Unser Projekt zeigt das Stuttgart des Jahres 1942. Wie mag sich ein Spaziergang durch die Innenstadt angefühlt haben?
Stuttgart - Die Frau schaut ein wenig traurig. Sie hat ihr Kind an der rechten und eine Tasche in der linken Hand, ist schwarz gekleidet – vielleicht, weil der Mann gefallen ist im vierten Kriegsjahr. Geschlossene Geschäfte, verwaiste Litfaßsäule: Mutter und Kind huschen über jenen heute namenlosen Platz zwischen Rathaus und Nadlerstraße. Von welchem Termin sie wohl kommen? Was haben sie vor? Wo wohnen sie?
Der Fotograf hätte die Frage stellen können, als er das Bild vor 78 Jahren aufgenommen hat. Doch das hätte sich nicht geziemt. Außerdem eilen die Fotografierten so zielstrebig aus dem Bild, als wollten sie uns nachgeborenen Betrachtern sagen: Geht euch nichts an, was wir hier machen!
Es sind diese zufällig eingefangenen Momente, die einen Spaziergang durch das Stuttgart des Jahres 1942 so eindrücklich machen. In den 12 000 Straßenfotos ist derart viel Leben festgehalten, dass man automatisch die Geräusche, Gerüche und Gefühle dazudenkt: reinstes Kopfkino.
Wie im falschen Film
Und doch fühlt man sich wie im falschen Film. Gezeigt wird eine Stadt, die es nicht mehr gibt. Man sieht Menschen, von denen die meisten heute tot sind. Plakate werben für vergessene Produkte. Wo heute der Verkehr tobt, spielten Kinder.
Etwa in der autofreien Rotebühlstraße, dem Anfang unseres Spaziergangs durch die Innenstadt im Spätsommer 1942. Stellen wir uns vor, dass wir nach einer Runde um den Feuersee in die Innenstadt wollen. An den Straßenbahngleisen entlang geht es am heutigen Finanzamt vorbei zum Alten Postplatz. Radio Barth lassen wir rechts liegen und gehen am Paulaner vorbei in die Calwer Straße.
Wir spazieren hinter vier jungen Frauen her, die eingehakt und kichernd an einem Soldaten vorbeigehen. Er blickt zu zwei Jungen in Lederhosen, die ihm entgegenradeln. Uns heutigen Betrachtern sticht ein weiterer Junge ins Auge, der seinen – natürlich nicht elektrischen – Tretroller schiebt.
Wen werden die Bomben treffen?
Wir sehen ja nur die Oberfläche. Wie mag es im Innern der Häuser ausgesehen haben, wie in den Köpfen? Mehr als 4500 Stuttgarter werden die Bombennächte, die schon ein Jahr später über die Stadt hereinbrechen, nicht überleben. Wird es den Mann mit Fliege und Hut treffen, der in der Langen Straße mit einem Soldaten plaudert? Den Anzugträger mit einer Zeitung in der Hand, der nochmals einige Meter weiter in die Königstraße blickt?
Wir passieren die Polizeiwache an der Neuen Brücke in Richtung Hirschstraße, wo uns die traurige Mutter begegnet. Den Kindern und Jugendlichen auf diesen Bildern werden die besten Jahre genommen – so sehen wir es heute. Wie viel die ganz Jungen vom Grauen des Krieges mitbekommen, zeigt kein Bild. Es kann sich auch kaum mehr jemand daran erinnern – weil das, was in Gestalt der britischen Lancaster-Bomber noch kommen sollte, viel schlimmer und einprägsamer war als ein Alltag mit Bezugsschein und ohne Vater.
Man trifft nur wenige Menschen, die fröhlich dreinblicken. Eine Ausnahme ist eine junge, elegant gekleidete Frau, die mit einem älteren, galanten Herrn aus der Engen Straße herausspaziert – eine jener Altstadtgassen, die es heute nicht mehr gibt. Nur wenige Bilder zeigen solche Szenen, die man heute als Flirt bezeichnen würde. Vielleicht lebt das eine oder andere Turteltäubchen noch?
Altstadt statt Dorotheenquartier
Wir spazieren an der Markthalle vorbei und biegen auf den Marktplatz mit seinen Bürgerhäusern ein. Einige davon, man erkennt es deutlich, haben schon bessere Tage gesehen. Der Markt verläuft sich, also gehen wir die Marktstraße hoch und biegen links ab. Schon damals muss man unter einem Breuninger-Schriftzug hindurch, seit dem Bau der Karlspassage gar durch das Kaufhaus.
Statt Dorotheenquartier und Stadtautobahn durchquert der Spaziergänger des Jahres 1942 die engen Gassen des Bohnenviertels, das an dieser Stelle an die City andockt. Sie sind bis auf ein paar spielende Kinder verwaist, die Rollläden heruntergelassen. Ob sich das damals ähnlich seltsam angefühlt hat wie die während Corona quasi menschenleeren Innenstädte?
Auf fast unheimliche Weise bewahren die Menschen Haltung: Büromenschen hetzen vorbei, Senioren flanieren, Fahrer liefern Kraut oder Bier aus, Polizisten gucken streng. Einige schauen verbittert. Würde man sie fragen, wie es ihnen geht – was würden sie antworten? Würden sie schwäbeln? Würden sie über die Nazis schimpfen? Darüber, dass es in der Markthalle nichts zu kaufen gibt, weil nur „Stammkunden“ bedient werden?
Die größte Baustelle der Stadt: ein Bunker
Wir überqueren die autofreie Holzstraße, sehen links das Auslandsinstitut und rechts die Prachtbauten der heutigen Konrad-Adenauer-Straße, gefolgt von der größten Baustelle der Stadt. Der Wagenburgtunnel wird zunächst nicht für Autos errichtet, sondern als Schutzraum für Zivilisten und die abmontierte Schillerstatue. In ganz Stuttgart gibt es damals Bunkerbaustellen und -wegweiser, sind Kellerfenster mit Betonblöcken verstellt – ein Ärgernis für Passanten, doch im Angriffsfall lebensrettender Schutz vor Splittern.
Gegen Ende wird die Route etwas ziellos. Von der Willy-Brandt- die Landhausstraße hinauf zu „Wulle“ am Kernerplatz und durch enge Straßen zum Neckartor, damals eine eher ruhige Nebenstraße am Park. Wer Verkehr und schlechter Luft trotzt, kann bis heute die Jugendstilfassaden der Bürgerhäuser bewundern.
Da ist etwas überschrieben worden
Nicht nur die Wahrnehmung, auch die Stadt selbst ist seit 1942 überschrieben worden. Es ist unmöglich, sich vorzustellen, was die Menschen im Stuttgarter Sommer 1942 gedacht und gefühlt haben. Man kann die Stadt nicht mehr mit dem Auge der damaligen Betrachter sehen.
Wo wir heute Naziterror sehen, lebten die Menschen, so gut es ging, ihren Alltag. Unser Hunger nach „hübschen“ Häusern übersieht die damals in die Jahre gekommene Bausubstanz der Gründerzeit. Leere Straßen wirken für heutige Betrachter befreiend, dabei planten die Nazis längst jene autogerechte Stadt, zu der Stuttgart dann umgebaut wurde. Mit Hilfe der Bilder spazieren wir durch eine Stadt, die wir deuten, in die wir uns aber nicht hineinfühlen können. Vielleicht ist es besser so.
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