Reise mit Ryanair Wie der Billigflug zum Albtraum wird

Von Lena Appel 

Passagiere in Barcelona checken beim Billigflieger Ryanair ein. Foto: AP
Passagiere in Barcelona checken beim Billigflieger Ryanair ein. Foto: AP

Sie fliegen in Scharen durch Europa und werden von Sparfüchsen gejagt: die Vögel der Billigairline Ryanair. Wie unverschämt günstig sie sind, erlebt unsere Autorin auf einem Flug nach Porto. Wie können Passagiere an ihr Recht kommen?

Memmingen - Es ist 17:30 Uhr, Ankunft am Flughafen Memmingen. Das Thermometer zeigt 27 Grad. Im Biergarten neben dem Terminal verspeisen Mallorca-Touristen die letzte deutsche Currywurst, bevor sie sich in das Getümmel am Check-In-Schalter stürzen. Bis zur gläsernen Eingangspforte stehen die Fluggäste Schlange. Sie wedeln mit Reisepässen und Sonnenhüten, in der freien Hand das selbst gedruckte Ticket der Billigairline Ryanair: Preis 19,99 Euro, Abflug 21 Uhr.

Etwa zwei Millionen Passagiere chartert der kleinste Verkehrsflughafen Bayerns jährlich zu 44 verschiedenen Destinationen. Die Passagieranzahl steigt seit 2014. Thessaloniki, Sofia, Stockholm, quer durch Europa fliegen die Maschinen verschiedener Billig-Airlines. Am häufigsten wälzen sich die Flieger von Ryanair und der ungarischen Fluggesellschaft Wizz Air über die drei Kilometer lange Start- und Landebahn. Um 21 Uhr soll die Maschine nach Porto, einer Hafenstadt im Nordwesten Portugals in die Luft gehen.

Sperrige Kleidungsstücke führen sparsame Passagiere am Körper mit sich

Eine Stunde vorher ist die winzige Eingangshalle des Allgäu Airports erfüllt vom Rattern der Koffer, geschnürt für die Fracht im Billigflieger. Maximale Größe 55 x 40 x 20 Zentimeter, höchstens zehn Kilo. Mehr ist nicht erlaubt im Standardtarif der irischen Airline Ryanair. Wer die Vorgabe überschreiten will, zahlt online für zusätzliches Gepäck oder muss mehr als fünfzig Euro am Flugsteig blechen.

Sperrige Kleidungsstücke führen clevere Passagiere daher nicht im Gepäck, sondern am Körper mit. Zum Beweis schälen sich an der Sicherheitskontrolle reihenweise Menschen aus Jacken und tragen trotz Hitze festes Schuhwerk. Sie schwitzen und schwitzen noch mehr, als die Anzeigetafel eine Stunde Verspätung ankündigt.

Im ersten Halbjahr 2018 kamen von 348 000 Ryanair Fliegern 2200 stark verspätet am Zielort an, das entspricht 0,62 Prozent. Etwa ein Prozent der Flüge fiel aus. Ryanair lag damit im Mittelfeld, andere Billig-Airlines schnitten bei der Analyse des Flugrechteunternehmens Flightright schlechter ab. Allen voran die österreichische Gesellschaft Laudamotion: 2,32 Prozent der Flüge landeten mehr als drei Stunden zu spät, etwa drei Prozent hoben nicht ab.

Die Klimaanlage funktioniert nicht

Die Passagiere nach Porto sitzen um 22.30 Uhr abflugbereit in der Maschine. Die Klimaanlage geht nicht. Die Sicherheitseinweisung findet lautlos statt, denn das Flugpersonal spricht kein Deutsch. Von startenden Turbinen ist nichts zu hören. Nur der Pilot nuschelt hin und wieder in sein Mikrofon. Sein Englisch ist von einem anderen Stern, Portugiesisch versteht kaum einer.

Irgendwann sickert die Information durch, dass das Flugzeug einen technischen Defekt hat. Alle Passagiere müssen aussteigen und werden zu einem neuen Flieger gekarrt. Den stickigen Bus darf keiner verlassen, bis die Tankfüllung in den Bauch der Ersatzmaschine gepumpt ist. Nach zwanzig Minuten reißt ein Mann die Bustür auf: „Die sperren uns hier ein. Haben die einen Vogel?“

Haben sie, besser gesagt einen ganzen Schwarm. Die Billigfluglinien Ryanair und Easy-Jet beherrschen die Mittel- und Kurzstreckenverbindungen in Europa. Attraktiv machen sie die extrem günstigen Preise. Ryanair bietet Flüge ab 7,99 Euro an – und nimmt dafür schlechten Service in Kauf.

Theresa Kühne, eine Sprecherin von Flightright sagt: „Das Geschäftsmodell der Billigfluggesellschaften basiert auf knallharter Kostenkalkulation. Hierzu gehören auch sehr eng getaktete Flugpläne. Kleinste Zwischenfälle bringen den strengen Zeitplan schnell durcheinander, es kommt zu Folgeverspätungen und Ausfällen.“ Bei der Kundenbetreuung seien die Billigairlines oft überfordert. Sie kämen ihrer Informationspflicht nicht ausreichend nach und vernachlässigten die angemessene Versorgung der Wartenden, so auch auf dem Flug nach Porto.

Mit einer Verspätung von zwei Stunden und 45 Minuten öffnen sich die Türen

Von der abendlichen Schwüle steigen die Reisenden jetzt in die eiskalte Ersatzmaschine. Sie sind müde, durstig, drängen auf die Flugzeugtoilette. Die Wartezeit liegt bei über zwei Stunden. Von diesem Zeitpunkt an wäre die Fluggesellschaft verpflichtet, die Passagiere mit Essen und Getränken zu versorgen und sie E-Mails schreiben oder Anrufe machen zu lassen. Nichts ist der Fall, stattdessen verkauft das Bordpersonal nach dem Abflug Snacks. Frierende Fluggäste werden ignoriert, der Steward grinst nur.

Mit einer Verspätung von zwei Stunden und 45 Minuten öffnen sich schließlich die Türen zum Ausstieg. Der Flieger gilt offiziell als gelandet. Nach EU-Fluggastrechte-Verordnung kann eine Entschädigung aber erst verlangt werden, wenn der Flieger mehr als drei Stunden zu spät landet.

Die Höhe der Rückzahlung hängt dann nicht von der Flugdauer und dem Ticketpreis ab, es kommt auf die Flugstrecke an. Bei Kurzstrecken (zum Beispiel Stuttgart/Berlin) stehen Fluggästen 250 Euro zu, bei Mittelstrecken (zum Beispiel Hamburg/Barcelona) 400 Euro und bei Langstrecken (zum Beispiel Frankfurt/New York) 600 Euro. Wenn die Flüge wegen außergewöhnlicher Umstände wie Streiks, Sicherheitsrisiken oder technischer Störungen zu spät landen, sind die Airlines von der Zahlung befreit. In solchen Fällen können Passagiere auf eine schnelle Ersatzbeförderung bestehen. Bietet die Fluggesellschaft das nicht an, muss sie den ursprünglichen Ticketpreis erstatten.

Die Porto-Passagiere stehen um zwei Uhr nachts übermüdet an der Gepäckausgabe

„Billigairlines wie Ryanair, Easy-Jet und Vueling zahlen die Ansprüche nur extrem zögerlich bis gar nicht. Ryanair lässt es dabei fast immer auf eine Klage ankommen“, sagt Kühne von Flightright. Das Unternehmen prüft online, welche Rechte verspätete Flugreisende haben. Wenn die Juristen Geld von der Airline zurückfordern können, erhalten sie zwanzig bis dreißig Prozent Provision. Wenn nicht, ist der Service kostenlos. Für Laien ist das ein gutes Geschäft, die Abwicklung kann aber Wochen bis Monate dauern.

Im Fall Porto gibt die Fluggesellschaft Ryanair bekannt, dass die Fluggäste keinen Anspruch auf eine Entschädigung haben. Der Pressechef Robin Kiely entschuldigt sich lediglich für die entstandenen Unannehmlichkeiten: Der Flug habe sich leider wegen eines kleinen technischen Problems und Slot-Beschränkungen der Flugverkehrskontrolle verzögert. Zur unterlassenen Informationspflicht und der Nicht-Verpflegung der Reisenden will das Unternehmen nichts sagen.

Die Porto-Passagiere stehen um zwei Uhr nachts übermüdet an der Gepäckausgabe. Der öffentliche Nahverkehr schläft, die Billigreisenden müssen das Taxi zu ihrem Airbnb nehmen, in der Hoffnung, dass dort nicht die nächste Schnäppchenfalle zuschlägt. Der Trip im kommenden Jahr wird eine Fahrradtour mit Zelt.

Lesen Sie jetzt