Bewohner Srebrenicas vor den sterblichen Überresten ihrer Angehörigen, die jüngst geborgen wurden. Foto: imago/Pixsel Foto:  

30 Jahre nach dem Genozid an mehr als 8000 muslimischen Männern werden die Frauen und Mütter von Srebrenica in einem neu gebauten Seniorenheim betreut. Sie haben Furchtbares erlebt.

Vögel zwitschern. Ein leichter Wind streicht über die endlosen Reihen der weißen Grabstelen auf dem Gedenkfriedhof von Poticari. Sie besuche das Grab ihres vor 30 Jahren ermordeten Mannes Zaim, so oft sie könne, berichtet in dem nur wenige hundert Meter entfernten „Altersheim für die Mütter von Srebrenica“ die 78-jährige Hanifa Omerovic.

 

Ihr ältester Sohn habe bereits zu Beginn des Bosnienkriegs (1992-1995) sein Leben verloren und liege auf dem Stadtfriedhof begraben, erzählt die Witwe. Die beiden anderen Söhne lebten in den USA und in Deutschland. Sie würden sie zwar so oft wie möglich besuchen, „aber haben ihr eigenes Leben, ihre eigenen Verpflichtungen“: „Zwei unter der Erde, zwei in der Welt – und mich haben sie nun hier untergebracht.“ Es fehle ihr an nichts, versichert die von ihrem entbehrungsreichen Leben gezeichnete Frau mit dem Kopftuch: „Das Heim ist gut. Nur selbst geht es uns nicht mehr gut. Ich falle oft, habe Diabetes.“

Über die Schirme flimmern die Aufnahmen von ausgemergelten Männern, die von ihren Peinigern selbst vor ihrer Hinrichtung noch verhöhnt werden. Still betrachten Jugendliche in der zum „Memorial Center“ umfunktionierten Hauptquartier des früheren UN-Bataillon „Dutchbat“ in Poticari die Fotos und Filme, die von Europas schlimmsten Massaker nach dem Zweiten Weltkrieg künden: Nach der Einnahme der unter UN-Schutz stehenden Muslimenklave Srebrenica durch bosnisch-serbische Truppen unter General Ratko Mladic am 11. Juli 1995 wurden über 8000 Männer, Greise und Jungen in Massenexekutionen ermordet. Wie die Familie von Hanifa Omerovic hatten damals Zehntausende von Flüchtlingen auf dem Gelände des Dutchbat-Hauptquartiers Schutz gesucht. Doch nur die Frauen und ihre Kinder durften Srebrenica verlassen. Ihre Söhne, Brüder, Männer und Väter blieben zurück.

30 Jahre liegen die Taten zurück, die auch das Leben der überlebenden Angehörigen aus der Bahn warfen. Es waren die auf sich allein gestellten Mütter von Srebrenica, die jahrzehntelang mit Mahnwachen und Zeugenaussagen vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal gegen das Vergessen und für die Verfolgung der Kriegsverbrecher stritten – und die Einrichtung des Gedenkfriedhofs in Poticari erzwangen. Oft mussten sie jahrelang warten, bis die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen aus den Massengräbern geborgen und identifiziert werden konnten.

Fürsorglich stützen Pflegerinnen die betagten Frauen, die über den Hof des Altersheims zum Gemeinschaftsraum gehen. Die Jahre fordern ihren Tribut. Einige der Frauen sind bereits gestorben. Andere haben nun selbst Hilfe nötig. Die Idee für das im Mai 2023 eröffnete Altersheim für die nach Srebrenica zurückgekehrten Mütter sei 2016 entstanden, so Direktor Armin Majsterovic: „Srebrenica ist eine weitläufige Kommune. Viele Frauen lebten in abgelegenen Dörfern ohne Angehörige. Das Schlimmste war für sie die Einsamkeit: Oft sprachen und sahen sie bis auf sie Helfer wochenlang niemanden.“

Mit Unterstützung der niederländischen Pronk-Stiftung und anderer Geldgeber baute die in Srebrenica engagierte Emmaus-Bewegung ein Altersheim für die Mütter in der Region, die nicht mehr selbstständig leben können. Von den 118 Plätzen des Zentrums seien mittlerweile 39 belegt „und es werden immer mehr“, so Majstorovic: „Viele, die seit dem Krieg in anderen Landesteilen lebten, wollen ihre Tage in der Nähe der Gräber ihrer Angehörigen verbringen.“

Obwohl Ajkuna Huseinovic drei ihrer fünf Söhne durch den Genozid verlor und ein weiterer nach dem Krieg im niederländischen Exil an den Folgen des erlebten Traumas verstarb, hatte die 87-Jährige aus dem Drina-Dorf Lijesce noch Glück im Unglück. Ihr Mann Nezir sitzt im Altersheim noch heute neben ihr auf dem Sofa: Der Landwirt war bereits vor dem Fall von Srebrenica ins sichere Modrica und später in die Niederlande geflüchtet – und ist heute der einzige männliche Bewohner des Altersheims.

Die Überlebenden finden Gehör

„Wir hatten bis zum Krieg ein gutes Leben, fünf Söhne, fünf Häuser, drei Traktoren, zwei Autos. Aber alle unsere Besitztümer wurden niedergebrannt und zerstört“; erzählt sie. Dem erlebten Kriegstrauma folgte eine zermürbende Odyssee, die das Ehepaar erst elf Jahre lang in die Niederlande, dann in verschiedene Städte Bosniens verschlug. „Uns fehlte unser Dorf,“, erinnert sich Nezir an seine Flüchtlingsjahre. „Hier leben wir in der Nähe der Gräber unserer Söhne – und wird für uns gesorgt.“

Tränen treten Ajkuna in die Augen, wenn sie sich an ihre ermordeten Söhne Aziz, Esad und Mirsad erinnert. Leichter fällt es ihr, über den Alltag in ihrem neuen Heim zu sprechen. Alle seien sehr freundlich. „Auch die Gesellschaft mit den anderen Heimbewohnern tut uns gut. Es fehlt uns an nichts.“ Ein Arzt, ein Psychologe, angestellte und freiwillige Mitarbeiter würden sich um ihre Schützlinge kümmern, so Direktor Armin Majsterovic. Das hätten die Frauen nach ihrem schweren Leben verdient.