im Autonomen Frauenhaus Stuttgart 14 Frauen und 21 Kinder. Foto: Hilke Lorenz

Zwischen jeder Menge Tränen und einem Berg von Bürokratie spielt sich das Leben der Frauen im Autonomen Frauenhaus Stuttgart ab. Einblicke in einen geheimen Ort mitten in Stuttgart.

Naila ist gestresst. Alles ein bisschen viel gerade. Eigentlich freut sie sich ja. Denn von dem, was sich hier alle Frauen sehnlichst wünschen, trennen sie nur noch ein paar Tage – und ein Wohnungsschlüssel. Sie wird wieder eine eigene Wohnung haben. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Nur für sich und ihren Sohn. Ohne andere Betroffene Frauen. Ohne ihren gewalttätigen Ehemann, mit dem sie mehr als zehn Jahre zusammenlebte und der sie bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen hat. Schon am zweiten Tag der Ehe habe sie gemerkt, „dass das nicht richtig ist“.

 

Sie hat lange durchgehalten, die ganzen Jahre das Geld für die Familie verdient. Bis sie die Polizei rief. Nicht etwa, weil sie an diesem Tag wieder einmal Prügel bekommen hatte. Damals wurde ein männlicher Verwandter zum Opfer. In Hausschuhen und mit nichts sind sie und ihr Sohn Gabor gegangen. Noch immer zahlt sie die Schulden ihres Mannes ab. Sie begleicht auch die Versicherungsprämien für ihr Auto, das er ebenso wenig herausrückt wie die dazugehörigen Papiere. Aktuell hat sie 13 Euro auf ihrem Konto, und der Monat ist noch lang. „Lieber esse ich nichts, als dass ich Schulden habe“, sagt sie und knetet nervös ein Taschentuch in ihrer Hand. Und als müsse sie sich entschuldigen, fügt sie hinzu: „Ich will dem Staat nicht zur Last fallen.“

Fast auf den Tag genau ein Jahr wohnt Naila jetzt im Autonomen Frauenhaus Stuttgart. Das autonome und das städtische Frauenhaus sind die beiden einzigen Einrichtungen dieser Art in der Landeshauptstadt. Die Angst vor ihrem Mann und seiner Familie hat Naila immer noch. „Ich mache mir Sorgen, was mit meinem Sohn wird, wenn mir etwas passiert“, sagt sie. Der begleitete Umgang, den der Vater mit dem Sohn hat, ist ein Stressfaktor ohnegleichen für Naila. Sie bringt Gabor dann in eine Einrichtung der Stadt, wo sie ihn einer Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes übergibt. Die ist die ganze Zeit mit dabei, wenn der Vater seinen Sohn trifft. Um sicher zu gehen, dass er sie nicht verfolgt, muss der Noch-Ehemann stets noch eine Weile bleiben, wenn die Mutter ihren Sohn wieder abholt. Aber da die familiengerichtlichen Verfahren an dem Gericht geführt werden, in dessen Zuständigkeit das Kind lebt, wissen Väter in der Regel zumindest, in welcher Stadt ihre Frau lebt.

Vergesslichkeit kann gefährlich sein. Foto: StZN/Hilke Lorenz

Die Angst des Sohnes um die Mutter

Nailas Sohn hat die Gewalttätigkeiten des Vaters gegen seine Mutter miterlebt. „Kinder wie er entwickeln posttraumatische Belastungsstörungen“, sagt Aileen Huck vom Autonomen Frauenhaus. Auch wenn sie selbst körperlich unversehrt bleiben, hinterlasse es bei Kindern Spuren, wenn sie mitansehen mussten, wie ihre Mutter geschlagen wird. „Erlebt die Schutzperson Mama Gewalt, ist das für Kinder sehr bedrohlich“, erklärt Huck.

Naila berichtet, die Schule habe einmal angerufen, weil es Gabor schlecht ging und er Angst hatte, seiner Mutter sei etwas passiert. Erst als er sah, dass seine Mutter unversehrt war, beruhigte sich der Junge. Gabor ist in Therapie. Seine Mutter ebenfalls. Beide haben ihr vertrautes Umfeld verloren. Auch die Schule musste Gabor wechseln.

Huck betreut Naila und ihren Sohn seit einem Jahr. Sie sortiert in der Beratungsstunde mitgebrachte Behördenbriefe und damit auch ein bisschen das Chaos im Kopf. Seit einiger Zeit hat Naila einen Job. Sie ist bei einer Firma angestellt, die alten Menschen im Haushalt hilft. Im Kopf jongliert sie ihre Termine hin und her, um auch noch den ersehnten Auszug zu organisieren.

Häusliche Gewalt wird beim Umgangsrecht viel zu wenig berücksichtigt“, sagt Aileen Huck. Ihre Kollegin Heike Fischer sieht es genauso: „Auch die Kinder brauchen erst mal einen Schutzraum“, sagt sie. Kinder wie Gabor seien trotz Gewalterfahrung oftmals in einem Loyalitätskonflikt. „Nach dem Weggang der Frau üben die Väter über den Umgang mit den Kindern oft starke psychische Gewalt auf die Frauen aus“, sagt Fischer.

Wie alle Bewohnerinnen in dieser Geschichte heißt Naila zu ihrem eigenen Schutz in Wirklichkeit anders. Die Lebensgeschichten jedoch, die hier erzählt werden, haben sich so zugetragen. Wie die von Anna, die mit ihren 68 Jahren die älteste Bewohnerin des Frauenhauses ist. 46 Jahre war sie mit ihrem Mann zusammen. Der Kinder wegen ist sie geblieben, hat seine Gewalt immer ausgehalten – bis sie auf eigenen Füßen standen. Jetzt sitzt die Rentnerin etwas verloren in der Runde der Frauen, die es beim Frühstück im Gruppenraum drängt, ihre Geschichten zu erzählen.

66 Euro pro Bewohnerin – egal ob Erwachsene oder Kind – bekommt das Haus, das vom Verein „Frauen helfen Frauen“ betrieben wird, von der Stadt erstattet. Vorausgesetzt, die Frauen haben ein Anrecht auf Sozialleistungen. Weil aber Hilfe nicht von diesem Status anhängen soll, ist das Geld immer knapp. Denn hier nehmen sie auch Auszubildende, Studentinnen oder Frauen mit Vermögen auf – Wohneigentum etwa, auf das sie aber gerade keinen Zugriff haben. Sie alle haben kein Anrecht auf Sozialleistungen. Hilfe brauchen sie dennoch. Deswegen fordern die Autonomen Frauenhäuser seit langem eine bundeseinheitliche und einzelfallunabhängige Förderung. Die von der Bundesregierung 2018 unterschriebene Istanbul-Konvention verpflichtet Deutschland, Frauen vor häuslicher Gewalt zu schützen. Der Entwurf zum Gewalthilfegesetz ist bisher nur Papier – bei steigenden Zahlen häuslicher Gewalt.

Das Haus ist voll besetzt

14 Frauen und 21 Kinder, acht davon sind noch kein Jahr alt, leben im Autonomen Frauenhaus Stuttgart. Es ist voll belegt, auch wenn es hier insgesamt 40 Schlafplätze gibt. Kommt jetzt eine weitere Frau mit Kindern, lässt sich die Familie ja nicht auf mehrere Wohnungen verteilen. Bei 85 Prozent lag 2023 die Auslastung. Auf der Internetseite frauenhaus-suche.de, die sie hier jeden Morgen als erstes anschauen, sieht man nur wenige grüne Punkte. Insgesamt fehlen in Deutschland 13 000 Frauenhausplätze.

Was sich durch alle Erzählungen zieht, ist die Angst der Frauen um ihre Kinder. Und die Angst der Kinder. „Sie mussten oft über Jahre Gewalt mitansehen und erleben“, sagt Heike Fischer. Die Beispiele belegen, was auch die Polizeistatistik sagt: Dass eine Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes „ein enormer Stressfaktor für eine Beziehung ist.“ Nicht selten mündet die Situation dann in Gewalt.

Da ist die 25-jährige Maria, die aus einer muslimischen Familie kommt und mit dem Vater ihres Kindes nicht verheiratet ist. Er wolle, dass sie das Kind seiner Mutter übergebe. Niemals werde sie das tun. „Ich traue ihm zu, dass er das Kind entführt.“ Maria sagt, sie weiß, wozu er fähig ist. „Er hat mich geschlagen, gewürgt, die ganze Palette.“ Ihn vor Gericht zu bringen, dafür habe ihre Kraft aber nicht gereicht.

Da ist Julia, eine studierte Syrerin. Als sie schwanger wurde, wollte ihr Ehemann das Kind nicht. Wenn er kein Marihuana rauche, verhalte er sich wie ein Geistesgestörter. Er schlug sie. „Zehn Tage konnte ich nicht laufen.“ Er sperrte sie ein, nahm ihr das Mobiltelefon weg, hoffte wohl auf eine Fehlgeburt. Julia behielt ihr Kind, kann aber bis heute nicht schwer tragen. Ihr gelang die Flucht. Aber er hat ihre Papiere. Bei der Vorstellung, er könne ihr das Kind wegnehmen, bricht sie in Tränen aus. Maria, mit der sie sich hier eine Wohnung teilt, streichelt ihr den Rücken.

Davon, dass sich Kontrolle auch als Fürsorge tarnt, kann Linda ein Lied singen. Die Fahrt mit der Bahn oder dem Bus sei zu anstrengend für sie mit dem Kinderwagen, sagte ihr Ehemann immer. Er könne sie doch mit dem Auto fahren. Das tat er und wusste so immer, wo und mit wem seine Frau unterwegs ist. Die in Kenia geborene Mikrobiologin wurde zunehmend hilfloser und immer mehr von ihm abhängig. Als sie wieder schwanger wurde und er das Kind nicht wollte, nahm er ihr das Mobiltelefon ab. „Er hielt mich wie eine Sklavin.“ Linda war zu der Zeit psychisch längst nicht mehr in der Lage, sich selbst Hilfe zu holen. Ein Nachbar informierte schließlich die Polizei. Ihre Tochter musste Linda beim Vater zurücklassen. Sie zog wieder ein – mit dem Ziel, mit ihrer Tochter wieder zu gehen. Polizei und Jugendamt begleiteten sie telefonisch in diesen Tagen. Die Rettung gelang.

Wege ins neue Leben

Die Wege der Frauen ins Frauenhaus sind so unterschiedlich wie ihre Leben. Manche werden von der Polizei gebracht. Andere schaffen den Bruch mit dem gewalttätigen Partner noch aus der Klinik heraus. Andere planen ihren Weggang, rufen an und müssen oft vertröstet werden, noch eine Weile durchzuhalten, weil es keinen freien Platz gibt. Man rät ihnen, wichtige Dokumente wie Ausweis, Krankenversicherungskarte oder die Geburtsurkunden der Kinder schon mal an einem sicheren Ort zu verstecken. Allen Geschichten gemein ist: Die Frauen lassen alles zurück, sind zum materiellen Neuanfang gezwungen, während die Ehemänner (die oft auch Täter sind) in der Wohnung ihr altes Leben weiterleben.

Wahr ist auch: „Oft haben Frauen hier zum ersten Mal die Möglichkeit, über ihre Situation zu reden“, sagt Heike Fischer. Hier können sie wieder mutig werden. Vor allem aber soll das Frauenhaus ein Schutzraum sein. Die Bewohnerinnen leben hier unter einer Postfachadresse. Sie und ihre Kinder dürfen keinen Besuch bekommen. Verabredungen sind nur außer einer Schutzzone erlaubt.

Naila muss jetzt in der Auszugsphase zurück ins eigenständige Leben viel unter einen Hut bringen. Sie muss den Transporter für die Möbel organisieren, traut sich aber nicht, selbst zu fahren. „Wir lassen dich nicht allein“, sagt Aileen Huck. Da schießen Naila die Tränen in die Augen. Ein Mix aus Angst, Hoffnung und Anspannung, der sich entlädt. „Ich hatte niemanden“, sagt sie und wischt sich mit dem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht. „Und jetzt habe ich Freundinnen. Hier ist meine Familie.“

Hilfe und Beratung

Telefon
Unter der Telefonnummer 116  016 das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ geschaltet. Es bietet täglich und rund um die Uhr Beratung für Frauen aller Nationalitäten, Angehörige oder Freundinnen und Freunde. Die Beratung erfolgt streng vertraulich und ist auch online unter onlineberatung.hilfetelefon.de möglich – und auch in Gebärdensprache.

Beratungsstelle
Der Verein Frauen helfen Frauen unterhält eine Beratungsstelle in der Römerstraße 30, 70180 Stuttgart. Sie ist telefonisch unter Telefon 0711 / 65 83 56 69 oder per Mail unter verein@fhf-stuttgart.de erreichbar.