Sotirios Stavridis in seinem Laden in der Gutbrodstraße. Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Sotirios Stavridis betreibt einen Schachladen im Stuttgarter Westen. Im Interview spricht er über schräge Schachliteratur und erklärt, warum der Brettsport auch im Alltag hilfreich sein kann.

Herr Stavridis, trifft es zu, dass Schachspieler eigenwillige Typen sind?
Jein.
Das ist mehr Zuspruch, als ich erwartet hätte. Der Laie denkt, dass Schachspieler ständig in Gedanken Partien durchspielen.
Was mich betrifft, kann ich sagen: Beim Schachspielen selbst bin ich in einer anderen Welt. Und natürlich muss man eine Partie analysieren. Insofern kann es passieren, dass man ihr in Gedanken nachhängt.
Ist Schach nach wie vor eine Männerdomäne?
Männer machen den Löwenanteil aus, aber es kommen immer mehr Frauen auf Turniere. Früher kamen auf 300 Spieler zwei Frauen. Heute liegt der Frauenanteil bei etwa 20 Prozent.
Woher kommt das männliche Übergewicht?
Das ist vielleicht ähnlich wie bei anderen Berufen: Frauen kümmern sich mehr um die Familie, da kannst du keine Laufbahn als Großmeisterin aufbauen.
Warum waren die Russen früher so stark?
Weil sie Schach gefördert haben. In Schulen wurden Schachturniere veranstaltet, um Talente zu sichten. Wenn jemand auffiel, wurde er auf ein Schachinternat geschickt.
Ist Schach ein einträglicher Sport?
Nur die Top 20 der Welt, würde ich schätzen, können davon gut leben. Wenn einer ein Käpsele ist, wird er eher Ingenieur oder Anwalt. Zum Schach gehört nicht nur Talent, sondern auch Fleiß. Die Besten trainieren zehn bis zwölf Stunden am Tag.
Wie kommt man eigentlich auf die Idee, einen Laden für Schachbedarf zu eröffnen?
Ich habe den von meinem Vorgänger übernommen. Der hat dichtgemacht, ich war Kunde und fragte mich, wo ich künftig meine Schachbücher kaufen soll. Das war vor dreizehn Jahren und einem Monat.
Haben sie es schon mal bereut?
Sagen wir mal so: Der Einsatz ist hoch, was rumkommt, ist eher bescheiden.
Wer kauft bei Ihnen ein?
Vereinsspieler und engagierte Hobbyspieler, die was im Schach erreichen wollen.
Was ist das schrägste Buch, das Sie haben?
(Geht zum Regal, holt ein Exemplar heraus, dick wie ein Telefonbuch.) Was da drinsteht, ist für Sie Chinesisch. Da werden nur Eröffnungen beschrieben. Ohne Kommentare. Ein serbischer Verlag gibt das Buch seit 40 Jahren heraus. Selbst für mich als Schachspieler ist das ziemlich trocken.
Was lesen Sie?
Der größte Teil sind Eröffnungsbücher, allerdings mit Kommentaren. Es gibt 50, 60 Eröffnungen. Über jede Eröffnung gibt es nicht nur eines, sondern mehrere Bücher. Und über jede Variante einer Eröffnung gibt es auch Bücher.
Darum geht es in all den Büchern hier?
Nicht nur. Ich habe auch Bücher zur Taktik, zum Mittelspiel, zum Endspiel, kommentierte Parteien, Biografien von Spielern, Bände über Turniere.
Computer sind die besseren Schachspieler. Setzt das nicht das Spiel schachmatt?
Nein, man spielt ja gegen keine Maschine, das macht keinen Spaß, man spielt gegen Menschen. Dennoch haben Schachprogramme ihre Berechtigung. Wenn ich eine Partie gespielt habe, gebe ich sie in meinen Computer ein – der zeigt mir meine Fehler.
Der Computer als Lehrmeister?
Einer, der einen Demut lehrt. Wenn man eine Partie gewonnen hat, ist man stolz. Der Computer aber zeigt die Schwachstellen, so dass man sich eingestehen muss: Bei einem besseren Gegner hätte ich verloren.
Der Rechner hat also das Spiel verändert?
Extrem. Schachbücher sind fast fehlerfrei, weil sie von Computern überprüft sind. Außerdem kann man mit dem Rechner immer spielen. Mit anderen Trainingsmöglichkeiten steigt auch das Schachniveau.
Den Laien fasziniert, dass Spieler Züge vorausdenken, also gewissermaßen in die Zukunft schauen. Wie viele Züge sind es bei Ihnen?
Das hängt von der Stellung ab. Je mehr Figuren auf dem Brett sind, desto komplizierter ist es. Wenn nur noch wenige Figuren da sind, kann ich versuchen, meinem Gegner Züge aufzuzwingen. Dann kann ich weiter vorausdenken, so vier bis sechs Züge.
Von großen Schachspielern wird behauptet, dass sie extrem auf ihre Fitness achten.
Das ist so. Kasparow hatte stets einen Personal Trainer, der mit ihm zwei Stunden am Tag arbeitete. Es hilft jedem Spieler, wenn er körperlich fit ist. Dann wird das Hirn besser durchblutet, es bekommt mehr Sauerstoff und man wird nicht so schnell müde.
Was fasziniert Sie am Schach?
Dass es kein Glücksspiel ist. Es geht Geist gegen Geist. Schach ist Krieg, ohne körperlich zu kämpfen.
Vielleicht interessieren sich deshalb nicht ganz so viele Frauen für Schach?
Möglich, aber ich kenne auch Frauen mit Killerinstinkt.
Hilft Schach im Alltag?
Finde ich schon. Im Alltag muss ich oft Entscheidungen treffen. Beim Schach ist jeder Zug eine Entscheidung. Zudem lernt man, systematisch an Probleme heranzugehen. Der Gegner bedroht meine Dame. Also muss ich mich entscheiden: Ziehe ich meine Dame ab? Oder starte ich einen Gegenangriff? Schach hat mehr mit dem Leben zu tun, als mancher glauben mag.
Und Schach schult das Gedächtnis.
Das Gedächtnis, die Konzentrationsfähigkeit und das Vorstellungsvermögen. Topspieler können auch ohne Brett spielen, die spielen zehn Partien blind gegen gute Schachspieler – und gewinnen. Schach ist nach dem Musizieren die beste Möglichkeiten, gegen Alzheimer vorzubeugen.
Haben Sie als Schachspieler ein Ziel?
Ja, die Stärke eines Schachspielers bemisst sich nach der Elo-Zahl. Meine liegt bei 1900, ich würde gern 2000 schaffen. Der Weltmeister liegt bei über 2800.
Wie schaut es mit Nachwuchs aus?
Schach ist ein Nischensport. Aber dass die Schulen wegen der Ganztagesbetreuung auch ein Nachmittagsprogramm anbieten müssen, kommt uns entgegen. Da entdeckt so mancher seine Liebe zum Schach.
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