Dirk Zedler ist viel mit Gutachten beschäftigt, die er etwa für Gerichtsverfahren anfertigt. Foto: factum/Granville

Dirk Zedler ist Ingenieur und Fahrradfetischist. Und einer der wenigen öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für Fahrräder und E-Bikes. Er erlebt im Beruf eine ganze Menge – etwa bei Gerichtsverhandlungen.

Ludwigsburg - Das Faible fürs Fahrradfahren wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Ganz im Gegenteil. Dirk Zedler ist mit einem Kfz-Meister als Vater aufgewachsen, der noch dazu eine Fahrschule betrieben hat. Also ist der Junior mit viel Freude Auto gefahren und mit noch viel mehr Spaß auf dem Motorrad gesessen. Er hatte Benzin im Blut. Lange her.

Heute nimmt der 53-jährige Ingenieur für die Fahrten zu seinen Kunden entweder Busse und Bahnen – oder er fliegt, notgedrungen, denn seine Kundschaft arbeitet mitunter weit weg. Am liebsten schwingt sich Zedler aber auf eines seiner vielen Fahrräder. Der ehemalige Triathlet ist auch in seiner Freizeit am liebsten mit dem Rad unterwegs, mal mit der Familie, mal mit den Kumpels, mal allein. Jahr für Jahr radle er rund 10 000 Kilometer, sagt er.

Dirk Zedler ist einer der wenigen öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für Fahrräder und E-Bikes. Er betreibt in Ludwigsburg ein Ingenieurbüro für Fahrradtechnik, beschäftigt inzwischen fast zwei Dutzend Experten und hat Kunden in aller Welt. Wer sein Unternehmen, das in einem ehemaligen Fahrradladen in der Teinacher Straße beheimatet ist, besucht, muss hoch und heilig versprechen, niemandem zu erzählen, von welchen Herstellern die Räder sind, die in den Prüfständen in die Mangel genommen werden. Die namhaften Hersteller unter anderen aus Taiwan, aus Kanada und aus ganz Europa wollten nämlich keinesfalls, dass die Testergebnisse nach außen dringen.

Sein Ansporn: „Räder besser machen“

Was ist passiert mit Dirk Zedler? Wie kommt es, dass aus dem Mann, der einst auch für die kürzesten Strecken das Auto genommen hat, ein – man muss ihn wohl so nennen – Fahrradfetischist wurde?

Er fläzt in einem Ledersessel in seinem Büro, in dem an den Wänden ein paar schicke Fahrräder hängen, und grinst. Dann erzählt er von seiner Zeit bei der Bundeswehr, vom Studienbeginn. Beim Bund habe es für ihn nur zwei Möglichkeiten gegeben: „Laufen oder Saufen.“ Zedler wurde Sportler, lernte Triathleten kennen und nahm wenig später an seinen ersten Wettkämpfen teil. Als Student der Fachrichtung Kraftfahrzeugbau in Karlsruhe habe er dann schnell festgestellt, dass Radfahrer in der Stadt viel schneller unterwegs sind als Autofahrer. Wenig später fing Zedler an, nebenher im Fahrradgeschäft eines Kumpels in Ludwigsburg zu jobben. Damals startete er an Samstagen früh mit dem Rad in Karlsruhe, stand dann von 9 Uhr an in der Barockstadt hinter dem Tresen oder an einer Werkbank. Und nachmittags bikte er wieder zurück ins Badische.

Lange vor dem Ende des Studiums stand für ihn fest: „Ich will in der Radbranche arbeiten.“ Er wurde Geschäftsführer eines Radladens, merkte aber schnell: „Ich bin kein Händler.“ Zedler sagt, er wolle „Räder besser machen“. Und das tut er nun seit 1993 als Sachverständiger für Fahrräder. Damals erklärten ihm viele Skeptiker sinngemäß: so jemanden brauche doch kein Mensch. Die ersten Jahre als selbstständiger Einzelkämpfer seien in der Tat hart gewesen. Viel Arbeit, wenig Geld. Ohne die Unterstützung seiner Eltern hätte es wohl nicht geklappt. Bis 1998 fütterten sie den Filius durch. 1999 war die Wende, er strampelte sich frei, konnte von seiner Arbeit als Gutachter und als Autor für Radmagazine ordentlich leben. 2011 stellte Zedler den ersten Mitarbeiter ein.

Gefragter Experte bei Gerichtsverhandlungen

Das Geschäft brumme, sagt Zedler an diesem schmuddeligen Tag Ende Februar. Ist der trotz des miesen Wetters mit dem Rad zur Arbeit gefahren? Was für eine Frage, klar doch. Der Umsatz des Unternehmens steige von Jahr zu Jahr um rund 20 Prozent. Voriges Jahr seien 875 Unfallgutachten angefertigt worden, oft seien die Auftraggeber Versicherungen.

In den Gutachten wird etwa ermittelt, ob ein Fahrradrahmen tatsächlich – wie vom Biker behauptet – einfach so gebrochen ist, oder ob der Fahrer womöglich mit Volldampf auf ein Hindernis gefahren ist. Regelmäßig ist der Ludwigsburger Radexperte bei Gerichtsverhandlungen, dann geht es oft um sehr viel Geld, manchmal um Verletzungen nach schweren Unfällen.

Zedler sagt, die Expertisen der vergangenen Jahrzehnte seien „ein Wissensquell“. Er könne erklären, was warum kaputt geht und sei deshalb in der Lage Gerätschaften zu bauen, die wertvolle Testergebnisse lieferten. Zedler hat ungezählte Kataloge gesammelt. Er kennt fast alle Räder der vergangenen drei Jahrzehnte. Seine Mitarbeiter schreiben Betriebsanleitungen – in gut zwei Dutzend Spachen. Die angestellten Ingenieure und Facharbeiter entwickeln eigene Prüfmaschinen – das Unternehmen ist breit aufgestellt.

Viele Arbeitsstunden, große Zufriedenheit

Zedler sagt, er arbeite wöchentlich geschätzt 65 Stunden, sei aber trotzdem sehr zufrieden, dass er keinen gut dotierten Posten in der Automobilbranche habe, so wie viele seiner einstigen Mitstudenten. 2014 wurde sein Betrieb mit dem Mittelstandspreis für soziale Verantwortung in Baden-Württemberg ausgezeichnet, unter anderem wegen des Engagements in einer Förderschule in Marbach. Und das Landesverkehrsministerium kürte den Radguru kürzlich als „Held der Nachhaltigkeit“, weil er seine Mitarbeiter motiviere, möglichst oft mit dem Rad zu fahren.

Dirk Zedler sagt: „Wir leben in einer spannenden Zeit, denn wir müssen weg von der Benzin getriebenen Mobilität.“ Das Fahrrad, das vor rund 100 Jahren das Verkehrsmittel Nummer eins gewesen sei, erlebe eine Renaissance – auch wegen der immer stärker gefragten Pedelecs, der Räder mit Elektromotor. „Die Branche wird erwachsen“, und der Fachmann aus Ludwigsburg mischt dabei kräftig mit.

Sein nächstes größeres Ziel ist der für 2017 geplante Umzug des Betriebs in einen ökologisch vorbildlichen Neubau, also pünktlich zum 200. Geburtstag des Fahrrads, das 1817 von Karl Drais erfunden wurde. So eine Draisine, ein Holz-Laufrad von 1820, ist das älteste der 300 Bikes, die dem Selfmademan zusammen mit einem Kumpel gehören. Die schönsten und seltensten dieser Räder sollen im neuen Domizil in einer Ausstellung zu sehen sein.

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