Frank Stäbler hat Olympia in Tokio im Visier. Foto: Baumann

Ringer-Weltmeister Frank Stäbler hungert sich beim „Projekt 67“ zur WM – und das Ganze nur wegen den Olympischen Spielen 2020.

Stuttgart - Wenn Frank Stäbler nach den Olympischen Spielen in Tokio im August 2020 seine Karriere beenden wird, könnte er ein wunderbares Diätkochbuch schreiben. Der Mann kennt sich aus mit abnehmen. Und wie. Stäbler lebt seit Monaten Oberkante professionell. Kein „weißer Industriezucker“, keine Kohlehydrate nach 18 Uhr, viel Chili und Ingwer und Jod für die Schilddrüse, „damit ich zum Verbrennungsmotor werde“, wie er sagt. Die ganze Plackerei nennt der dreifache Ringerweltmeister „Projekt 67“ und soll am Morgen des 15. September enden. Da wird der 30-jährige Sportsoldat vom KSV Musberg in der kasachischen Hauptstadt Nur-Sultan (bis vor kurzem: Astana) auf die Waage treten, die dann maximal 67 Kilo anzeigen darf. Kein Gramm mehr. Wenn er das schafft, ist er in seinem achten WM-Turnier, an dessen Ende sein vierter WM-Titel stehen könnte. Und das in der vierten Gewichtsklasse. Nach seinen Siegen 2015 in Las Vegas (66 Kilo) und 2017 in Paris (71 Kilo), gewann er vor einem Jahr in Budapest in der 72-Kilo-Klasse. Jetzt also wieder runter auf 67.

72 Kilo nicht mehr olympisch

Aber das nicht freiwillig. Stäbler hätte bei der WM ja auch wieder wie vor einem Jahr in der 72-Kilo-Klasse ringen können. Aber das hätte ihn um sein ganz großes und letztes Ziel als Leistungssportler gebracht. Frank Stäbler will bei seinen dritten Olympischen Spielen am 5. August 2020 seine Karriere mit einer Medaille krönen. Dafür lebt er bereits seit einem halben Jahr mit eiserner Disziplin und allenfalls mal einem Hauch von Kokosblütenzucker im Essen. Eingebrockt haben ihm das die Herren der Ringer, die beim olympischen Turnier die Gewichtsklasse 72 Kilo gestrichen haben.

Stäbler hätte versuchen können, sich für die 77 Kilo zu qualifizieren, da wäre er allerdings mit einem Basisgewicht von etwa 74 Kilo am Ende chancenlos. Also musste er aus der Kröte 67 das Projekt 67 machen. Der griechisch-römisch Spezialist hat ja auch früher schon 66 Kilo gerungen, aber das war eine andere Zeit.

Bis 2018 wurde das Gewicht am Abend vor dem Wettkampf gemessen. Der Athlet hatte also eine ganze Nacht Zeit, sich wieder Substanz zu holen. Jetzt geht es von der Waage direkt auf die Matte. Das heißt, man muss schon lange im Vorfeld sein Gewicht reduzieren und kurzfristig nur maximal drei Kilogramm durch Schwitzen abkochen. Mehr kann man kurz vor dem Wettkampf nicht kompensieren. „Das Projekt 67 ist sehr anspruchsvoll“, sagt denn auch Stäbler.

Keine Toleranz bei der WM

Und riskant, weil er nicht weiß, wie viel Power er mit 67 Kilogramm wirklich hat. Anfang August gewann Stäbler den hochrangig besetzten „Grand Prix of Germany“ in Dortmund, dort waren aber zwei Kilogramm Toleranz erlaubt. Bei der WM nicht, an beiden Tagen nicht. Am 15. und 16. September muss also alles sitzen – auch wegen Tokio. Die WM ist eine von nur drei Chancen, sich für das olympische Turnier zu qualifizieren. Ringt er um eine Medaille, ist er in Tokio dabei. Schafft er das nicht, muss er im Frühjahr 2020 im EM-Finale stehen oder danach in dem eines europäischen Qualiturniers. „Die Qualifikation für Tokio ist schwerer, als dort eine Medaille zu gewinnen“, sagt Stäbler.

Deshalb will der Routinier gleich die erste Chance bei den Weltmeisterschaften in Kasachstan nutzen. Dafür hat er monatelang so spartanisch gelebt, dass das Stück Torte an seinem 30. Geburtstag im Juni für ihn eine „Geschmacksexplosion“ war. Jetzt hofft er auf einen Leistungsschub und die Werte stimmen. Der Mann hat aktuell einen Körperfettanteil von sieben Prozent. Im Wettkampf werden es noch zwischen fünf und sechs Prozent sein. Gegenüber früher hat er weniger Muskelmasse, dafür um zehn Prozent bessere Ausdauerwerte.

„Ich bin nicht mehr so kräftig aber dafür agiler und schneller“, erklärt Stäbler. Und verletzungsfrei durch die Vorbereitung gekommen. Übrigens wieder im elterlichen Kuhstall als Trainingsdomizil, da sein alter Verein TSV Musberg mit Rückendeckung der Stadt Leinfelden-Echterdingen nach wie vor die KSV-Ringer aus städtischen Hallen aussperrt. Die Provinzposse lebt also immer noch, aber dank des Kuhstalls können sich aktiven Ringer auf die Oberliga und Frank Stäbler auf die WM vorbereiten.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: