Flache Hierarchien, kreative Arbeitsatmosphäre, schnelle Entscheidungen: Mit dem betriebsinternen Lab1886 kann die Daimler AG nach Überzeugung von Laborleiterin Susanne Hahn das Beste aus der Start-up- und der Konzernwelt zusammenbringen.
Stuttgart - Flache Hierarchien, kreative Arbeitsatmosphäre, schnelle Entscheidungen. Dahinter muss nicht unbedingt ein Start-up stecken. Mit ihrem betriebsinternen Lab1886 kann die Daimler AG nach Überzeugung von Laborleiterin Susanne Hahn das Beste aus beiden Welten zusammenbringen – den Erfahrungsschatz des 132 Jahre alten Automobilkonzerns und die Unerschrockenheit einer agilen Innovationsschmiede mit den Charakteristika eines leichtfüßigen Start-ups, eine einzigartige Konstellation im Unternehmen.
Lab1886 verspricht Eigendynamik für den Gesamtkonzern
Das Lab1886 ist ein wichtiger Mosaikstein, der Eigendynamik für den Gesamtkonzern verspricht. Der Name ist Programm, soll an den Erfindergeist von Gottlieb Daimler und Carl Benz anknüpfen. Anders als Nikolaus August Otto, für den Daimler als technischer Direktor in der Motorenfabrik Deutz in Köln arbeitete, glaubte Daimler an seine Idee, neben großen Schiffsmotoren auch kleine Motoren für neue Geschäftsfelder zu bauen.
Der Rest der Geschichte ist bekannt: Er gab seinen hochdotierten Direktorenposten auf, um sich zusammen mit Weggefährte Wilhelm Maybach im Gartenhaus seiner Villa in Bad Cannstatt unbeirrt ans Werk zu machen und mit dem ersten Einzylinder-Viertakt-Benzinmotor im Benz Patent-Motorwagen im Jahr 1886 die Ära des Automobils einzuläuten.
Wahlspruch lautet: „Zurück in die Garage“
Was zu Zeiten von Gottlieb Daimler und Carl Benz die Industrialisierung war, sind heute Megatrends wie Digitalisierung, Globalisierung, Urbanisierung, demografischer Wandel, Mobilität, Individualisierung. Lab1886 erkennt und bewertet diese Trends, ist vor allem der Ort für Querdenker mit neuen Ideen entlang der ausgemachten Megatrends. „Wer hier arbeitet, muss offen sein und erweitert seinen Horizont ganz automatisch“, sagt Hahn.
„Zurück in die Garage“ heißt deshalb der Wahlspruch von Lab1886, dessen Team in Stuttgart in sicherer Entfernung zur Konzernmutter in einem alten ausgedienten Hangar wirkt. Das Laboratorium ist eine Weiterentwicklung der Abteilung „Daimler Business Innovation“, die der Vorstand bereits vor elf Jahren im Unternehmen angesiedelt hatte und aus der für den Konzern wegweisende Ideen wie der Carsharing-Service Car2go oder die Mobilitätsplattform moovel hervorgingen und marktfähig gemacht wurden. Schon damals hielt „Daimler Business Innovation“ nach den Trends der Zukunft Ausschau und versuchte, über das Fahrzeug hinaus ganz andere Märkte zu identifizieren und zu entwickeln.
Ziel ist es, noch schneller von der Idee zum Produkt zu kommen
Wer hat die nächste große Idee? Darum hat sich ein Wettlauf entsponnen. Durch den neuen Innovationsprozess stellt das international aufgestellte Lab1886 jetzt qualifiziertes Personal bereit, das Daimler-Mitarbeiter mit neuen Geschäftsideen kompetent begleitet. Ziel ist es, noch schneller von der Idee zum Produkt oder Geschäftsmodell zu gelangen.
„Wir, das Lab1886, unterstützen die Daimler AG dabei, eine nachhaltige und profitable Zukunft vorzubereiten, indem wir vordenken, indem wir Trends erkennen und die richtigen Menschen zusammenbringen. Eine große Idee effizient und effektiv in die Realität umzusetzen, heißt jenseits von Bereichs-, Unternehmens- oder Ländergrenzen zu denken“, fasst Hahn das Wirken ihrer Innovationstruppe zusammen und betont: „Wir sind eine Co-Creation-Plattform. Es zählt das Team, und wir wollen die besten Talente für unsere Teams haben, egal woher sie kommen.“ Das Lab1886 arbeitet interdisziplinär zusammen. So entstehe Kreativität und alle lernten dazu. „Es ist erstaunlich, wie viele Ideen, die sich weiterentwickeln lassen, uns permanent zugespielt werden – gerade auch von unseren nahezu 290 000 Mitarbeitern“, sagt Hahn.
Gleichzeitig in Start-up- und Konzernwelt arbeiten
Die Geschwindigkeit könne man aufrechterhalten, weil Spezialisten und Sponsoren nur zu bestimmten Phasen in der Ideengenese hinzugezogen würden, um dann gemeinsam mit ihnen zu beschließen, wie es weitergehen solle mit einem bestimmten Projekt. Typisch seien dann Fragen wie: Sind weitere Investitionen nötig? Muss ein Start-up involviert werden? Wie ist die Konkurrenz momentan unterwegs?
Zusammen mit der Start-up-Autobahn, die im Jahr 2016 von Daimler initiiert wurde und der sich mit der Universität Stuttgart, dem US-Akzelerator Plug and Play und der Arena 2036 drei wichtige Mitspieler anschlossen und derer sich Lab1886 regelmäßig bedient, bildet Lab1886 eine sehr schnelle Drehscheibe für Ideen.
Was also macht das Lab1886 so besonders? „Die Leute im Lab1886 müssen die externe Start-up-Welt beherrschen, genauso das Skalieren und schnelle Weiterbringen von Themen, und sie müssen natürlich die interne Konzernwelt kennen“, sagt Hahn. Dies gelinge nur mit einem guten Netzwerk, intern wie extern, und deshalb spiele die Start-up-Autobahn eine elementar wichtige Rolle im Innovationsgeschehen. „Start-up-Autobahn ist eine unserer Verbindungen in die Start-up-Welt.
Zukunftsaufgaben nur mit Querdenkern zu meistern
Damals haben wir überlegt, wie wir die besten Start-ups der Welt nach Stuttgart zu unseren Ingenieuren bringen könnten. Dank einer progressiven Entscheidung des Vorstandes, die Plattform von Anfang an als offene aufzubauen, haben wir mittlerweile mehr als 20 Partner an Bord“, beschreibt Lab1886-Leiterin Hahn die Symbiose, an die Daimler große Erwartungen knüpft.
Längst hat die Automobilindustrie erkannt, dass die Herkulesaufgabe, sich vom Automobilhersteller zum ertragreichen Mobilitätsanbieter zu wandeln, nur mit Unterstützung von außen und mit unkonventionellen Querdenkern im eigenen Unternehmen bewältigt werden kann.
Steckbrief Susanne Hahn
Laufbahn Susanne Hahn (42) leitet das Lab1886, ein konzerneigenes Konstrukt, das außer an den europäischen Standorten Stuttgart und Berlin auch in China (Peking) und den USA (Atlanta) auf disruptiver Ideensuche ist. „Wir erdenken viele große Ideen und die ganz großen Game-Changer setzen wir mit internen und externen Partnern sehr schnell um“, sagt sie über ihre Truppe von insgesamt rund 170 Personen. Hahn ist schon fast 20 Jahre im Unternehmen, hat Stationen in der Produktentwicklung, in Produktion, Supply Management und Human Resources durchlaufen, kennt somit die Prozesse und den Konzern.
Projekt„Mittlerweile haben wir mit über 30 Projekten ein derart gutes Portfolio zusammen, dass ich im Prinzip sagen könnte: Wir brauchen derzeit gar keine neuen Ideen.“ Trotzdem kommen täglich weitere Ideen herein. Lab1886 verfolgt derzeit vier oder fünf Projekte, die besonders großes Potenzial versprechen, unter anderem eine Brennstoffzellenanwendung. Genaueres will Hahn noch nicht verraten. Auch Lufttaxis sind im Blick – zusammen mit dem Unternehmen Volocopter.