Die schöne Seite der Nacht – ein Sternenhimmel über der Station präsentiert sich wie ein Gemälde. Foto: Sofia Juranyi

Daniel Noll aus Sillenbuch überwintert mit elf Kollegen in der Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis. Wir berichten in loser Folge über das Leben und Arbeiten im ewigen Eis. Teil 2: Ewige Nacht.

Stuttgart - 21. Juni, Mittwinternacht in der Antarktis: Die Pinguine in der Nähe der Forschungsstation Neumayer III brüten ihre Eier aus, stehen ruhig und dicht in der eisigen Kälte und in der Dunkelheit. Die wenigen Menschen, die in den Forschungsstationen tief im Süden die Stellung halten den Winter über, haben seit vier Wochen keine Sonne mehr gesehen. Es gibt so eine Art Dämmerung, etwa vier Stunden erhellt ein dünner Lichtstreif ein wenig den Horizont, aber auch nur dann, wenn der Himmel klar ist. Ansonsten ist es stockdunkel. In dieser Nacht schicken sich die Überwinterer in der Antarktis Grüße per Netz oder Funk. „Es ist wie eine Art Fest“, sagt Daniel Noll, „von nun an geht es Richtung Sommer.“ Aber nur langsam, sehr langsam. Die erste richtige Sonne gibt es erst wieder Ende Juli.

Seit kurz vor Weihnachten 2016 ist der Informatiker und Pilot aus Sillenbuch nun in der Eiswüste. Im Dezember herrschte noch reger Betrieb auf Neumayer III, und draußen war es nahezu 24 Stunden hell. Jetzt sind außer ihm nur noch elf andere Überwinterer da, es ist dunkel und das Thermometer rutschte schon mal auf minus 46 Grad, garniert mit einem böigen Wind, der die Schneekristalle waagrecht über den Boden treibt. Schneedrift nennt man das. „Dieser Wind treibt einem die Wärme aus dem Körper“, sagt der 29-Jährige, der trotzdem immer wieder raus in die eisige Polarnacht muss, auch bei Sturm. Seine neun männlichen Kollegen haben sich fast alle Rauschebärte wachsen lassen, Noll ist glatt rasiert. „Mir wächst einfach kein dichter Bart“, sagt er.

Brillenträger müssen darauf achten, wie sie atmen

Der Umgang mit der Kälte will gelernt sein, auch im Detail. „Als Brillenträger musst du darauf achten, wie du atmest“, sagt er. Es war kein schönes Erlebnis, als ihm bei einem Außeneinsatz der eigene Atem an die Brille gefror. „Das Eis kriegst du draußen nicht mehr weg“, sagt er. Und ein Blindflug in der Eiswüste kann gefährlich werden, auch wenn man außerhalb der Station natürlich immer zu zweit unterwegs ist. Außerdem entgehen einem eindrucksvolle Bilder. „Der Himmel ist wirklich der Wahnsinn“, erklärt Noll, „bei Vollmond und wenn es klar ist, kann man die Milchstraße fast greifen.“ Da wird die Dunkelheit zu einem sphärischen Erlebnis.

Manchmal drückt der Licht- und Sonnenmangel auf das Gemüt. „Man steht nicht so leicht auf, wenn es dauernd dunkel ist“, sagt er, „du brauchst den Blick zur Uhr, um dich im Tag zu orientieren.“ Und Energie für die Außeneinsätze. Zu Nolls Aufgaben gehört es, in zwei Observatorien nach dem Rechten zu sehen. Mal eine Festplatte tauschen oder eine Kamera enteisen. Die Beobachtungsstationen erzeugen ihre Energie mit Sonnenkollektoren und Windgeneratoren meist selbst. Wenn es in der Polarnacht zu wenig Wind hat, muss Daniel Noll mit einem Dieselgenerator aus, um die Batterien zu laden – bei jedem Wetter und manchmal kilometerweit auf dem offenen Motorschlitten. Am Ziel kann es passieren, dass die Kabel des Generators beim Abrollen wegen der Kälte einfach abbrechen.

Der letzte Flieger ist im Februar gestartet

Bei der Arbeit ist die ewige Dunkelheit kein Problem, man konzentriert sich und ist abgelenkt. In der Ruhe und der Einsamkeit der Antarktis kann die Polarnacht aber auch belasten. Der letzte Flieger hat von der Station im Februar abgehoben, der nächste kommt erst Anfang November. „Manchmal wünscht man sich schon, einfach mal raus zu gehen, in eine Stadt, in ein Kaffee oder einfach mal nur die Familie zu sehen“, sagt Noll. Aber das sind Momente. In der Station gibt es eine Art Kino, die Crew isst zusammen, man spielt Tischfußball oder liest. „Wir sind hier wie eine große WG“, sagt Noll, gemeinsame Abenteuer inbegriffen. Mit vier anderen ist Daniel Noll einmal zu einem Container an der Meereiskante gefahren, um eine Nacht im Schlafsack bei Minus 40 Grad zu verbringen. „Wir wollten das einmal erleben“, sagt er, „unsere Station ist so komfortabel, dass man glatt vergessen könnte, wo wir sind.“

Nicht vergessen kann er den Fakt, dass sie noch etliche Wochen von der Außenwelt abgeschnitten sind. Auch wenn ein Notfall eintreten würde, könnte man Neumayer III über den Luftweg derzeit nicht erreichen. 1999 hatte sich die amerikanische Ärztin Jerri Nielsen in einer amerikanischen Forschungsstation selbst einen Tumorknoten aus der Brust operiert. Um seine medizinische Versorgung macht sich Noll allerdings keine Sorgen, Stationsleiter Tim Heitland ist Arzt. Und sollten die Dieselgeneratoren streiken, könnte die Crew in eine leer stehende Sommerstation der Südafrikaner zurückziehen. Die ist nur wenige Kilometer entfernt.

Daran verschwendet Daniel Noll selten Gedanken. Der Sillenbucher macht seine Arbeit und wartet auf Ende Juli. Dann geht die Polarnacht langsam zu Ende, und die Sonne kehrt in die Antarktis zurück.

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