Es blieb ihnen nicht viel gemeinsame Zeit: Anna und Adolf Zanker Foto: Privat

Adolf Zanker wollte nicht töten und wurde deshalb im Januar 1944 von den Nazis ermordet. Ein Buch erinnert nun an den einfachen Bauern aus Gruibingen. Herausgegeben hat es der frühere Schuldekan Christian Buchholz.

Gruibingen - Er hat sich geweigert, Kriegsdienst zu leisten und zu töten – dafür hat er mit seinem Leben bezahlt. Mit Leuten wie Adolf Zanker (1910 bis 1944) machten die Nationalsozialisten einst kurzen Prozess. Nach wenigen Monaten Haft richteten sie den Bauern aus Gruibingen, der nicht eine Sekunde in seinem Entschluss wankte, mit dem Fallbeil hin. Christian Buchholz hat das Schicksal dieses Mannes, der ein Zeuge Jehovas war, mit einem Buch dem Vergessen entrissen. Der 68 Seiten umfassende und mit 13 Fotos bebilderte Band „Deine Tränen sind auch meine …“ erscheint am 25. November im Göppinger Manuela-Kinzel- Verlag.

Sütterlinschrift muss „übersetzt“ werden

Das Herzstück des Büchleins sind 15 Briefe, die Adolf Zanker während seiner Haft im sächsischen Torgau an seine Frau Anna schrieb. Christian Buchholz, der frühere evangelische Schuldekan von Göppingen und Kirchheim, hat sie zufällig in die Hände bekommen. Während seiner Arbeit an einem anderen Buchprojekt war er in der Gruibinger Ortschronik zum ersten Mal auf das Schicksal Adolf Zankers gestoßen und hatte dessen Enkelin Anita Beretovac kennengelernt. Als diese im Nachlass ihrer Mutter Berta die Briefe in einem alten Lederfutteral fand, ahnte sie zunächst nicht, auf welches wertvolle Dokument sie gestoßen war. Denn die Seiten waren in Sütterlinschrift beschrieben.

Mit der Bitte, einen dieser Briefe in die heutige Schrift zu übertragen, wandte sich Anita Beretovac an Christian Buchholz. Dieser machte sich, unterstützt von seiner Frau Marie-Luise Buchholz, ans Werk. „Dieser Brief hat uns bewegt, er war sehr persönlich, sehr emotional“, erzählt er. Deshalb sei es naheliegend gewesen, alle Briefe zu transkribieren und in einem Buch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um diesem einfachen Mann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihm wieder ein Gesicht zu geben, wie Buchholz sagt. „Wir wissen von berühmten Widerständlern des Dritten Reiches, aber es gibt so viele Unbekannte, die auf ihre Weise der NS-Diktatur die Stirn geboten haben, Adolf Zanker war einer von ihnen.“ Auch das Schicksal von Georg Halder, einem Onkel Adolf Zankers, greift Buchholz auf. Dieser wurde ebenfalls von den Nationalsozialisten hingerichtet.

Sorge um die Familie

Es war eine mühevolle Arbeit, die Briefe zu „übersetzen“, wie Buchholz sagt. Teile seien geschwärzt oder verblichen gewesen, einzelne Buchstaben oder Worte habe man ob der undeutlichen Schrift herleiten müssen. Doch der Aufwand hat sich gelohnt, wie das kleine Buch belegt. Die Briefe sind ein berührendes Zeugnis eines Mannes, der das Gebot „Du sollst nicht töten“ über sein eigenes Leben stellte. Bemerkenswert ist, wie ergeben Adolf Zanker sein Todesurteil hinnahm und welche anrührenden Worte des Trostes er – seinen letzten Brief schreibt er zwei Stunden vor seiner Hinrichtung – für seine Familie fand. Aus den Seiten spricht die Sorge um seine Ehefrau. Aus der Ferne nimmt er Anteil an ihrem Bemühen, die Landwirtschaft auch ohne ihn weiter zu führen. Herzzereißend sind angesichts der nahenden Hinrichtung Sätze, wie: „Du brauchst nicht mehr Pakete schicken oder Briefe schreiben.“

In seinem Vorwort ordnet Buchholz die Briefe in den historischen Kontext ein. Dabei gelingt es ihm, Adolf Zanker zu würdigen, ohne die kritische Distanz zu dessen Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas zu verlieren. Auffallend sei, dass Zanker niemals missionarisch werde, auch wenn er häufig Bibelstellen zitiere. „Dabei handelt es sich ausnahmslos um apokalyptische Texte, die das Weltende beschreiben“, so Buchholz. Beeindruckt ist er auch von Anna Zanker, die ihren Mann ein paarmal in der Haft besuchte und dafür jedes Mal eine mühevolle rund 550 Kilometer lange Reise von Gruibingen nach Torgau auf sich nehmen musste. Bescheiden wie sie war, erhob sie nach Kriegsende keinerlei Ansprüche auf Wiedergutmachung. Nur um ein Paar Kinderschuhe bat sie.

Buchvorstellung in Faurndau

Der Herausgeber Christian Buchholz liest am Montag, 28. November, in der Galerie Stepanek in der Filseckstraße 9 im Göppinger Stadtbezirk Faurndau aus seinem Buch „Deine Tränen sind auch meine ...“. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr.

Christian Buchholz (Hrsg.): „Deine Tränen sind auch meine ... Briefe aus der Todeszelle von Adolf Zanker“, ISBN 978-3-95544-065-7, 68 Seiten, 13 Fotos, Manuela-Kinzel-Verlag in Göppingen, ist vom 25. November an im Buchhandel erhältlich. Es kostet 8,50 Euro.

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