Ein Jahr nach VfB-Abstieg Robin Dutt will zurück ins Geschäft

Von Gunter Barner 

Ex-VfB-Sportvorstand Robin Dutt: Auch der Suche nach neuen Aufgaben und Zielen Foto: Baumann
Ex-VfB-Sportvorstand Robin Dutt: Auch der Suche nach neuen Aufgaben und Zielen Foto: Baumann

Der Rauswurf nach dem Abstieg mit dem VfB Stuttgart schlägt ihm immer noch aus Gemüt. Aber Robin Dutt (52) kommt nicht los vom Fußball. Er sagt: „Auch ich brauche wieder Aufgaben und Ziele.“ Er will zurück ins Geschäft.

Stuttgart - Ob er mit sich im Reinen ist? Wahrscheinlich ist es genau die Frage, auf die Robin Dutt gewartet hat. Jedenfalls trudeln die Worte ins Aus – ohne Antwort. Als hätte man den Ball ein wenig zu scharf getreten. Er gießt sein Gesicht in Beton und sagt kühl: „Das Geschäft ist klar.“

Dutt reiht sich mit seiner Schmerztherapie ein in die Gilde der Gescheiterten, die sich lieber vierteilen lassen, als öffentlich darüber zu reden, welche Wunden geschlagen wurden, wie viele Verletzungen bleiben und welche Enttäuschung auch Menschen bereiten können, die man im Herzen als Freunde führt. Gefühle zu zeigen ist nun mal verpönt in der Branche, die ihre Helden auch deshalb gern auf Sockel hebt, um sich an deren Sturz zu delektieren. Viel lieber redet der frühere Sportvorstand des VfB Stuttgart über das Hier und Jetzt und über das, was die Zukunft für ihn noch bereithalten könnte. „Ein Vierteljahr war ich auf Regenerationskurs“, erzählt er, „ich habe den Fußball fast komplett ausgeblendet.“ Jetzt wagt er erste Annäherungsversuche.

Er interessiert sich für die digitalen Welten des E-Sports, er hat für einen befreundeten Kollegen das Nachwuchsleistungszentrum eines Clubs analysiert. Andere bitten um Rat bei geplanten Umstrukturierungen. Natürlich gab es Anfragen aus dem Ausland. Aber Robin Dutt ist ein Kind dieser Region, seine Frau führt einen Friseursalon in der Stadt, sein Sohn steckt mitten im Studium, vor Jahren kaufte er sich einen Bauernhof im Allgäu, er spielt Golf, geht gern mal Segeln auf dem Bodensee. Er sagt: „China ist in meiner Gedankenwelt zu weit entfernt.“

Es ist bald ein Jahr her, dass der VfB Stuttgart nach 41 Jahren mal wieder aus der Bundesliga absteigen musste. Und weil die Menschen gern einen Schuldigen suchen, wenn eine Welt zusammenbricht, senkten sich Mitte Mai 2016 viele Daumen – zunächst über Bernd Wahler, dann über Robin Dutt. Der Präsident trat zurück, als er ahnte, dass es für ihn beim VfB keine Zukunft mehr geben wird. Tage später musste auch der Sportvorstand gehen. Auch, weil es opportun für diejenigen war, die neben Dutt einen Teil der Verantwortung trugen: für die Aufsichtsräte, die selbst in arge Bedrängnis geraten waren, für die verbliebenen Vorstandskollegen, die um ihre Posten bangten, und für den Teil der Öffentlichkeit, der nach dem Skalp am Gürtel verlangte.

Beim VfB geht es um Zusammenhalt und Loyalität

Dutt sagt, dass es ein paar Dinge gibt, die ihm nie wieder passieren dürfen. Womöglich zählt dazu, dass er auf eine Verlässlichkeit vertraute, die in einem Geschäft nicht existiert, das sich kurzatmig daran misst, wie sich von Woche zu Woche die Tabelle präsentiert. Analysen, Konzepte und Personalpläne verlieren ihre Haltbarkeitsdauer, wenn der Zug scheinbar unaufhaltsam ins Verderben rauscht. Am Ende stehen die Clubbosse wie immer im Abteil der sportlich Verantwortlichen: mit der Hand an der Notbremse. Pfingstmontag war er noch Sportvorstand, tags darauf der Sündenbock. Aufsichtsratschef Martin Schäfer wählte seine Nummer: „Robin, es hat keinen Sinn mehr.“ Er erzählt, dass er sich jetzt wieder mehr um die Familie kümmern kann. „Die Balance zwischen Privatem und Beruflichem ist wieder in Ordnung.“ Er könnte es auch so ausdrücken: Und wie es in mir drin aussieht, geht keinen etwas an.

Der VfB Stuttgart steht kurz vor dem Wiederaufstieg. Dutt formuliert es prosaisch: „Der VfB war von Anfang an der erklärte Favorit, mit dem besten Kader.“ Den Blick nach vorn verkneift er sich lieber. So viel sagt er dann aber doch: Beim VfB gehe es ja immer auch um den inneren Zusammenhalt und um Loyalität. Er rät zum Blick auf die Bundesliga-Tabelle: „Neben den Bayern und Dortmund stehen dort Teams, die strategisch denken und ihren Club seit Jahren entwickeln.“ Diese Chance wurde ihm verwehrt – entgegen aller Beteuerungen.

Kein Zweifel: Die Enttäuschung sitzt immer noch tief. Immerhin muss sich der gelernte Industriekaufmann finanziell keine Sorgen machen, die Liga geizt nicht mit Abfindungen. Aber er ist noch jung. Dutt kaut auf den Lippen und sagt: „Mit 52 geht man doch noch nicht in Rente. Irgendwann brauche auch ich wieder Aufgaben und Ziele.“

Während der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich fuhr er mit der MS Europa übers Mittelmeer – als TV-Experte auf einem Kreuzfahrtschiff auf hoher See. Heribert Bruchhagen, Ex-Vorstand in Frankfurt, jetzt Boss beim HSV, war mit an Bord und Rainer Bonhof, Vizepräsident bei Borussia Mönchengladbach. Die abendlichen Talkrunden mit Jörg Wontorra vor Zuhörern in Urlaubsstimmung schlugen naturgemäß wenig Wellen, interessant wurden sie wohl erst danach im Feuchtbiotop an der Bar. Die Öffentlichkeit schätzt nun mal keine Verlierer. Als Dutt nach langer Zeit mal wieder im sonntäglichen „Doppelpass“ zu sehen war, twitterte ein VfB-Fan: „Dass der sich überhaupt noch etwas zu sagen traut . . . Er ist schuld am Abstieg.“

Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Natürlich hat Dutt Fehler gemacht. Er verpflichtete Alexander Zorniger in der festen Überzeugung, die normative Kraft des Faktischen in der Bundesliga werde den ungestümen Trainer schon bändigen. Er versäumte es, die behäbige Abwehr frühzeitig zu verstärken, und er versuchte nach dem Abstieg vor laufenden Kameras rational die Zusammenhänge einer schon vor Jahren eingeleiteten Misere zu erklären, statt in der emotional aufgeputschten Atmosphäre, ohne zu zögern, die Verantwortung zu übernehmen.

Was läuft falsch, wenn ein junger Trainer erst wie eine Rakete in den Himmel steigt und nach Art einer Sternschnuppe wieder verglüht? Bei den Stuttgarter Kickers formte er nach der Jahrtausendwende aus einer biederen Mannschaft ein schlagkräftiges Team, beim SC Freiburg meisterte er die heikle Ära nach dem alles dominierenden Volker Finke, sogar der Aufstieg in die Bundesliga gelang (2009). Der Beste seines Trainerlehrgangs (1,4) stand an oberster Stelle auf der Wunschliste des damaligen VfB-Managers. „Er ist einer dieser modernen Trainer, die die Sprache der Spieler sprechen. Mit ihnen kann man einen Verein entwickeln“, lobte Horst Heldt. Er hatte Dutts Arbeit über Monate beobachten lassen. Aber der Umworbene schüttelte hartnäckig den Kopf: „Ich pflege meine Verträge einzuhalten.“

Robin Dutt zieht es zurück zum Fußball

Eine ehrenwerte Haltung, die er aber in die Tonne trat, als er von seinem Posten als Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) nach knapp einem Jahr auf die Trainerbank bei Werder Bremen flüchtete. Die Pinselmalerei auf Power-Point-Folien erschien ihm dann doch zu dröge. Über die Geschehnisse, die sein Scheitern bei Bayer Leverkusen und beim SV Werder bewirkten, spricht er heute nicht mehr. Kein Geheimnis ist aber, dass ihn die Bayer-Bosse um Rudi Völler zunächst ermunterten, die Mannschaft entschlossen zu verjüngen. Als sich die Platzhirsche um Michael Ballack dann auf die Hinterbeine stellten, wurde es schnell einsam um den noch unerfahrenen Coach Robin Dutt. Als in Bremen die Ergebnisse nicht mehr stimmten, tuschelten die Verantwortlichen von fehlender Empathie. Man ist sich im Profifußball, noch mehr als sonst, eben selbst am nächsten.

Als er die Stelle als Sportvorstand beim VfB Stuttgart antrat, hatte er sich intensiv vorbereitet, zahlreiche Gespräche geführt, das Innenleben des Clubs studiert. Er erkannte die Chance, sah aber auch das Risiko. Nach einem halben Jahr und dem verhinderten Abstieg gab er eine Pressekonferenz, in der er sich im Eifer schwer verirrte. Manches klang so, als wolle er sämtliche Missstände im Verein seinem gefeuerten Vorgänger Fredi Bobic in die Schuhe schieben. Schon am Tag darauf rückte er seine Aussagen zurecht: „Ich wollte niemand die Schuld zuweisen.“ Aber die Liga hat ein langes Gedächtnis. Am Ende seiner VfB-Dienstzeit zückten seine Kritiker die Sätze von früher wie Waffen – und zielten auf ihn.

Es ist mehr schief- als gut gelaufen in der Laufbahn des Fußballtrainers und -managers Robin Dutt. Vielleicht auch deshalb, weil er als Spieler die dünne Luft in den Gipfelregionen des Fußballs selbst nie atmen durfte und den versteckten Fouls der Protagonisten nicht vorzubeugen verstand. Wer ihn in der zweiten Saison beim VfB erlebte, schildert ihn als misstrauisch, bisweilen als unnahbar und wenig kritikfähig. Dabei war er noch immer der Mensch, den sie Monate zuvor als das fachlich kompetente und sympathische Gesicht des Vereins lobten, als Kommunikator und als guten Analytiker mit Blick für die Zukunft. Tempi passati.

Man muss kein Mitleid haben mit Robin Dutt. Aber wer seine Geschichte analysiert, beginnt zu verstehen, woran die Branche krankt. Kaum ein Verein hat mehr den Mut, die Kraft und das Durchsetzungsvermögen, die Dinge nachhaltig zu entwickeln. Beim ersten Hauch einer Krise fliegt der Trainer, der Manager wird ausgewechselt. In der Mehrzahl der Fälle ohne nennenswerten Erfolg. So verbrennen die Clubs Jahr für Jahr die Millionen ihrer Sponsoren.

Ausnahmen wie der SC Freiburg bestätigen die Regel. Robin Dutt zieht es trotzdem zurück zum Fußball. Er sagt: „Bedingung wäre jedoch, dass man Zugesagtes auch umsetzen kann.“ Ein frommer Wunsch, denn das Geschäft ist klar – klarer denn je.

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