Ein komplexer Eingriff rettet einem bereits für tot erklärten Frühgeborenen im Zentrum für angeborene Herzfehler des Klinikums Stuttgart das Leben.
Im Rahmen einer pränatalen Untersuchung in der 22. Schwangerschaftswoche erfuhren Ann-Kathrin und Sven Kück, dass ihr Kind an einer kritischen Aortenklappenstenose litt. Dabei handelt es sich bei Ungeborenen um eine Verengung der Aortenklappe, die sich zwischen der linken Herzkammer und der Hauptschlagader befindet und den normalen Blutfluss in den Körper behindert. Dies kann zu einer zu hohen Belastung und schweren Schädigung der betroffenen Hälfte des Herzens führen. In der 27. Schwangerschaftswoche wurde deshalb an einer Universitätsklinik der Versuch unternommen, die verengte Aortenklappe mit einem Ballonkatheter zu erweitern. Dabei kam es zu einem Herzstillstand, der eine Wiederbelebung des Ungeborenen erforderlich machte. „Man hat mir dann dort erklärt, dass die Wiederbelebung leider erfolglos war und mein Kind tot sei“, erinnert sich die Mutter.
Spezialisten eröffnen neue Behandlungschancen
Ann-Kathrin Kück wollte ihr Kind aber in der Universitätsklinik „nicht still entbinden“, sondern lieber in ihrer Heimat, im Kreiskrankenhaus in Osterholz-Scharmbeck. Dort machte der Arzt zur Sicherheit vor der Einleitung der Geburt noch einen Ultraschall und stellte erstaunt fest: „Ihr Kind lebt, das Herz schlägt.“ Ann-Kathrin Kück konnte das nicht glauben, bis der Arzt den Ton angemacht hatte und ihr den Blick auf den Bildschirm ermöglichte. Dieses überraschende Ergebnis brachte die Eltern des Babys dazu, statt die Geburt einzuleiten, eine Überweisung an eine andere Universitätsklinik zu veranlassen. Dort wurde ein weiterer schwerer, nicht behandelbarer Herzfehler diagnostiziert; ein weiteres Herzzentrum bestätigte die Diagnose. „Da das Kind ohnehin versterben würde, wurden wir dort dann gefragt, ob ich das Kind noch bis zur 40. Woche austragen will, oder ob ich jetzt schon eine Geburtseinleitung wünsche.“ Doch die Eltern gaben nicht auf und nahmen mit Professor Kohl, Leiter des Deutschen Zentrums für Fetale Chirurgie an der Universitätsklinik Mannheim, Kontakt auf. Ann-Kathrin Kück: „Professor Kohl hat uns an Professor Kerst, Leiter des Zentrum für angeborene Herzfehler des Klinikums Stuttgart, überwiesen, als den Spezialisten für Kathetereingriffe bei angeborenen Herzfehlern.“
Lebensrettender Notfalleingriff direkt nach der Geburt
In der 34. Schwangerschaftswoche kam Fiete wie geplant per Kaiserschnitt im Klinikum Stuttgart zur Welt. Aufgrund einer schweren Beeinträchtigung des Körper- und Lungenkreislaufs musste er unmittelbar nach der Geburt intubiert und beatmet werden. Unmittelbar danach erfolgte im Kinderherzkatheterlabor der lebensrettende Notfalleingriff, bei dem nicht nur die verengte Aortenklappe erfolgreich erweitert, sondern auch eine ausreichend weite Vorhoflücke geschaffen wurde, um die geschädigte linke Herzkammer zu entlasten. Damit die rechte Herzhälfte den Körperkreislauf unterstützen kann, erfolgte ein Stenting des Ductus arteriosus. Außerdem wurden in die rechte und linke Lungenschlagader Flussrestriktoren implantiert, um den Blutfluss in den Körperkreislauf zu verbessern.
Das Klinikum Stuttgart ermöglicht erfolgreiche Behandlung
Der komplexe Eingriff verlief erfolgreich, sodass sich Fiete rasch erholte und bereits wenige Tage nach der Operation wieder ohne Unterstützung eigenständig atmen konnte. Einen Monat später konnten die Eltern ihren kleinen Jungen bereits mit nach Hause nehmen. „Ich bin so froh, dass wir hier in Stuttgart gelandet sind. Der Umgang mit Fiete und uns war immer professionell und gleichzeitig sehr persönlich – auf der Wochenstation und im Kinderherzzentrum“, sagt die Mutter und spricht von dem Wunder, dass ihr Sohn lebt.
Nur in wenigen Kinderherzzentren weltweit werden derartige Kathetereingriffe durchgeführt. Das Zentrum für angeborene Herzfehler des Klinikum Stuttgart ist eines davon. Professor Kerst: „Ich bin stolz auf die Expertise meines Teams. Es ist großartig, dass das Team für so schwer herzkranke Kinder immer alles gibt.“
Zentrum für angeborene Herzfehler Stuttgart
Dank moderner und innovativer Therapiemöglichkeiten erreichen immer mehr Kinder mit angeborenem Herzfehler das Erwachsenenalter. Das Zentrum für angeborene Herzfehler Stuttgart (ZAHF) ist spezialisiert auf die umfassende Versorgung aller Patienten mit angeborenen Herzerkrankungen – vom Neugeborenen bis zum Erwachsenen.
Umfassende Betreuung durch Experten unterschiedlicher Fachrichtungen
Im GBA-zertifizierten Kinderherzzentrum des ZAHF Stuttgart arbeitet die Klinik für Kinderkardiologie und pädiatrische Intensivmedizin interdisziplinär eng mit der Klinik für Kinderherzchirurgie und Chirurgie angeborener Herzfehler zusammen. Gegebenenfalls ergänzen Ärzte anderer Fachdisziplinen wie Neonatologen und Kinderchirurgen das Betreuungsteam. Im Zentrum für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler verstärken Kardiologen der Klinik für Herz- und Gefäßkrankheiten das exzellent aufgestellte interdisziplinäre Team.
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht die Versorgung aller Patientengruppen mit angeborenen Herzfehlern – vom Frühgeborenen bis zum Erwachsenen. Besonderen Wert legt das Zentrum auf eine kontinuierliche, vom Alter unabhängige Betreuung: So weit wie möglich steht den Patienten von der Geburt bis ins Erwachsenenalter „ihr" ärztlicher Ansprechpartner immer zur Verfügung.
Vorreiter in der Behandlung angeborener Herzfehler
2012 erhielt das ZAHF Stuttgart die Anerkennung als überregionales EMAH-Zentrum (EMAH steht für Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern). Es ist bundesweit eines der ersten Zentren, das diese Auszeichnung erreicht hat. Der bislang nur sehr kleine Kreis anerkannter Zentren hat seinen Grund: Das von drei medizinischen Fachgesellschaften – den Deutschen Gesellschaften für Kardiologie, für pädiatrische Kardiologie sowie für Herz-Thorax- und Gefäßchirurgie – vergebene Zertifikat setzt eine umfassende, anspruchsvolle Expertise voraus.
Weitere Informationen erhalten Interessierte auf der Webseite des Klinikums Stuttgart.


