Zurück zum Schulalltag wie vor Corona? Bitte nicht, sagt der Lehrer und Blogger des Jahres, Bob Blume. Wie eine zeitgemäße Schule seiner Meinung nach aussehen sollte, verrät er hier.
Bob Blume ist schon einige Jahre als Netzlehrer, wie er sich selbst nennt, auf seinem Blog und auf Twitter unterwegs. Wenn der 38-jährige Pädagoge eines baden-württembergischen Gymnasiums sich alternative Ideen für den Unterricht überlegt, diskutiert er diese im Vorfeld mit seiner Online-Community. Digitale Medien sind normaler Bestandteil seiner Schulstunden. Kürzlich wurde Blume von der Netzgemeinde zu Deutschlands Blogger des Jahres gekürt.
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Die Coronazeit hat seiner Meinung nach an Schulen vor allem viele der Schwächen offengelegt, die ohnehin seit Jahren behoben gehören – unter anderem die Tatsache, dass sich manche Eltern bei Erzählungen ihrer Kinder an die Art Unterricht erinnert fühlen, die sie selbst vor 30, 40 Jahren erlebt haben. In Blumes Buch „10 Dinge, die ich an der Schule hasse und wie wir sie ändern können“ (Mosaik Verlag) fasst er diese Dinge zusammen. Hier sind sechs seiner Ideen, wie er Schule im Jahr 2022 besser machen würde.
1. Der Stoff
„Und wie viel Stoff fehlt jetzt?“ Es war die Frage, die sehr viele Eltern nach den Corona-Lockdowns bewegt hat. Eine falsche Frage, wie Bob Blume findet. „Viel wichtiger wäre doch zunächst zu sehen, was haben die Kinder in dieser Zeit für Kompetenzen erworben?“ Immerhin mussten sie selbstständiger arbeiten, mit neuen, digitalen Methoden. „Meine Schüler haben sich beispielsweise im Chat darüber ausgetauscht, wer welche Rolle in einer Fabel liest. Sie haben ihre Aufgaben online präsentiert und sich gegenseitig verbessert“, sagt Blume, der an einem Gymnasium im baden-württembergischen Bühl Deutsch, Englisch und Geschichte unterrichtet.
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Blume würde sich wünschen, dass der Lehrplan auf die wirklich wichtigen Inhalte eingedampft würde. Dann wäre auch genügend Zeit, um Themen, für die sich Schüler besonders interessieren, zu vertiefen. Und Zeit, auf Aktuelles zu reagieren. „Schulstoff ist ohnehin keine objektive Größe. Deshalb sollte man lieber ein Bündel von Fähigkeiten, Wissen und Kompetenzen vermitteln“, sagt Bob Blume.
2. Der Unterricht
„Wenn alles schläft und einer spricht, das Ganze nennt man Unterricht!“ Es ist ein Spruch, der viele Schülergenerationen begleitet hat. „Eigentlich sind die Zeiten vorbei, in denen die ganze Schulklasse in Reih und Glied wie im 19. Jahrhundert im Klassenzimmer sitzt und der Lehrer Inhalte in sie hineinpresst“, sagt Bob Blume. Dass Unterricht dennoch häufig noch so abläuft, zeigen Schülerbefragungen, die dafür dann nicht viel mehr als ein „langweilig“ übrighaben. Bob Blume nimmt sich bei der Herangehensweise an den Unterricht Arbeitsgemeinschaften (AGs) als Vorbild: Die Schülerinnen und Schüler gehen dort gern hin, weil es freiwillig ist. Weil sie auf andere Schüler unterschiedlichster Altersklassen treffen, die ihre Interessen teilen. Weil nicht jeder genau das Gleiche machen muss und die Schüler auch mitbestimmen dürfen.
„Das Ziel von mir als Lehrer bei dieser Form des agilen Arbeitens ist, möglichst nicht gebraucht zu werden“, sagt Blume. Dass nicht alle Schüler diese Art von Unterricht mögen, hält er übrigens für ein gutes Zeichen: Anders als beim klassischen Frontalunterricht kann hier keiner mehr so leicht einfach wegdösen – jeder wird gebraucht und gefordert.
3. Die Noten
Bob Blume mag AGs auch deswegen so gern, weil Lehrer dort keine Noten geben müssen. „Und trotzdem bringen die Schüler teilweise enorme Leistungen.“ Für Blume ist das der Beweis dafür, dass Noten Schüler zu einem falschen Tauschgeschäft konditionieren. „Sobald es Noten gibt, lernt man nicht aus nachhaltigem Interesse, sondern um eine gute oder keine schlechte Note zu bekommen. Gibt es dann mal keine Noten, wird auch kein Grund gesehen, um zu lernen.“ Hinzu kommt, dass gerade Noten unter Klassenarbeiten nicht den Lern- oder Entwicklungsprozess abbilden, sondern eher das fertige Produkt als Momentaufnahme. Sobald die Note darunter steht, lässt sie daran auch nichts mehr ändern. Der Anreiz, sich zu verbessern, fehlt.
„Eine deutlich bessere Aussagekraft haben meiner Meinung nach differenzierte Rückmeldungen“, sagt Bob Blume. Es dauere zwar länger, jemandem ein ausführliches Feedback unter eine Arbeit zu schreiben statt einer einfachen Zahl zur Leistungsbewertung. „Danach weiß ein Schüler dafür aber, was schon gut klappt und wo er sich noch verbessern kann“, sagt Blume.
4. Die Eltern
Viele Eltern und Lehrer lernen sich zu spät kennen: nämlich dann, wenn ein Kind Probleme in der Schule hat. Obwohl beide Seiten dieses Problem gern lösen würden, kommt es nun nicht selten zu Unstimmigkeiten oder Streit. Damit das nicht passiert, empfiehlt Bob Blume, Eltern von Anfang an zu einem aktiven Teil der Schulgemeinschaft zu machen. Eine Möglichkeit hierzu seien beispielsweise regelmäßige Lernentwicklungsgespräche – durch die auch der Stellenwert von Noten relativiert werden kann. Dazu gehört auch, dass Eltern sich Gedanken darüber machen, was sie sich von der Schule erwarten, beispielsweise, dass das Kind die Freude am Lernen behält. „Immer nur nach dem Schulstoff zu fragen, ist zu wenig“, sagt Bob Blume.
5. Die Lehrer
Bob Blume ist das, was man einen engagierten Lehrer nennt. Er macht sich nicht nur ziemlich viele Gedanken darüber, wie ansprechender und zeitgemäßer Unterricht für seine eigenen Schüler aussehen könnte. Er teilt diese Ideen zusätzlich und aktiv mit einer großen Netzgemeinde, hält Vorträge, schreibt Bücher für Referendare, betreut AGs. Lohnen tut sich dieses Engagement nicht – weder in finanzieller Art, noch bekommt er dafür extra freie Stunden. „Es gibt im Schulsystem keine Anreize, sich mehr als nötig reinzuhängen. Wer es trotzdem macht, macht es meist aus reinem Idealismus“, sagt Bob Blume. Oft gelänge es engagierten Kollegen aber, andere mitzunehmen. „Und je mehr Kollegen sich reinhängen, umso anstrengender wird es für die, die sich nicht engagieren“, sagt Blume.
6. Die Digitalisierung
Kamera an, Frontalunterricht runterrattern: Auch das gab es im Homeschooling. Mit digitalem Unterricht hat das für Blume nichts zu tun. „Digitalisierung heißt nicht, dass man dasselbe digital macht, sondern dass sich die Möglichkeiten fundamental ändern.“ So könne man beispielsweise das Thema „Wie schreibt man einen Kommentar“ auch im digitalen Unterricht mithilfe eines Arbeitsblattes behandeln, welches die Schüler per E-Mail bekommen. „Ich habe meine Klasse im Netz reale Kommentare verfassen lassen und wir haben dann auch besprochen, wie man mit Reaktionen darauf umgehen kann“, sagt Bob Blume. Wenn sich die Welt verändert, so Blumes Meinung, dann müsse sich die Schule natürlich auch mit verändern. Kollegen, die sich diesen Veränderungen nicht stellen wollen, wirft er ein Haltungsproblem vor. „Allzu oft scheitert es aber tatsächlich auch an den fehlenden technischen Möglichkeiten und an zu viel Bürokratie.“