Vor 150 Jahren wurde Rupert Mayer geboren. Der Geistliche machte sich den praktischen Dienst am Nächsten zur Lebensaufgabe und bot den Nazis die Stirn.
Die beiden Landeshauptstädte Stuttgart und München teilen etwas miteinander – was sonst eher selten der Fall ist. Sie teilen die Erinnerung an Rupert Mayer, den wortgewaltigen Jesuiten-Priester, der sich den Nationalsozialisten frühzeitig entgegenstellte, sich trotz Verfolgung und Inhaftierung das Wort nicht verbieten ließ und den berühmt gewordenen Satz formulierte: „Ich werde ihnen ganz klar sagen, dass ein deutscher Katholik niemals Nationalsozialist sein kann.“
„Ganz klar“ zu sein, war eine hervorstechende Eigenschaft dieses glaubensstarken Mannes, der vor 150 Jahren, am 23. Januar 1876, in Stuttgart geboren und wenige Wochen später in der Domkirche St. Eberhard getauft wurde. Mayer stammte aus einer wohlhabenden, kinderreichen Kaufmannsfamilie. Sein Elternhaus war das im Krieg zerstörte und anschließend wieder aufgebaute Traditionshaus Tritschler am Marktplatz. Mayer besuchte das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, machte Abitur in Ravensburg und feierte nach dem Theologiestudium in Fribourg, München und Tübingen, in St. Eberhard seine erste heilige Messe (Primiz) als neu geweihter Priester. Die Domkirche pflegt sein Andenken mit einer Büste und einer nach ihm benannten 2018 gegossenen Glocke, die sein Porträt ziert samt dem Zitat: „Ich kann nicht schweigen.“
Schon als Kind verschenkte er Kleider an Bedürftige
Mayer, der Unschweigsame. Sein Weg führte ihn von Stuttgart über die Stationen Spaichingen, Feldkirch in Voralberg und Falkenburg in den Niederlanden, wo er eine jesuitische Ordensausbildung absolvierte, nach München. Die bayerische Metropole wurde sein zentraler Wirkungsort – unterbrochen vom Ersten Weltkrieg, in dem Mayer als Militärseelsorger diente und infolge einer schweren Verwundung ein Bein einbüßte.
In München wurde Mayer Präses der Marianischen Männerkongregation, einer Gemeinschaft, die sich der Unterstützung Bedürftiger verpflichtet sieht. Diese soziale Haltung charakterisierte ihn von früh an. Eine Ausstellung, die von diesem Freitag an bis zum 14. Februar anlässlich seines 150. Geburtstags im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart gezeigt wird, erwähnt eine Episode aus seiner Kindheit. Demnach musste die Mutter ihm häufig neue Kleider beschaffen, weil Rupert alles an bedürftige Kinder verschenkte. Als Priester suchte er Arme und „Zugezogene“ auf und verteilte Lebensmittel und Heizkohle. Dazu kam geistige Nahrung: Von 1925 an begründete er in der Rolle eines pastoralen Streetworkers die Tradition der Gottesdienste für Reisende am Münchner Hauptbahnhof.
Die Nazis verurteilten ihn wegen „Kanzleimissbrauchs“
Dem allen blieb Rupert Mayer treu – in Wort und Tat. Auch gegen den Widerstand der Nationalsozialisten. Auf das Verbot von Caritas-Sammlungen reagierte er, indem er sich mit einer Sammelbüchse vor der Jesuitenkirche St. Michael stellte. In seinen Predigten wandte er sich unmissverständlich gegen die nationalsozialistische Ideologie. Die Folge war im April 1937 ein Redeverbot, das er missachtete, worauf er wegen „Kanzelmissbrauchs“ verurteilt wurde. Das führte zu Protesten in München und zu einer Intervention des Kardinals Faulhaber. Mayer wurde daraufhin freigelassen. Überliefert ist sein Ausspruch vor dem Sondergericht: „Trotz des gegen mich verhängten Redeverbotes werde ich weiterhin predigen, selbst dann, wenn die staatlichen Behörden meine Kanzelreden als strafbare Handlungen und als Kanzelmissbrauch bewerten sollten.“ Im Januar 1938 folgte die erneute Verhaftung. Mayer wurde in Landsberg am Lech eingesperrt. Vier Monate später kam er aufgrund einer Amnestie wieder frei.
Im November 1939 wurde er ein drittes Mal verhaftet; Mayer hatte sich geweigert, den Inhalt seiner Seelsorgegespräche preiszugeben. Die Nazis steckten ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Nachdem sich sein Gesundheitszustand stark verschlechtert hatte, wurde er im August 1940 im Kloster Ettal interniert, wo sich kurzzeitig auch der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonheffer aufhielt; die beiden hatten Kontakt. Von der Außenwelt isoliert, verbrachte Mayer die Jahre bis zum Kriegsende als „lebender Toter“, wie er in einem Brief schrieb: „ ... dieser Tod ist für mich, der ich noch so voll Leben bin, viel schlimmer als der wirkliche Tod, auf den ich schon so oft gefasst war. “
„Der einzig seliggesprochene Stuttgarter“
Die Rückkehr ins Leben nach dem Krieg währte nur kurz. Als Rupert Mayer am 1. November 1945, an Allerheiligen, in der Münchner St.-Michaels-Kirche die Morgenmesse hielt, erlitt er einen Schlaganfall und starb wenige Stunden später. Bestattet ist der als „Apostel von München“ verehrte Mayer in der Unterkirche der Münchner Bürgersaalkirche. Die Verehrung hielt an. Am 3. Mai 1987 wurde er im Münchner Olympiastadion von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen, was den Historiker Gerhard Raff aus Stuttgart-Degerloch zu der Bemerkung veranlasst, Mayer sei „der einzig selig gesprochene Stuttgarter“.
Die Stuttgarterin Joy Müller-Thoma war damals dabei – als Zehnjährige, gemeinsam mit ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrem Bruder. Das Erlebnis hat sie „zutiefst geprägt“, wie sie sagt. Auch weil Rupert Mayer ein weit entfernter Verwandter von ihr ist – „mein Großonkel vierten Grades“. Die Verbindung mit Pater Mayer empfindet die überzeugte Christin jedoch als sehr viel enger. Das sei eine „Sache des Herzens“. Joy Müller-Thoma sammelt alles, was mit Rupert Mayer zu tun hat – Bücher, Gedenkmünzen, Porträts. Sie sammelt auch Eindrücke: „Mir passieren viele schöne Dinge mit Rupert Mayer.“ Das können Begegnungen an Orten sein, die nach dem Jesuiten-Pater benannt sind, etwa der Rupert-Mayer-Platz in Stuttgart, unweit der Paulinenbrücke. Ein Platz, der zu seinem karitativen Wirken bestens passt.
„ Was kann Rupert Mayer uns heute sagen?“, fragt Müller-Thoma und liefert sogleich die Antwort: „Zivilcourage zeigen! Sich mit anderen Meinungen auseinandersetzen und Klartext reden, wie er das getan hat.“ Von Mayer weiß man, dass er schon in den 1920er Jahren zu Versammlungen der Nationalsozialisten ging und dort das Wort ergriff. „Er war oft der einzige, der öffentlich widersprach“, erzählt Simone Caliandro von der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Mitte. Auch heute gebe es starke politische Strömungen, die Menschen ausgrenzen würden. Widerspruch sei da angezeigt. Joy Müller-Thoma stimmt zu: „ Unbequem zu sein, erfordert Mut“, sagt sie. Mayers Vorbild könne einem Rückhalt geben.
Als vorbildlich empfindet sie auch dessen „Nähe zu den Menschen“. Für sich und ihre Familie leitet sie daraus den Auftrag ab, „ein Licht zu sein“ und sich um Mitmenschen zu kümmern. Diese gelebte Klarheit beeindruckt auch Stadtdekan Christian Hermes. Für ihn ist Rupert Mayer ein „Unbeugsamer, der uns Mut macht, offen zu unserem Glauben und unseren Werten zu stehen“.
Ein Vorbild auch in aktuellen Auseinandersetzungen
Rupert-Mayer-Ausstellung
Öffnungszeiten
Die von der Domgemeinde und dem Katholischen Bildungswerk organisierte Ausstellung im Atrium des Hauses der Katholischen Kirche in der Königstraße 7 wird am Freitag, 23. Januar, um 19.30 eröffnet. Sie zeigt Stationen im Leben des Ordensmannes – auch die frühen Stuttgarter Jahre, symbolisiert durch das hölzerne Schaukelpferd Mayers und seinen Primizkelch. Die Einführung hält der Passauer Theologieprofessor Christian Handschuh. Die Ausstellung kann bis 14. Februar von Montag bis Samstag von 9 bis 18.30 Uhr besichtigt werden. Der Eintritt ist frei. Bereits um 18.30 Uhr wird am Dom St. Eberhard dem ersten württembergischen Staatspräsidenten und Nazi-Gegner Eugen Bolz gedacht, der am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. jse