Impfen, Impfen, Impfen: Vor einem Jahr begann die Kampagne, die den Weg aus der Pandemie bahnen sollte. Christine Helbig war die Erste im Land, die die Spritze gegen Corona bekam. Wie ist es ihr ergangen?
Stuttgart - Auch wenn sie kaum jemand erkennt, kann man sagen, dass Christine Helbig eine Berühmtheit ist. Sie, die Pflegerin am städtischen Klinikum, ist diejenige, die als Erste im Land offiziell gegen Corona geimpft worden ist. Am 27. Dezember 2020 ist das gewesen. Um 13.19 Uhr kam in der Stuttgarter Liederhalle die Spritze in ihren Arm – und sie damit in Tageszeitungen, ins Fernsehen, ins Internet. Mit Maske versteht sich. „Ich war gefühlt überall“ sagt Christine Helbig, die an diesem Vormittag Anfang Dezember zu Hause ist, und wieder eine Maske trägt. Sie ist schwanger, bis zur Geburt ist es nicht mehr lang.
Man könnte sagen, in den vergangenen zwölf Monaten hat sich viel verändert in ihrem Leben. Aber leider ist es auch so, dass sich vieles auch nicht verändert hat. Christine Helbig sagt: „Es ist verrückt.“
Kein großes Fest, keine weite Reise
In der kleinen Dachgeschosswohnung gibt es einen hübsch geschmückten Christbaum und einen Adventskalender, in dem mehr steckt als Schokolade. Eine Wiege steht bereit und eine Wickelkommode. Im Flur wächst ein Bücherregal an die Decke, an der Wand hängen Fotos. Mit schönen Landschaften und geliebten Menschen.
Was es nicht gibt, sind Fotos vom großen Hochzeitsfest und vom türkisfarbenen Meer in Key Biscayne oder den Palmen am Ocean Drive von Miami. Weil es kein großes Hochzeitsfest gab. Und im Anschluss keine Hochzeitsreise nach Florida. Es ging nicht wegen Corona. So wie Monate zuvor schon die Trauung beim Standesamt nicht ging, zumindest nicht wie geplant. Und so wie jetzt Treffen mit Freunden nicht gehen, oder allenfalls maskiert, geimpft und vielleicht sogar getestet. Sicher ist sicher.
Chaos und Ärger
Das ging und geht vielen so. Aus Christine Helbigs Mund dringt kein Wort des Klagens. „Mir geht es gut“, sagt sie, strahlt und streichelt ihren Bauch. Aber, das kann man leicht vergessen: Alles sollte ja längst anders sein. An jenem 27. Dezember in der Liederhalle war die Rede vom Wendepunkt, von der Rückkehr zum gewohnten Leben.
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Stattdessen gab es erst mal nicht genügend Impfstoff. Dafür Chaos bei der Terminvergabe. Es folgten das Hickhack um Astrazeneca und dann lästiger Streit, weil plötzlich so viele Ärzte impfen durften und neues Terminchaos herrschte. Und immer, wenn es doch mal gut zu laufen schien, lief es doch nicht. Zu allem Überfluss machten im September die Impfzentren dicht – kurz bevor sie so richtig nötig gewesen wären.
Die Christine Helbig von vor einem Jahr hätte gesagt, dass man etwas gnädig sein und Verständnis für die Politik haben müsse. Niemand habe Erfahrung mit einer Pandemie gehabt. Aber die Christine Helbig von heute sagt auch, dass man nach einem Jahr doch genügend Erkenntnisse haben könnte, um Entscheidungen treffen, die raus führen aus dieser Pandemie. Christine Helbig spricht sanft und höflich. Trotzdem kann man hören: Hier hat sich etwas geändert.
Wenn Christine Helbig über ihre Arbeit spricht, sagt sie Sätze wie: „Ich liebe es, zu arbeiten.“ Oder: „Ich möchte, dass sich unsere Patienten gut aufgehoben fühlen.“ Christine Helbig ist Pflegerin im Stuttgarter Klinikum. Außerdem hat sie eine onkologische Zusatzausbildung. Normalerweise kümmert sie sich um Patienten, denen die Mandeln oder Karzinome im Hals-Rachen-Bereich entfernt wurden. Doch als das Virus kam, wurde ihre HNO-Klinik zur Coronaklinik – und Christine Helbig zu einer jener Personen, die von Balkonen aus beklatscht wurden.
Eine zehrende Zeit
Christine Helbig muss sich nun in einen Panzer aus Schutzkleidung packen, weil die Arbeit so gefährlich geworden ist. Das mulmige Gefühl, die Sorge vor der Ansteckung bleibt trotzdem. Christine Helbig hört, wie Menschen japsen, weil sie keine Luft bekommen. Sie vermittelt letzte Telefonate mit Angehörigen, weil die Gefahr groß ist, dass der Ehemann oder die Ehefrau nicht überlebt. Christine Helbig hilft beim Drehen und Wenden, sie wechselt Katheterbeutel, kontrolliert Schläuche, schiebt Schicht um Schicht und kann doch nicht verhindern, dass Patienten sterben. In einer besonders schlimmen Woche waren es zwölf. „Man gibt, gibt, gibt – und dann hat’s nichts gebracht“, sagt die Fachkraft, deren Kraft in dieser Zeit oft auch knapp wird.
In dieser Zeit, im Frühjahr 2020, breitet sich das Virus anscheinend ungehindert aus. Kliniken verhängen Besucherstopps, verschieben Operationen und fahnden nach freien Intensivbetten und Beatmungsgeräten. Impfstoff gibt es noch keinen.
Tragische Wiederholungen
Heute, im Winter 2021, gibt es mehrere Impfstoffe. Doch das Virus breitet sich noch immer ungehindert aus, so scheint es. Kliniken verhängen Besucherstopps, verschieben Operationen und müssen Patienten sogar in andere Häuser fliegen lassen. Die Suche nach Intensivbetten ist mühsamer geworden, weil es zu wenig Personal gibt, das sich um die Kranken kümmern kann. Viele Fachkräfte haben in den letzten eineinhalb Jahren gekündigt.
Christine Helbig, die seit April nicht mehr arbeiten darf, könnte nun sagen: „Ich bin gottfroh, dass ich mit diesem Schlamassel nichts zu tun habe.“ Aber das sagt die 31-Jährige nicht. Sie sagt: „Ich würde am liebsten mitarbeiten, um die Leute zu unterstützen.“ Und dass sie auf jeden Fall in ihren Beruf zurück möchte. Wenn alles klappt, ist sie im Frühjahr 2023 zurück. Das klingt schier unglaublich, aber doch auch sehr beruhigend.
Böse Kommentare im Netz
Am Tag nach ihrer Impfung, hat sich Christine Helbig all die Zeitungen gekauft, auf denen sie abgebildet war. Titelgirl wird man ja eher selten. Und sie hat im Internet die Berichte von diesem besonderen Tag gelesen. Und anfangs auch die Kommentare, die dazu gepostet wurden. Es waren nicht nur solche, die sich für sie freuten. „Diese Impfung ist reiner Selbstmord“, schrieb eine Facebook-Nutzerin. Jemand postete ein Foto von einem Sarg. Eine andere wünschte: „Viel Spaß mit dem Gift“. Es war paradox: All die Monate, in denen das Virus fast ungehindert wütete, wurde ein Impfstoff herbeigesehnt. Und dann, als er da war, war ist die Erleichterung eher verhalten. Da sind die einen, die Bedenken haben, weil alles so schnell ging. Da sind aber auch die, die behaupten, der Impfstoff verändere die DNA, mache unfruchtbar oder enthalte Mikrochips – und die dem berühmten ersten Impfling aus Stuttgart wünschen, er möge an der Impfung „verrecken“.
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„Es ist traurig, wie viel Hass da entsteht“, sagt Christine Helbig, die irgendwann aufgehört hat, die Kommentare zu lesen.
Doch natürlich ist der Hass deshalb nicht weg. Fast überall in Deutschland werden Impfzentren beschmiert und Impfaktionen gestört. Mitarbeiter der Bahn werden angegangen, wenn sie die Coronaregeln kontrollieren. An einer Tankstelle in Idar-Oberstein wird ein Kassierer erschossen, weil er den Kunden aufgefordert hatte, eine Maske zu tragen. Und da sind der Fackelmarsch in Sachsen, die Morddrohungen gegen den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und die Gewalt gegen Polizisten bei unangekündigten Demos in Reutlingen, Mannheim und anderswo. Und, und, und.
Fackeln, Hass und Gewalt
Wenn man das so sieht im Rückblick, was alles nicht besser geworden ist, muss man eigentlich fragen, ob es hätte schlimmer werden können.
„Ich hoffe, es geht vorbei“, sagt Christine Helbig an diesem Vormittag Anfang Dezember in ihrem Wohnzimmer. Und natürlich meint sie nicht nur Corona.
Ein neues Leben
Keine drei Wochen später soll ihr Kind zur Welt kommen. Es wird ein Junge. Mit dem Schutz der Booster-Impfung, die sich Christine Helbig Anfang Dezember geholt hat. Bei Helbigs, das ist sicher, wird jetzt alles anders. Und vieles, so ist zu vermuten, auch schöner.