Balingen gelingt der große Wurf – mit Pascal Hens.  Foto: Baumann

Ab in den Süden: den Handball-Weltmeister Pascal Hens hat es zum Bundesligisten HBW Balingen-Weilstetten verschlagen. Mit dem Abstiegskandidaten will der Ex-Hamburger aber nochmals angreifen.

Balingen - Runar Sigtryggsson ist fein raus. Balingens neuer Handballtrainer hat jedenfalls verkündet: „Wenn ich sage, dass ich aus Island stamme, bekomme ich jede Wohnung“, sagt er zu der durch die Fußball-EM beschleunigten Suche in seiner neuen schwäbischen Heimat. Pascal Hens muss sich schon etwas intensiver umschauen, aber er sagt: „Ich brauche ja nichts Großes.“

Schließlich ist er allein in der Stadt. Ab in den Süden. Was in Anbetracht der beginnenden Sommerferien gerade für die Urlauber gilt, hat sich auch im Handball zu einem Trend entwickelt. Nachdem bereits im Winter Johannes Bitter sich dem TVB Stuttgart anschloss, folgte der nächste Hamburger Weltmeister von 2007 der sich nach Württemberg orientierte: zum HBW Balingen-Weilstetten.

Die Verpflichtung sorgte für Aufsehen, schließlich sind die Gallier von der Alb, wie sie sich selbst nennen, nach zehn Jahren Bundesligazugehörigkeit zwar eine feste Größe, aber jedes Jahr auch aufs Neue ein Abstiegskandidat. Kein Problem für Hens, obwohl er in seiner Karriere immer um Titel gespielt hat: Meister, Pokalsieger, Champions-League-Gewinner, Europapokal der Pokalsieger, Supercupsieger, der Medaillensatz im Verein ist ebenso komplett wie in der Nationalmannschaft, wo nicht nur der besagte WM-, sondern auch ein EM-Titel und Olympia-Silber dazu kamen. „Das ist auch eine Einstellungssache“, sagt er zu seinem neuen Stadort. „Bundesliga ist einfach eine Herausforderung, egal, wo man spielt“, betont der Rechtshänder, der im linken Rückraum zuhause ist. Und just da hatte der HBW Handlungsbedarf. Ex-Nationalspieler Fabian Böhm zog’s zum Ligarivalen Hannover und den nicht minder profilierten Olivier Nyokas in seine Heimat nach Nantes. Also knüpfte der Manager Wolfgang Strobel die Kontakte, „aber ich hätte ihn nicht verpflichtet, wenn ich nicht den Eindruck gehabt hätte, dass er darauf brennt, hier zu spielen“.

Strahlkraft des Weltmeisters

Und auch Ecki Nothdurft, Co-Trainer und Balinger Urgestein, machte sich für die Verpflichtung stark. Grund? „Zum einen wegen seiner Strahlkraft“, mit der er auch eine mediale Aufmerksamkeit erzeugen wird, „zudem wird er den jungen Spielern Schatten spenden.“ Soll heißen ihnen Freiräume schaffen, denn neben Hens ist die Königsposition mit dem talentierten Schweden Markus Stegefeldt besetzt sowie dem Eigengewächs Jan Remmlinger.

Hens weiß um die Erwartungshaltung, aber er will sich nicht unter Druck setzen lassen. „Ich habe gemerkt, dass mir Handball noch Spaß macht.“ Und da eine neue Lebensaufgabe noch nicht feststand („nach drei Wochen wäre ich mir selbst auf den Wecker gegangen“), geht’s weiter. Woche für Woche. Zumal er sich vergangene Saison ohne internationale Verpflichtungen in Nationalmannschaft und Europacup wieder putzmunter gefühlt hat, nachdem es zuvor doch immer mal wieder wo zwickte. Die urgewaltige Sprungkraft des (ohne Irokesenschnitt) 2,03 Meter großen Handballers provozierte geradezu körperlich Attacken der Gegenspieler, das blieb nicht ohne Folgen. So lauten auch die Bedenken einiger Fans: zu anfällig, zu alt. Strobel verwirft sie: „Er bringt sich hier voll ein.“

Bittere Erinnerung an Hamburg

Das wird auch nötig sein. Denn nach einer verkorksten Saison in der gerade noch der Klassenverbleib geschafft wurde, gilt es, nicht wieder zu sehr in den Abstiegssog zu geraten. „Das wird nicht leicht“, weiß Hens, weil diesmal wohl kein Platz an einen insolventen Verein fallen wird, wie es zuletzt beim HSV Hamburg der Fall. Und Hens war mittendrin, statt nur dabei. So wollte er sich nicht verabschieden von der großen Handballbühne. „Das war schon sehr, sehr bitter.“ Gerade für ihn. Hens war Hamburg. 13 Jahre lang spielte der gebürtige Hesse dort, so lange wie kein anderer Spieler. Ein Wandervogel sieht anders aus. „So mitten in der Saison Schluss zu machen, ist schon verdammt hart.“

Doch es kam noch schlimmer. Nachdem er übergangsweise für drei Monte nach Dänemark ging, wo er dem HC Midtjylland zum Klassenverbleib verhalf – und nebenbei auch noch zum Pokalsieg. schien ein Neuanfang in Hamburg greifbar nahe. Denkste! Obwohl der HSV in der dritten Liga Nord einen Neuanfang startet, legte man auf Hens (oder auch Bitter) keinen Wert. „Das kann ich nicht nachvollziehen“, sagt der zweifache Familienvater, dessen Frau und Kinder im Norden blieben, „zumal ich mit meinem Namen bei Sponsoren sicher etwas hätte bewirken können.“ Die Enttäuschung schwingt in den Worten mit.

Doch für Wehmut bleibt keine Zeit. Das Training ruft – der Muskelkater auch. Doch nach knapp drei Wochen Vorbereitung ist das inzwischen kein Thema mehr. „Ich freue mich schon auf die tolle Atmosphäre hier“, sagt Pascal Hens, den alle in der Handballwelt nur „Pommes“ rufen. Die gab es bisher in Balingen allenfalls am Imbissstand der Sparkassenarena. Jetzt macht Pascal Hens Appetit auf mehr. Doch der kann nur bedingt gestillt werden. „Unsere Dauerkarten sind sowie alle verkauft“, sagt Strobel. Mit und ohne Hens.

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