Ein heller Stern in der Fernsehgeschichte

Von "Stuttgarter Nachrichten" 

Wer über die Qualität im Fernsehen diskutiert, darf die Menschen im

Wer über die Qualität im Fernsehen diskutiert, darf die Menschen im Hintergrund nicht vergessen. Und so hat die Nachricht, dass Reinhart Müller-Freienfels, von 1961 bis 1985 Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel des Süddeutschen Rundfunks, am vergangenen Donnerstag im Alter von 85 Jahren gestorben ist, ein europaweites Echo ausgelöst. Hintergrund ist Müller-Freienfels" Engagement für das Fernsehspiel als eigene Kunstform und für experimentelle Eigenproduktionen in den Stuttgarter Fernsehstudios. Stellvertretend für die Stimmen der Kulturszene erinnert der in Paris lebende Kunstwissenschaftler und Kunstvermittler Werner Spies für unsere Zeitung an Reinhart Müller-Freienfels.

"So einen wichtigen Mann kann man nicht vergessen. Die großartige Geschichte der Verbindung zwischen Samuel Beckett und Stuttgart ist eng mit ihm verbunden. Als ich zu Beginn der 1960er Jahre Beckett kennenlernte, schrieb er mir bald im Auftrag des Süddeutschen Rundfunks Hörspiele. Immer wieder reiste er an, um in Stuttgart die Inszenierungen zu überwachen. Doch zum großen Erlebnis wurde die Begegnung mit Reinhart Müller-Freienfels. Dessen Vorschlag, Beckett möge doch für den Sender ein Fernsehspiel schreiben, faszinierte Beckett. Er übergab mir 1966 das Stück ,Eh Joe". Müller-Freienfels, von allen Freunden, darunter auch Beckett, der ihn liebte und ihm vertraute, Thomas gerufen, lud uns alle nach Stuttgart ein. Elmar Tophoven übersetzte den großartigen Text, und Nanc Illig flüsterte aus dem Off dem Schauspieler Deryk Mendel diesen richtiggehend apokalyptischen Text zu. Wir sehen nur das Gesicht des Schauspielers, das während einer fast halbstündigen Selbstbezichtigung mehr und mehr das Bild füllt. Es war die erste elektronische Produktion des Senders. Das Stück musste ohne Schnitt, ohne Korrektur durchgezogen werden. Bruce Nauman war von dieser Produktion tief beeindruckt. Sie fiel in die Zeit, da die Videokünstler dieses neue Medium entdeckten. An die 14 Tage dauerten die Aufnahmen, die alle, Müller-Freienfels, Beckett, Sprecher, Darsteller und die Beteiligten im Studio, in eine selten erlebte Spannung versetzten. Der Auftritt Becketts ist große Fernsehgeschichte. Sam war dafür Thomas zeitlebens dankbar. Alle Stücke, die er von nun an schrieb, gingen zuerst an den Süddeutschen Rundfunk. Dazu gehörten ,Quadrat I und II", ,Nacht und Träume", ,Schatten" oder ,Was wo". Und jedes Mal reiste Beckett aus Paris an, wohnte im Parkhotel und wanderte am Morgen zu seinen Freunden in die Villa Berg.

Ohne Müller-Freienfels" Intelligenz und ohne dessen Fähigkeit zur Freundschaft wären diese einzigartigen Produktionen nicht zustande gekommen. Beckett erlebte Momente des Glücks, und diejenigen, die das miterleben durften, werden dies nie vergessen. Reinhart Müller-Freienfels gehörte zu den wenigen, die Beckett auch in seinen letzten Lebensjahren immer wieder sehen und empfangen wollte."

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