Eigenheime aus Lehm, Holz und Stroh sind klimafreundlich.Die Nachfrage steigt, die Kostenlücke schrumpft. Ein Beispiel aus Freiburg.
Der Kran greift den riesigen Holzkasten und hievt ihn vom Anhänger. Der Kasten schwebt in der Luft, gleitet über ein Gerüst und senkt sich im Herzen der Baustelle. Drei Zimmermänner rangieren ihn so, dass er zentimetergenau auf dem Fundament aus Beton landet. Vier weitere Kästen liegen daneben, zusammengeschoben werden sie den Boden eines Einfamilienhauses bilden. Es entsteht zwischen lauter Villen an einem Hang im Bohrertal am Freiburger Stadtrand.
Einer der Zimmermänner wirft eine Kettensäge an, um ein Stück Holz aus dem Unterboden zu trennen. Hier soll ein Abwasserrohr durchstechen. Die Säge greift ins Holz, es fliegen Späne. Plötzlich rieseln dem Mann Halme ins Gesicht – Strohhalme. Das Innere des Holzkastens ist mit Stroh gefüllt.
Im ganzen Haus wollen die Bauleute, eine Freiburger Lehrerfamilie (die anonym bleiben will), so viele nachwachsende Rohstoffe wie möglich verbauen. Allein das Fundament ist aus Beton, und der Kamin wird ummauert. Der Boden, die Wände und Decken werden hingegen aus Holz bestehen, der Putz aus Lehm und die Dämmung aus Stroh.
Die Renaissance der Naturbaustoffe
Die Baufamilie ist Teil einer Renaissance, heißt es bei der Fachagentur nachwachsende Rohstoffe, die zum Bundeslandwirtschaftsministerium gehört. Das Interesse an Naturbaustoffen steige – und das habe viele Gründe. Putz aus Hanf, Böden aus Kork und Tapeten aus Baumwolle haben gemeinsam, dass man sie im Vergleich zu fossilen Baustoffen energiearm herstellen kann, dass ihr Recycling unproblematisch ist und sie als Kohlenstoffsenke dienen: Das Kohlendioxid, das die Pflanzen im Wachstum binden, bleibt im Haus gespeichert. Bauen ohne schlechtes Gewissen, das auch noch gesundheitliche Vorteile hat. Beides war für die Freiburger Familie ein Grund für ihre Entscheidung.
Abgesehen vom Holz sind nachwachsende Materialien bislang allerdings ein Nischenthema. Sie stellen dem Thünen-Institut zufolge sieben Prozent aller auf deutschen Baustellen verwendeten Baustoffe. Das Gros basiert auf fossilen oder mineralischen Rohstoffen: Zement, Gips, Ton. Deren Herstellung verschlingt enorme Mengen Energie, der Bausektor macht 38 Prozent der globalen CO₂-Emissionen aus. „Das Bauwesen ist einer der größten Treiber des Klimawandels“, heißt es aus dem Kompetenzzentrum Ressourceneffizienz. Allerdings verlangt das Klimaschutzgesetz auch vom Bauwesen Klimaneutralität bis 2045. Was können Naturbaustoffe dazu beitragen?
Die Zimmerei Grünspecht, mit der die Freiburger Baufamilie zusammenarbeitet, versucht schon seit fast 40 Jahren, umweltfreundlich zu bauen. In ihrer Halle in einem Gewerbegebiet haben die Zimmermänner Stroh in die Wände, das Dach und den Boden des Einfamilienhauses gestopft. Mit dem Dämmstoff arbeiten sie erst seit gut fünf Jahren und haben seitdem ein gutes Dutzend Wohngebäude und ein Vereinshaus damit ausgekleidet. Gerade steige die Nachfrage aber stark, sagt einer der Zimmermänner auf der Baustelle – in allen sieben weiteren Aufträgen für 2023 ist Strohdämmung vereinbart, weitere seien in Planung.
Stroh gilt als besonders nachhaltiger Baustoff. Es muss nicht eigens angebaut werden, sondern ist ein Nebenprodukt der Getreideernte: Die Halme von Dinkel, Weizen, Gerste oder Roggen werden nach dem Dreschen getrocknet und zu Ballen geformt. Da Getreide auf jedem dritten deutschen Feld wächst, lässt sich Stroh fast überall lokal beziehen. Weil es unverändert in die Wände gelangt, sinkt der Energiebedarf beim Bau eines Holz-Stroh-Hauses im Vergleich zu einem konventionell gemauerten Haus aus Kalksandstein und Mineralwolle etwa um die Hälfte. Und sollte das Haus in ein paar Jahrzehnten abgerissen werden, kann man das Stroh einfach kompostieren.
Kompletter Lehmverputz für das Haus
Drei Wochen, nachdem die Zimmermänner die Bodenplatten auf die Baustelle gehievt haben, steht das komplette Haus am Freiburger Stadtrand. Vor der Haustür schaufelt ein Angestellter der Zimmerei Grünspecht erdfeuchten Lehm in eine Putzmaschine und gibt Wasser dazu. Es entsteht eine schlammige Masse, die durch einen Schlauch ins erste Obergeschoss des Hauses fließt. Dort richtet ein Kollege die Spritzdüse auf die Strohwand, legt einen Schalter um und sprüht eine zwei Zentimeter dicke Schicht aus Lehm darauf. Das Stroh verschwindet hinter einer braunen Schicht. Der Mann stellt die Maschine wieder ab und greift zum Spachtel. „Jetzt muss es schnell gehen“, sagt er. Bevor der Lehm antrocknet, zieht er die Oberfläche glatt. In etwa einer Woche soll eine zweite Schicht folgen und ein paar Wochen später eine dritte. Dann soll das ganze Haus mit Lehm verputzt sein.
Lehm ist einer der ältesten Baustoffe der Menschheitsgeschichte. Sein Vorkommen ist weit verbreitet: Überall, wo es Ziegelwerke gibt, gibt es auch Lehm. „Die Ziegler können zu tonhaltige Erde nicht für gebrannte Ziegelsteine verwenden. Diesen Sekundärrohstoff nutzen die Lehmbauer“, erklärt Andrea Klinge, Professorin am Institut Nachhaltigkeit und Energie am Bau der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz. Weil es in Deutschland fast überall Ziegeleien gibt, kann auch Lehm meist regional bezogen werden, die Vorkommen gelten als groß.
Grundsätzlich könne er ohne weitere Aufbereitung auf der Baustelle eingesetzt werden, sagt Klinge. Manchmal werden ihm jedoch Tonmineralien oder Sand zugesetzt, damit er fester wird. Auch Stroh wird ab und zu beigemischt, damit sich weniger Risse bilden. Lehmputz habe eine Eigenschaft, die sonst wohl kein anderer Baustoff hat, sagt Klinge: „Er lässt sich unendlich oft wiederverwerten.“
Er ist auch unterschätzt, sagt Johannes Kreißig von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen: „Lehm hat eine fantastische Qualität und wurde trotzdem lange als Primitivware angesehen — das ist er nun wirklich nicht.“ Das Raumklima gilt in lehmverputzten Räumen als deutlich angenehmer. Der Lehm bindet Gerüche und Schadstoffe und reguliert die Luftfeuchtigkeit. Überschüssigen Wasserdampf gibt er bei Bedarf wieder ab. Und im Sommer bleibt es tagsüber im Haus länger kühl – eine natürliche Klimaanlage.
Dass Baustoffe wie Stroh und Lehm dennoch ein Nischendasein fristen, hat drei Gründe. Da ist zum einen die Skepsis. Die Freiburger Bauleute sagen am Telefon, sie seien anfangs argwöhnisch gewesen. Stroh als Dämmstoff? Das kannten sie überhaupt nicht. Können sich da nicht Mäuse einrichten? Und brennt das nicht schnell? Das Paar sprach mit anderen Bauleuten, die Erfahrung damit gesammelt hatten. Sie lernten: Mäusebefall ist genauso selten wie bei anderen Wandaufbauten. Und eine lehmverputzte Wand aus Stroh gilt als schwer entflammbar und kann einem Feuer mindestens 30 Minuten widerstehen.
Gelingt der Wandel vom Nischenprodukt zur industriell hergestellten Ware?
Grund Nummer zwei: die Kosten. „Als der Kostenvoranschlag vor uns lag, waren wir etwas überrascht“, erzählt das Freiburger Paar. „Wir dachten, Stroh und Lehm können ja nicht so teuer sein.“ Ein Rohbau aus Holz, Stroh und Lehm könne jedoch zehn bis 15 Prozent teurer werden als bei einem konventionellen Holzfertighaus, heißt es von der Zimmerei Grünspecht. Das liegt vor allem am Lehmputz. Der Rohstoff Lehm sei ebenso wie Stroh zwar relativ günstig, allerdings sei der Arbeitsaufwand deutlich erhöht. Insgesamt müssen drei Schichten verputzt werden und diese zwischenzeitlich tagelang trocknen. Da der Rohbau allerdings nur gut ein Drittel der Gesamtkosten des Hauses ausmache, sei ein Strohhaus im Gesamten zwischen drei und sechs Prozent teurer als ein konventionelles Fertighaus aus Holz.
Allerdings scheint sich die Kostenlücke zu schließen. Durch die hohen Energiepreise stiegen zuletzt zum Beispiel die Preise für Glaswolle, und der Unterschied zur Holzfaserdämmung sei nicht mehr so groß, sagt Johannes Kreißig von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen. Für die Herstellung von Glaswolle braucht es nämlich extreme Mengen Energie. Kreißig ist zudem überzeugt, dass die Preise für nachwachsende Rohstoffe sinken, sobald sie keine Nischenprodukte mehr sind, sondern industriell hergestellt werden können.
Grund Nummer drei: die Baubranche. Diese gilt gemeinhin als konservativ und risikoscheu. Nur langsam würden Firmen entstehen, welche nachhaltige Baustoffe anbieten. „Es geht jetzt darum, die Theorie in die Praxis zu übermitteln”, sagt Linda Hildebrand, Juniorprofessorin für Rezykliergerechtes Bauen an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen.
Hildebrand sieht viele Hebel, über die sich die Naturbaustoffe stärker verbreiten ließen: Bauplaner müssten sich mehr mit ihnen auseinandersetzen, Bauherren sie in ihre Auslobungen für Wettbewerbe schreiben, und auch die Industrie müsse mehr attraktive Produkte anbieten. „Viele der Produkte sind bislang Einzelteile und zum Beispiel nicht in allen Farben erhältlich.“ Experten sind ein weiterer Engpass: Im Raum Freiburg ist Grünspecht die einzige Zimmerei, welche die Kombination aus Holz, Stroh und Lehm anbietet – sie bekommt sogar überregionale Anfragen, kürzlich eine aus Spanien.
2021 stiegen die Holzpreise ins Absurde
Es scheint sich also etwas zu ändern. Was zur Frage führt: Wäre die Natur auch bereit dafür, wenn wir plötzlich viel mehr ihrer Baustoffe verwenden? Laut Statistischem Bundesamt bestand 2019 immerhin jeder sechste Neubau aus Holz – Tendenz steigend. 2021 stiegen die Holzpreise ins Absurde, in den USA und später auch in Deutschland war die Ressource knapp geworden. Nachhaltiges Bauen erfordert also auch ein Umdenken. „Wir werden nie alles in ausreichender Menge zur Verfügung haben“, sagt Johannes Kreißig. „Nachhaltig bauen und leben heißt, sich auf das Vorhandene zu begrenzen.“
Zurück ins Freiburger Bohrertal. Ende März steht innen noch etwas Arbeit an, die Installateure warten gerade, bis die letzte Schicht Lehmputz getrocknet ist. Außen fehlt noch die Holzverkleidung, ansonsten wirkt das Haus schon ziemlich fertig. Mit den großen Fenstern sieht es schick aus. „Unser Haus kann theoretisch in den Wald geschmissen und kompostiert werden“, sagt die Bauherrin. Diese Vorstellung gefällt ihr.